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Geheimnisse in Schränken im GeOrgel

Stefan Demming sammelt Geschichten von Menschen aus der Nachbarschaft in Gelsenkirchen Ückendorf

© Stefan Demming

Text: Maria Eckhardt

Veröffentlicht am 1. Dezember 2022 in der WAZ | Nr. 279 | WGE_4

 

Braune Möbel mit Maserung im Stil „Eiche rustikal“ dominieren den Raum an der Bochumer Straße 150. Mit den geschnörkelten Metallgriffen lässt sich eine Vielzahl an Schubladen und Schranktüren öffnen. Ähnlich wie bei einem Adventskalender versteckt sich dahinter jeweils eine Überraschung. Mal sind es Geschichten von Menschen aus der Nachbarschaft, die sich als Audioaufnahme anhören lassen. Mal sind es Skulpturen aus Porzellan, mal Musikstücke, mal kommen Süßigkeiten, mal alte Fotos zum Vorschein. Hinter jeder Wand verbirgt sich ein Geheimnis, das mehr oder weniger mit dem Stadtteil zu tun hat.

Stefan Demming hat unter dem Namen „GeOrgel“ in dem ehemaligen Bräunungsstudio ein kleines Museum entstehen lassen, das sich kontinuierlich verändert und immer wieder Neues offenbart. „GeOrgel“ ist eins von vier Projekten, die durch das Programm „Kreativ Quartiere.Ruhr“ des Kulturministeriums NRW in Zusammenarbeit mit der ecce GmbH im Kreativquartier Ückendorf gefördert werden.

Das Missverständnis mit dem „Gelsenkirchener Barock“

Für das Kunstprojekt sammelte der gebürtige Münsterländer, der einige Zeit auch in Berlin und Bremen lebte, Mobiliar der 80er-Jahre im Ruhrgebiet. „Teils ergatterte ich es kostenlos durch Online-Kleinanzeigen, teils fand ich es am Straßenrand“, sagt der 49-Jährige. Die fünf Schrankwände baute er anschließend zu einem großen Möbelstück zusammen. Mehrere Soundabspielgeräte installierte er im Inneren der markanten Schränke, von denen er zunächst dachte, dass es sich um den typischen „Gelsenkirchener Barock“ handelte.

Bei der Recherche stellt er fest, dass unter den Begriff lediglich Möbel der 1930er-Jahre fallen. Schränke und Co. der 80er und 90er wurden allerdings durch Maserung, Farbe und Verzierung diesem Stil nachempfunden. Oftmals beklebte man dafür Sperrholzplatten mit Echtholzfurnier, um die damals beliebte Eichenoptik zu erzeugen. Da sich mit den Schränken ähnlich wie bei einem Musikinstrument verschiedenste Sounds erzeugen lassen, kam ihm die Idee mit der Orgel. Atmosphäre gibt dem Raum auch ein überdimensionaler Teppich, den Stefan Demming aus dem Wohnzimmer seiner Eltern erbte.

Was erwartet uns in den Schrankfächern?

Für das „Innenleben“ im Schrank wurde der bildende Künstler, der auch einige Zeit als Lehrer am Schalker Gymnasium tätig war, auf verschiedene Weise kreativ. Er interviewte Menschen aus der Nachbarschaft oder erstellte Fotos, die mit dem Quartier in Verbindung stehen. So traf er beispielsweise Ernst Oskar, dessen Lieblingsplatz das Wartehäuschen der Straßenbahnhaltestelle Stephanstraße ist. In einer Audioaufnahme erzählt er, warum er fast täglich dort hinkommt. Selina, Dora und Jamina, drei Nachbarsmädchen, singen hingegen stimmungsvolle Lieder.

Teils lassen sich die Soundaufnahmen, die sich in acht Schubladen verstecken und noch auf zwölf erweitert werden sollen, auch akustisch verändern. Generell wird der Besucher miteingebunden und kann auch interaktiv agieren. „GeOrgel ist auch irgendwie ein Experimentierraum“, erklärt Stefan Demming, der ein Jahr in der Künstlersiedlung Halfmannshof tätig war. Seine Projekte fanden größtenteils im öffentlichen Raum statt. „Mir gefällt es, Orte und Räume zu gestalten und zu inszenieren“, sagt er.

 

Lesungen, Diashows und Konzerte im GeOrgel

Besucher kommen seit der Eröffnung Ende September immer wieder mit eigenen Geschichten. „Ich finde den Stadtteil sehr interessant“, sagt Stefan Demming. „Es gibt schöne Ecken, aber auch Probleme. Ich versuche, selbst zur kulturellen Bereicherung der Straße beizutragen.“ So sorgt er für ein regelmäßiges Kulturprogramm durch Vorträge, Lesungen, Diashows und Konzerte. Zunächst ist das Projekt auf ein Jahr befristet, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass es danach weiterläuft.

Geöffnet hat GeOrgel immer von Donnerstag bis Sonntag von 16 bis 20 Uhr. Jeder, der mag, kann dann vorbeikommen. Der Eintritt ist frei.

Mehr unter: georgel.me