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Es lebe das Kollektiv!

Künstlerin Evelyn Bracklow erobert mit Ameisengeschichten das Unionviertel

© Evelyn Bracklow

Text: Daniela Berglehn

Veröffentlicht am 15. November 2022 im Nordstadtblogger

 

Mögen Sie Ameisen? Haben Sie schon mal das Hin und Her auf einer Ameisenstraße beobachtet oder einen Ameisenhaufen im Wald bestaunt? Oder finden Sie das Gekrabbel eher unheimlich, vielleicht sogar ekelig? Die Dortmunder Künstlerin Evelyn Bracklow jedenfalls ist fasziniert und hat die Ameise zu ihrem ganz persönlichen Forschungsgegenstand erklärt.

Drei Glieder, drei Beinpaare und Omas Porzellan

Alles begann vor fast zehn Jahren mit ihrer Porzellanmalerei. Alte Vasen, Tassen, Teller wurden von Evelyn Bracklow mit den kleinen schwarzen Tierchen verziert – einzeln oder in Gruppen eroberten die Ameisen goldene Tellerränder, tauchten in Schüsseln unter oder wieder auf.

Auf Basis einer ganz einfachen Struktur – drei Glieder, drei Beinpaare – entstand eine unendliche Vielfalt. Die Objekte wurden ausgestellt, für Preise nominiert und wanderten einmal um den Globus. Und mit jedem Buch, jedem Bild und jedem Gespräch stieg die Faszination der Künstlerin für diese ganz besonderen Insekten.

 

Der Ameisenstaat ist weiblich – ein Vorbild?

Heute weiß sie: Zwischen 20.000 und 30.000 Arten gibt es laut Wikipedia und sie existieren in allen Klimazonen – von den Tropen bis nach Sibirien. Sie sind mit die ältesten Tiere des Planeten, denn Fossilienfunde aus der Kreidezeit belegen ihre Existenz seit 100 Millionen Jahren. 

Und eine Ameise kommt selten allein. Ameisen sind in Staaten organisiert, in drei Kasten, beherrscht von einer Königin. Dazu kommen Arbeiterinnen, Soldatinnen. Der Ameisenstaat ist weiblich. Ein Vorbild?

Evelyn lacht. Anfangs war da schon Bewunderung für das, was hier im Kollektiv möglich sei, aber tauche man tiefer ein in das Modell Ameisenstaat, gehe es teilweise doch ganz schön brutal zu. „Trotzdem kann man von den Ameisen lernen“, erklärt sie, „zum Beispiel wie man zusammenarbeitet.“ 

Im September startete sie nun im Unionviertel ihr Projekt „Antology“ – ein Wortspiel aus „Ant“, dem englischen Wort für Ameise, und „Anthologie“, einem Begriff aus der griechischen Sprache, der heute eine Zusammenstellung verschiedener Medien zu einem bestimmten Thema bezeichnet.

Der „Ant Room“ in der Kleinen Beurhausstraße

Und da auch Ameisen nie alleine arbeiten, sollen viele Menschen an der „Ameisen-Sammlung“ beteiligt werden, Nachbar:innen genauso wie Wissenschaftler:innen oder Kulturschaffende, am liebsten das ganze Viertel. Treffpunkt für die Ameisenfans ist der sogenannte „Ant Room“ in der Kleinen Beurhausstraße 5-7. 

Das Dortmunder Frappanz Kollektiv hat Evelyn Bracklow den Raum für das Projekt überlassen und er dient ihr und ihrer Assistentin Tabea Sieben nun als Forschungszentrale, Planungsstätte, Aktionsraum und Ausstellungsfläche.

 

Einladung zur Begegnung mit Ameisen

Im Ant Room finden Talks und Vorträge statt, der letzte z.B. am 16. November. Unter dem Titel „Begegnung mit Ameisen“ haben die Erziehungswissenschaftlerinnen Ulrike Mietzner und Nushin Hosseini-Eckhardt von der TU Dortmund untersucht, wie die Begegnung mit Ameisen, die Wahrnehmung unserer Umwelt und Mitwelt schärfen und vielleicht auch den Blick auf uns selbst verändern kann.

Und auch die ersten Workshops mit Kindern haben schon stattgefunden, z.B. in Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen Sabine Funk und Sandra Opitz. „Unser Thema ist Gemeinschaft“, erklärt Bracklow das Konzept. „Wir versuchen mit der Idee der Ameisenstraßen Verbindungen zu schaffen.“ Wie entstehen überhaupt Verbindungen? Wann möchten wir etwas gemeinsam machen, wann möchten wir einfach mal ausbrechen? Und was können uns die Ameisen dazu erzählen? Den Kindern jedenfalls macht es Spaß, Ameisen zu malen, zu basteln und selbst als Viel-Füßler die Gegend zu erkunden.

 

Gesucht wird deine Ameisengeschichte!

Weitere Kooperationen, Workshops und ein Straßenfest sind noch für dieses Jahr geplant, denn der Ameisenkosmos soll wachsen. Wer neugierig geworden ist und mitmachen will, hat jeden Donnerstag zwischen 15 und 17 Uhr die Chance dazu. Dann finden die sogenannten Ameisensprechstunden statt. Bilder, Bücher und echte Ameisen können im Ant Room bestaunt werden.  „Wir sammeln in der Sprechstunde Ideen, basteln und entwickeln eine Ausstellung“, so Bracklow. Botschaften und Bilder können aber auch außerhalb der Sprechstunden über die Website oder den Ameisenbriefkasten am Haus eingereicht werden. An Ideen wird es nicht mangeln. Sie ist überzeugt: „Wir alle haben eine Ameisengeschichte in uns  – die Frage ist nur: welche ist deine?“

 

Weitere Informationen:

  • Ameisensprechstunde ist immer donnerstags zwischen 15 und 17 Uhr, im Projektraum Kleine Beurhausstraße 5-7    
  • Kontakte, Termine und weitere Bilder im Internet: www.antology.org
  • Antology auf Instagram