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Endlich wieder live! Netzwerken und Austausch über die Entwicklung der Kreativ.Quartiere

Beim 15. Netzwerktreffen der Kreativ.Quartiere Ruhr kamen viele Kulturschaffende in der Bochumer Rotunde zusammen.

© Donna und der Blitz GmbH | ecce GmbH

Was haben ein Festival für Reparaturkultur, eine Zentrale für Neue Musik, und eine Raum-Installation aus Eiche-Rustikal-Möbeln gemeinsam? Alle sind Projekte, die im Rahmen des Kulturförderprogramms Kreativ.Quartiere Ruhr vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW gefördert und von ecce - european center for creative economy GmbH begleitet werden. Zum 15. Netzwerktreffen kamen viele Akteur*innen aus den Kreativ.Quartieren in der Rotunde Bochum zusammen, zeigten die bunte Vielfalt ihres Schaffens und untermauerten ihre Bedeutung für die Zukunft der Kreativ.Quartiere Ruhr.

Welchen Eindruck Kreativ.Quartiere hinterlassen können, davon berichtete Laura Weiß, Referentin aus dem NRW-Kulturministerium: „Ich habe Orte der kulturellen und künstlerischen Vielfalt mit einer enormen Bandbreite erlebt. Diese Orte können Impulsgeber für die Quartiersentwicklung sein, für kulturelle Teilhabe. Hier können Menschen Kunst schaffen und miteinander ins Gespräch kommen.“

Miteinander ins Gespräch zu kommen ist auch oberstes Gebot der Netzwerktreffen, die wegen Corona und einer Neukonzeption des Förderprogramms eine längere Pause eingelegt haben. Vorträge nehmen deshalb einen kleineren Teil der Veranstaltung ein. Die Referent*innen von zwölf ausgewählten, geförderten Projekten aus sechs Kreativ.Quartieren hatten jeweils genau drei Minuten, um ihre Aktivitäten vorzustellen. 

So lernte das Publikum in einem kurzweiligen Pitch-Format unterschiedlichste Projekte kennen. Zum Beispiel das MURX-Festival zur Reparaturkultur im Bochumer Viktoria.Quartier, dessen Initiatorin Josefine Habermehl sagt: „Es gibt die Ideen und Initiativen für eine Transformation der Gesellschaft schon, aber sie werden momentan vor allem mit ehrenamtlicher Arbeit vorangetrieben. Wir versuchen, sie sichtbar zu machen und auch zu bezahlen.“ Oder Annette Schnitzler, Projektpartnerin im Projekt Frei.Raum, das in der City Nord.Essen so genannte Parklets schafft, die Parkplätze in Begegnungsorte verwandelt: „Wir hoffen, dass Stadtentwicklung so eine andere Note bekommt, dass das Auto nicht mehr so im Mittelpunkt steht, wie es in der nördlichen Essener Innenstadt noch der Fall ist.“ Dustin Jessen und Steffen Hartwig treten mit dem Projekt Kunst.Stoff. an, ebenfalls aus Essen: „Wir wollen das Ruhrgebiet auf die Karte des künstlerischen Kunststoff-Recyclings bringen!“

Nach diesen Impulsen hatten die Teilnehmenden natürlich viel zu besprechen. ecce nutzte dafür die gemütliche Atmosphäre der Rotunde, wo im Format „World Café“ an fünf Stationen verschiedene Fragestellungen zur Diskussion standen wie: Welche Voraussetzungen braucht ein lebhaftes Quartier? Wie kann Eigeninitiative von unterschiedlichen Communities gefördert werden? Bei der Präsentation der Brainstormings und Impulse der kommunikationsfreudigen Gruppen schälten sich überraschend klar Visionen und Wünsche heraus, die wiederholt formuliert wurden.

Laut wurde etwa der Wunsch nach Verstetigung von einmal geschaffenen Strukturen, wofür es langfristigerer Förderungen – auch über fünf Jahre hinaus – bedürfe. Die Teilnehmenden wünschten sich mehr Diversität – nicht nur der Akteur*innen, sondern auch der Projekte. In den Quartieren brauche es möglicherweise eine übergeordnete Stelle oder digitale Kommunikationskanäle, die stärker vernetzen und auch steuern. In der Gruppe, die die nachhaltige Gestaltung von Quartiersprojekten diskutierte, kamen die ganz großen Fragen nach der ökologischen Umgestaltung der Gesellschaft auf, aber auch Selbstkritik: „Ist das Programm Kreativ.Quartiere nicht auch ein Wegbereiter für Gentrifizierung?“ 

Ein Teilnehmer erdete: „Einige Projekte müssten sich vielleicht wieder mehr auf das Wesentliche fokussieren, nicht auch noch versuchen, die Welt zu retten.“ Dazu passt ein Best-Practice-Beispiel, das gleich in mehreren Quartieren hervorragend funktioniert – zum Beispiel im Kunsthaus Mitte Oberhausen: Da kommen Menschen einfach zum gemeinsamen Kochen und Essen zusammen – und darüber sehr lebendig ins Gespräch über Kunst und die Frage: Wie wollen wir leben? 

 

Text: Max Florian Kühlem