Das Forum Europe Ruhr ist die Plattform für AkteurInnen und Organisationen aus Kultur und Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Ziel ist es, Dialoge und Kooperationen zu den wichtigen Themen der Zukunftsgestaltung zu initiieren und Brücken zu bauen zwischen den Branchen und Bereichen, zwischen Europa und dem Ruhrgebiet – mit der Kultur im Zentrum. Das Forum Europe Ruhr gründet auf dem Forum d'Avignon Ruhr, das jährlich von 2012 - 2016 auf der Basis einer deutsch-französischen Partnerschaft in Essen stattfand.

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© Sebastian Becker/ecce

Das #FER17 fand am 07. September in der Philharmonie Essen statt.

Keez Duyves FER17 Philharmonie Essen
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Kultur 360°: Das war das Forum Europe Ruhr – #FER17

Die 6. Ausgabe der internationalen Konferenz fand am 07.09.2017 mit 254 TeilnehmerInnen aus 18 Nationen in der Philharmonie Essen statt.

Newsflash und Statements

Thema 2017

Ob aus künstlerischer, kulturpolitischer oder volkswirtschaftlicher Perspektive: Derzeit erweitert sich der Wirkungsgrad von Kunst und Kultur weit über die Grenzen der gelernten Kultursphäre hinaus. Diese parallele Entwicklungen haben bei aller Verschiedenheit in Politik, Wirtschaft und Technologie anscheinend eins gemeinsam: die Potenzierung künstlerischer Rollen und ihrer Reichweite. Das Forum Europe Ruhr lud zu einem Rundumblick in Kunst, Wirtschaft, Technologie und Politik ein: Kultur 360°.

  • Kultur 360°: Das Thema im Detail

    KULTUR 360°

     

    Von Subvention zu Investition: Die Wahrnehmung von Kunst und Kultur in Politik und Gesellschaft erneuert sich. Dies belegt nicht zuletzt ein 2016 veröffentlichter Bericht des Europa-Parlaments: Demnach prägen Kultur und Kulturwirtschaft mit ihren künstlerischen Inhalten und Produkten die Wirtschaft, sie schaffen Werte, Wachstum und Arbeitsplätze, stärken nationale, regionale und lokale Identitäten und können mit ihren Identifikationsangeboten zum globalen politischen Dialog beitragen.

    Ob aus künstlerischer, kulturpolitischer oder volkswirtschaftlicher Perspektive: Derzeit erweitert sich der Wirkungsgrad von Kunst und Kultur weit über die Grenzen der gelernten Kultursphäre hinaus.

    Zu beobachten ist, wie die Einstellung von KünstlerInnen sich ändert: Sie fordern Gestaltung und politische Mitbestimmung und werden dabei immer mehr außerhalb der traditionellen "Kunstzone" aktiv. Sie verlassen den bisherigen Kunstbegriff und leben ein umfassenderes Selbstverständnis des Künstlers. So stellt die FAZ anlässlich der diesjährigen documenta fest: "Es ist als gerate der Gesellschaftsvertrag, der die Kunst vom Leben schied und ihr im Gegenzug Autonomie gewährte, ins Wanken."

    Künstlerische Möglichkeiten werden zudem auch noch durch digitale Technologien potenziert, es entstehen neue künstlerische Welten, künstlerische Disziplinen verbinden sich; digital können wir schon heute in andere Sphären eintauchen, um Kultur(en) umfassender denn je zu erschließen.

    Diese parallelen Entwicklungen haben bei aller Verschiedenheit in Politik, Wirtschaft und Technologie anscheinend eins gemeinsam: die Potenzierung künstlerischer Rollen und ihrer Reichweite.

    Welche Auswirkungen hat dies auf Kulturpolitik? Auf Kulturförderung? Auf die Kunst selbst? Das Forum Europe Ruhr nimmt angesichts der umfassenden – künstlerischen, wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen – Entwicklungen diese zentralen Fragen für Kunst und Gesellschaft heute kritisch in den Blick: Wie kann Kultur das halten, was sich alle von ihr versprechen? Wie konvergieren, wie konfligieren kulturpolitische respektive künstlerische Erwartungen und Ansichten über die gesellschaftliche Rolle von Kunst und Kultur?

    Zu diesem Thema lud das Forum Europe Ruhr 2017 zu einem Rundumblick in Kunst, Wirtschaft, Technologie und Politik ein: Kultur 360°.

Dokumentation 2017

Hosts of the Day:

Antonia Blau (Leiterin Europäische Projekte, Goethe-Institut Brüssel)

Pieter Aarts (Vorstandsmitglied, Design Management Network)

Der Programmflyer zum Download

  • Strategien I: Neue Räume für Kunst und Kultur

    Kultur ist Wirtschaft, und Kultur ist mehr als Wirtschaft: Künftige Strategien der Europäischen Union für Kultur sollen über Kulturförderung hinausgehen

    "Im Binnenmarkt kristallisiert sich immer stärker heraus, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft einer der am stärksten wachsenden Bereiche ist." Dr. Christian Ehler (MEP, Committee on Industry, Research and Energy / Co-Chair, Intergroup "Creative Industries", European Parliament) rechnet vor, dass zweieinhalb Mal so viele Menschen wie in der Pharmaindustrie in der Kreativwirtschaft arbeiten. Über drei Mio. Unternehmen zählen europaweit dazu – viele kleine, umso mehr verwurzelt in ihr direktes Umfeld. Genau darum spielten sie eine tragende Rolle im globalen Umbruchprozess. "Europa hat begriffen, wie bedeutend die regionale und kommunale Dimension beim Thema Kreativwirtschaft ist – auch wenn KünstlerInnen und Kreative dieser Dimension oft kritisch und misstrauisch gegenüberstehen." Für Ehler habe die Kultur- und Kreativwirtschaft essenziell damit zu tun, was Europa ausmacht. Nun sei wichtig, die Branche in ihrer Komplexität und Diversität zu fassen und als industriellen Sektor zu definieren, um sie auch fördern zu können. Erste Finanzmarktinstrumente wie der Garantiefonds verschaffen kulturellen und kreativen Initiativen mehr Kreditwürdigkeit. Ziel sei außerdem, die Kreativwirtschaft in alle Programme der EU zu integrieren, "sodass Forschungsprojekte die Freiheit bekommen, auch KünstlerInnen und Kreative zu engagieren". Ehler empfiehlt neuartige – konkrete und virtuelle – Räume, damit mehr KünstlerInnen und Kreative mit neuen Technologien in Berührung kämen. Auf dem Feld der digitalen Plattformen beobachtet Ehler einen „Abzug von Wertschöpfung von denen, die kreieren, zu denen, die verteilen“. Auch die großen Investmentströme flössen hierhin. Obwohl es doch unterm Strich immer die Inhalte seien, die den Kaufanreiz lieferten.

    "Kultur ist mehr als Content. Das", so Barbara Gessler (Head of Unit Creative Europe – Culture, Directorate General for Education, Youth, Sport and Culture, European Commission), "müssen wir uns bei neuen Förderprogrammen immer wieder vor Augen halten." Der europäische Mehrwert – nicht zuletzt der, voneinander zu lernen – stünde im Vordergrund. Die Leiterin der Abteilung Creative Europe – Kultur betont die Komplementarität mit anderen Programmen. Creative Europe habe in den ersten drei Jahren 3000 Arbeitsplätze geschaffen. Auch die Kosteneffizienz sei gestiegen. Solche Ergebnisse liefere die Halbzeit-Evaluierung, wobei sich die Wirkungen – zum Beispiel von Projekten zu sozialer Integration – noch gar nicht messen ließen. Nachhaltigkeit entstehe in jedem Fall aus grenzüberschreitenden Partnerschaften und Netzwerken, die sich aus der Zusammenarbeit von Kulturorganisationen bildeten. Gessler sieht "Spielraum nach oben, was die Kohärenz anbelangt und die cross-sektoriellen Synergien". Naturgemäß habe jede Generaldirektion einen anderen Blickwinkel: Während Gesslers Abteilung den Kulturbereich als Kerngeschäft sieht, schaut die Generaldirektion DG Connect auf Kohärenz mit der digitalen Binnenmarkt-Strategie. Viel zu kurz gekommen seien in Gesslers Augen "Export und Förderung europäischer Kulturakteure im globalen Kontext – heute wichtiger denn je". Ein neues Thema sei die Publikumsentwicklung: Sind es nur KulturkennerInnen, die sich angesprochen fühlen? Ein typischer Vorwurf an das Programm Kulturhauptstadt Europas, wobei RUHR.2010 für viele Vorbildcharakter habe. Ein anderes großes Thema sei das geringe Budget von Creative Europe, das in den letzten Jahren zu hoher Frustration bei den Antragstellern führte. Gessler hält eine Erhöhung des verfügbaren Budgets für wünschenswert. Dies sei Aufgabe der Politik und in den nächsten Jahren "eine Frage der politischen Prioritätensetzung".

     

    Text: Isabelle Reiff

  • Internationale Förderlandschaften – Programme für Prosperität

    Resilienz, Gesundheit, Teilhabe oder Emanzipierung: KulturförderInnen in Europa verfolgen gesellschaftliche Ziele jenseits traditioneller Kultursparten 

     

    "Wir interessieren uns sehr für soziale Resilienz", berichtet Michelle Dickson (Director, Strategy, Arts Council England), Direktorin Strategie, des Arts Council England. Die nationale Förderstelle unterstütze sowohl Kunst- und Kulturschaffende als auch GründerInnen, kommunale Projekte und Changemaker in Unternehmen. Museen würden auch geschult, alternative Einnahmequellen zu erschließen, um finanziell unabhängiger zu werden. Ein Pilotprojekt sei der Arts Impact Fund in Kooperation mit der Privatbank Merrill Lynch: Kulturelle Einrichtungen erhalten günstige Darlehen, wenn ihr Angebot sozial ausgerichtet ist und finanzielle Rendite verspricht.

    "Wir möchten die Wiederverwendung von digitalen Kulturinhalten in der Bildung und in der Kreativwirtschaft erhöhen." Milena Popova (Head of Re-Use Services, Europeana) ist Leiterin Re-Use Services bei Europeana. Das dazugehörige Portal biete Zugang zu mehr als 50 Mio. Büchern, Musik- und Kunstwerken in digitalisierter Form. Über 3500 Institutionen seien beteiligt. Popova baue die Kooperationen weiter aus und organisiert Online-Wettbewerbe, bei denen Geldpreise für die beste Wiederverwendung digitaler Kulturinhalte ausgelobt werden. Europeana stelle Projekte auch auf der Crowdfunding-Plattform goteo.org vor und lege denselben Betrag, der hier zusammenkommt, noch einmal dazu.

    "Nachhaltigkeit und Langfristigkeit liegen uns sehr am Herzen.", erklärt Pia Lange Christensen (Head of the Department, Regional Development, Central Denmark Region), Abteilungsleiterin Regionale Entwicklung, Central Denmark Region. Creating Impact heißt ihre Partnerschaft mit der Universität Aarhus, bei der kulturelle, wirtschaftliche und finanzielle Wirksamkeit von Projekten gemessen werden. Christensen plädiert für Initiativen zum Thema Kultur und Gesundheit. Ihr Projekt Kultur auf Rezept ermögliche kostenlosen Kulturgenuss im Dienst der Gesundheit – nachweislich wirksam gegen Depressionen, bei Angststörungen und Stress. Weitere Angebote in diesem Kontext seien Chorsingen und Tanzen für Parkinsonkranke als auch Leserunden mit Menschen unterschiedlicher Herkunft.

    "Das Netzwerken und die Zusammenarbeit ist unsere Mission." Dr. Christian Esch (Director, NRW KULTURsekretariat) sieht das NRW KULTURsekretariat nicht nur als Förder- und Entwicklungsstelle, sondern auch als Think-Tank. Er verweist auf die Veranstaltung Next Level – Festival for Games, eine gemeinsam mit Museen, Ministerien und weiteren Partnern entwickelte interaktive Plattform. In diesem Jahr würden erneut viele Aspekte der Spielebranche beleuchtet und einige Schlüsselfiguren persönlich zusammenkommen. Dass der Spieleentwickler Ubisoft mit an Bord ist, sei ein in Deutschland seltenes Beispiel für eine Kooperation zwischen öffentlichem Sektor und Privatwirtschaft.

    "Wir wollen nicht nur die Effizienz, sondern die Effektivität optimieren." Luca Bergamo (Vice Mayor, Cultural Development, Municipality of Rome), stellvertretender Bürgermeister für die kulturelle Entwicklung Roms, verweist auf Art. 27 der Erklärung der Menschenrechte: Das Recht auf kulturelle Teilhabe umfasse auch das am wissenschaftlichen Fortschritt. Doch das Kulturverständnis der DiskussionsteilnehmerInnen stelle allein Wachstum ins Zentrum. Bergamo lässt Bibliotheksbestände ins Umland fahren und veranstaltet Opernaufführungen in Vororten, um Menschen, die fern der innenstädtischen Kulturstätten lebten, Teilhabe zu ermöglichen. Bergamo will damit auch der ökonomischen Verzweckung entgegenwirken. Politik müsse mitbestimmen, wie Individuen das Digitale konsumierten, müsse durchsetzen, dass Kulturprodukte der Industrie nicht nur gut für die Gewinne, sondern auch gut für die Menschen sei.

     

    Text: Isabelle Reiff

     

     

  • Meet&Match

    Individuelle Förderung von Künstlerinnen, Künstlern und Kreativen (IKF)

    Kreativ.Quartiere Ruhr

    NICE Award

  • Diesseits von Geld und Geist oder wie und wozu bewirtschaftet man Kultur?

    KunstakteurInnen müssen dem, was sie schaffen, gemeinsam auf den Grund gehen, auch und gerade den zugrunde liegenden Algorithmen!

    "Schnittstellengestaltung wird in den nächsten Jahrzehnten das Thema von Kultur sein." Damit, so Dirk Baecker (Chair Holder of Culture Theory and Management, Witten/Herdecke University), können KünstlerInnen, UnternehmerInnen, IngenieurInnen und WissenschaftlerInnen in einem lernbereiten Austausch die "Bewirtschaftung von Kultur" be- und vorantreiben. Die aus der Moderne überlieferte Sichtweise, dass Natur, Kultur, Wirtschaft und Politik getrennte Bereiche sind, sei nämlich unhaltbar. Alles sei miteinander vernetzt. Daher ginge es auch um die Schnittstellen zwischen Mensch, Maschine, Organisation und Gesellschaft. Nicht zuletzt müssten KünstlerInnen und Kulturtreibende lernen, wie die digitalen Techniken funktionieren, welche neuen Möglichkeiten sie bieten, aber auch welche Kontrolle sie ausüben. "Kultur gehört zu einem der vielleicht größten, ‚künstlichen Gegenstände’." Baecker nutzt den 1981 von Herbert A. Simon eingeführten Begriff und fordert KulturmanagerInnen auf, die von ihnen geschaffene Kultur zu erforschen, "um auch Rechenschaft darüber ablegen zu können". Dabei ist für Baecker "Kultur (…) nichts anderes als die Zähmung von Kunst für gesellschaftliche Zwecke". Hätten Griechen und Römer Kultur als "zentrale Arbeit des Menschen an sich selbst", als Disziplinierung, verstanden, sei man im 18. Jahrhundert zum Kulturen-Vergleich übergegangen – als Folge der damals dominanten Medien: Die antike Kultur sei das Nebenprodukt einer Schriftkultur, die moderne Kultur das des Buchdrucks, und Bücher lesen, hieße, sich vergleichen lassen zu müssen. Unsere Kultur, die dritte Medienepoche, sei ein Produkt der elektronischen Medien und habe es mit wechselwirkenden Versuchen der Kontrolle zu tun.

     

    Text: Isabelle Reiff

  • Virtuelle Kunst

    Virtual Reality zwischen (un-)echter Horizonterweiterung und gefährlicher Vereinnahmung des Menschen

    "Neue Techniken zu durchdringen, neue Bildwelten und Herangehensweisen zu erschaffen, ist Anspruch und Aufgabe zeitgenössischer Kunstakteure bei einer so stark von technischen Devices geprägten Kunstform." Klaas Werner ist Projektleiter des medienwerk.nrw, zu dessen Kernaufgaben die diskursive Begleitung aktueller Medienkunst und digitaler Kultur zählt. Werner leitet zum Kunstaspekt des Themas Kultur 360° über, konkret in die "sogenannte immersive Kunst, deren Werke mit Virtual-Reality- und Augmented-Reality-Werkzeugen arbeiten und die den Rezipienten in das meist digital erzeugte Kunstwerk mitten hineinstellt".

    "Immer häufiger werden Menschen kollektive Erlebnisse in der virtuellen Welt teilen." Zu diesem Schluss kommt Dr. Ursula Ströbele (Institute for Art History and Aesthetics, Berlin University of the Arts), die in ihrer Habilitation über "Skulpturale Phänomene an der Schnittstelle zu Naturwissenschaften, Bioart und digitalen Technologien" Virtual Reality in der Welt der Kunst untersucht hat. Ströbele macht anhand einer Auswahl an Werken die Entwicklung deutlich, angefangen bei Hologrammen über Projektionen und Computergrafik bis hin zu Arbeiten, die z.B. per Head-Mounted-Display betrachtet werden oder, ergänzt um Gerüche und Geräusche, in die Haut eines Tieres versetzen.

    "Datenbilder weisen viele Parallelen dazu auf, wie Profile von uns erstellt werden." Giulia Bowinkel (Artist, Banz & Bowinkel) von Banz & Bowinkel hat den Computer erst nach dem Studium der Malerei als Medium für sich entdeckt. Banz & Bowinkel experimentierten ausgiebig mit Schüttungen, die sie zunächst händisch erstellten, digitalisierten und extrudierten und dann virtuell durchführten. Dabei wechselt das Erscheinungsbild durch geänderte Parameter wie Schwerkraft oder Viskosität. Das Künstlerduo schuf auch Avatare von sich selbst und aktuell eine Arbeit, in die die BetrachterInnen mittels VR-Brille eintreten können, um plastische VR-Objekte in der Simulation zu erkunden.

    "20 Millionen Euro pro Computerspiel sind der Grund, wieso künstlerische Bildästhetiken im Vergleich oft wirken wie aus den 1970er-Jahren." Keez Duyves (Artist, PIPS:lab), künstlerischer Leiter von PIPS:lab, arbeitet seit Jahrzehnten mit VR, "darauf wartend, dass die Technologie endlich mit uns mithalten kann". VR könne sich Keez Meinung nach z.B. bei Zugreisenden verbreiten. Dennoch sieht er aufgrund der breiteren Anwendbarkeit mehr Chancen für Augmented Reality. Mit zwei verschiedenen 360°-Kamerasystemen hat sein Team PIPS:lab einen Film mit sechs SchauspielerInnen für sechs ZuschauerInnen gedreht. Dabei versetzen modifizierte VR-Headsets jede/n in die Perspektive eines der ProtagonistInnen. Olfaktorische und taktile Reize und über Knochenschall hörbare Gedanken tragen zu einer hohen Immersion bei.

    "Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt, um in einer bequemen Virtualität zu verschwinden." Mona el Gammal (Director / Scenographer) erschafft mit ihrem Team reale Parallelwelten, die nach der Zukunft der Gesellschaft fragen. Dazu gehörte eine narrative Raum-Zeit-Installation in einem ehemaligen Fernmeldeamt während der Berliner Festspiele. BesucherInnen trugen dabei eine VR-Brille, die während des Durchgangs scheinbar gehackt wurde – als Reflektion über das Medium im Medium selbst. Arte hat das Projekt filmisch dokumentiert. El Gammal sieht in der VR-Technologie Risiken für Gesundheit und Privatsphäre, v.a. in den Händen von Unternehmen wie Facebook und Google oder des Militärs. Sie fordert eine Demokratisierung der Tools und ruft dazu auf, "den Nutzen der Technik zu hinterfragen und mitzugestalten, in welcher Form sie unser gesellschaftliches Leben verändern soll".

     

    Text: Isabelle Reiff

  • Strategien II: Neue Allianzen für Kunst und Kultur

    Wie wird Kultur vermittelt, und wer vermittelt mit welchem Ziel? KulturkennerInnen wissen: Kultur ist viel mehr als Meisterwerke!

    "Die Verbindung von digitalem und kulturellem Ökosystem besitzt enormes Synergiepotenzial." Georgia Abeltino (Director of Public Policy, Google Cultural Institute) führt die Möglichkeiten von Google Arts & Culture am Beispiel des Van-Gogh-Gemäldes "Rhonebarken" vor: Man sieht das Bild aus allernächster Nähe, jeder Pinselstrich wird sichtbar. Kurze Informationen zur Maltechnik, Entstehungsgeschichte und zum Erwerb des Bildes erläutern das Gesehene. Einzelne Bildausschnitte sind zusätzlich mit Zitaten van Goghs gepaart. Das Werk hängt im Museum Folkwang, einem von über 700 Kulturinstituten in Europa, die ihren Bestand mit der von Google zur Verfügung gestellten Gigapixel-Technologie digital erfahrbar machen. Abeltino betont die Gemeinnützigkeit dieses Projekts. Alle Rechte bleiben bei den Museen. Ziel sei es, „Kultur von jedem Ort der Welt aus zugänglich zu machen (...) und Narrative zu schaffen, die die Geschichten der Kunstwerke erzählen". Die Anwendung stehe dabei nicht in Konkurrenz zum physischen Erlebnis – im Gegenteil. Sie solle Interesse wecken, ins Museum oder in die Oper zu gehen. Abeltino nennt Jugendliche als wichtige Zielgruppe. Klassische Musik will Google bald in ähnlicher Weise vermitteln. Google arbeite auch daran, "maschinelles Lernen auf kulturelle Artefakte anzuwenden". Experimente dazu werden unter anderem im Cultural Institute in Paris durchgeführt. Zur Veranschaulichung greift Abeltino aus dem mittlerweile riesigen Bildarchiv zwei Kunstwerke heraus und lässt den hierfür entwickelten Algorithmus errechnen, über welche sieben anderen Kunstwerke zwei ausgewählte in Form und Farbe miteinander verwandt sind. "Kultur ist nicht nur Teil von Gesellschaftspolitik, sondern Ausgangspunkt und Fundament."

    Prof. Christian Höppner (President, Deutscher Kulturrat / Secretary General, Deutscher Musikrat) wünscht sich neue Allianzen für Kunst und Kultur, "denn nahezu alle gesellschaftlichen Themen sind kulturell grundiert, auch die gegenwärtigen Konflikte". Im Zeitalter populistischer Vereinfachung werde Kultur zur Aus- und Abgrenzung missbraucht. Dabei könne Kultur doch versöhnend und friedensstiftend wirken. Die vom deutschen Kulturrat mit Dachverbänden, Gewerkschaften und den Glaubensgemeinschaften angestoßene Initiative Kulturelle Integration sei "geprägt von der Überzeugung, dass Kultur Treiber gesellschaftlicher Veränderung ist". Das Ziel dieser Initiative sei eine "urkulturelle Aufgabe", nämlich Angst in Neugier zu verwandeln – Neugier auf das Unbekannte und Fremde, das jedem Menschen angeboren, aber spätestens in der Schule aberzogen würde. Höppner bedauert, dass das, was Kreative, Bildungs- und Kultureinrichtungen, die freie Szene und die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland an gesellschaftlichem Mehrwert zu bieten hätten, nicht ausgeschöpft und zu wenig in gesellschaftspolitische Kontexte gestellt werde. Höppner appelliert, "rasch eine Verständigung über den Kulturbegriff zu erzielen", idealerweise einen so weit gefassten, wie ihn die UNESCO-Erklärung von Mexiko-City propagiert. Auch Digitalisierung müsse von der Kultur her gedacht werden. Medienkompetenz sei kulturelle Kompetenz. Auch hochqualitative Plattformen wie Google Arts & Culture ersetzten nicht kulturelle Bildung, wofür jedoch nicht die Plattform, sondern die Bildungspolitik verantwortlich sei, die in Deutschland strukturell und qualitativ verbessert werden müsse.

     

    Text: Isabelle Reiff

© BVMI/Markus Nass
Statement Prof Dieter Gorny beim #FER17
FER17 Statements
© Frau Laurence Chaperon
Statement Dr Christian Ehler MEP beim #FER17
FER17 Statements
© Ralf Schultheiss
Eröffnungsrede Thomas Kufen beim #FER17
FER17 Statements
© Land NRW/Ralph Sondermann 2017
© Land NRW/Ralph Sondermann 2017
Minister of Culture and Science of the State of North Rhine-Westphalia; Germany
Forum Europe Ruhr FER17
© private
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Head of Unit Creative Europe – Culture, Directorate General for Education, Youth, Sport and Culture, European Commission; Belgium
Forum Europe Ruhr FER17
© private
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Vice Mayor, Cultural Development, Municipality of Rome; Italy
Forum Europe Ruhr FER17
© Klaas Werner
Klaas Werner ist Projektmanager beim medienwerk.nrw – einem Netzwerk aus nordrhein-westfälischen Institutionen aus den Bereichen Forschung, Lehre,...
Interview News FER17 Forum Europe Ruhr ecce 2017
Public Domain
Vom Verlust vernunft-basierter Gewissheiten hin zu Interaktionen mit intelligenten Maschinen und gesellschaftsoffenen Handlungsstrategien bei...
News Interview FER17 Forum Europe Ruhr ecce 2017
Alain Bieber bei "UNREAL: Eine Virtual-Reality-Ausstellung" © ecce
Digitalisierung der Künste #2 - Eine Interview-Reihe von ecce
News Interview FER17 Forum Europe Ruhr 2017 Bildende & visuelle Künste #digikuk ecce

Der Veranstaltungsort: Philharmonie Essen

Das Forum Europe Ruhr 2017 fand in der Philharmonie Essen  statt. Das denkmalgeschützte Gebäude der Philharmonie am Stadtgarten wurde nach einer grundlegenden Renovierung 2004 wiedereröffnet und beeindruckt das Publikum seitdem durch eine Synthese aus dem geschichtsträchtigen Saalbau, sowie ästhetisch moderner Neugestaltung. Die Räumlichkeiten an der Schnittstelle zwischen Kultur und Wirtschaft bildeten wie schon 2016 einen passenden Rahmen für das diesjährige Forum am 07. September 2017.

 

Philharmonie Essen, Huyssenallee 53, 45128 Essen

 

Infos zu Orten und Anfahrt

Philharmonie Essen
© Philharmonie Essen

Philharmonie Essen

Wandelhalle der Philharmonie Essen während des FAR16
© Vladimir Wegener/ecce

Meet&Match in der Wandelhalle der Philharmonie Essen während des FAR16

RWE-Pavillon der Philharmonie Essen während des FAR16
© Vladimir Wegener/ecce

RWE-Pavillon der Philharmonie Essen während des FAR16