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ART SQUARE Ruhr.Kreativ

Mülheim, wo Woolworth zur Anlaufstelle für Kunst und Kreativität wird

 

© Sebastian Becker/ecce

Samstagmorgens. Die Kinder werden nach dem Frühstück schnell angezogen und dann geht es mit der gesamten Familie in die Stadt. Ein kleiner Einkaufsbummel in der Mülheimer Fußgängerzone. Von einem bunt geschmückten Schaufenster zum nächsten schlendern und mittags eine Kleinigkeit essen. Das wird vermutlich mittlerweile die Ausnahme sein. Anfang 2015 stand in Mülheim jedes fünfte Ladenlokal leer. Das heißt in Zahlen, dass 70 von 350 Schaufenstern im letzten Jahr ungeschmückt blieben – mit steigender Tendenz. (Quelle: Der Westen) Die Läden, die einen Mieter gefunden haben, sind aus stadtplanerischer Sicht nicht qualitativ hochwertig. Friseure reihen sich an Handyläden reihen sich an Imbissbuden. Für die Städte ist es ein schwieriges Unterfangen solche Innenstadtwüsten wieder neu zu beleben. Oft greifen sie auf externe Investoren zurück und lassen sich einen Konsumtempel in Sandsteinoptik als goldenes Kalb verkaufen. Nicht selten sind die Folgen davon eine zunehmende Verödung der Einkaufsstraßen und der Gnadenstoß für den mittelständischen Einzelhandel.

Einen anderen Ansatz bei der Leerstandsbelebung verfolgen Menschen wie Gert Rudolph. Er möchte die Innenstadt Mülheims ebenfalls attraktiver gestalten, sie beleben, jedoch gleichzeitig der lokalen Kultur einen Anschub geben. Bereits 2015 wagte er mit dem Projekt ART SQUARE  einen ersten Versuch und bespielte zusammen mit ansässigen Künstlern verschiedene Ladenlokale in der Innenstadt. Damals lag der Fokus deutlich auf der Leerstandsnutzung und weniger auf der Verzahnung der Szene. 2016 wurde das Konzept ausgebaut und nahm sich statt vieler einem einzigen Gebäude zwischen Handyläden und Friseuren an. Vom 13. bis zum 30. Oktober wurden die ehemaligen Räumlichkeiten der Woolworth-Filiale in der Schloßstraße 35 als Ausstellungsfläche, Atelier, Regalshop, Konzert- und Lesebühne genutzt und damit ein temporärer Ort der kreativen Arbeit und Kultur in der Mülheimer Fußgängerzone installiert.

 

 

Rund 100 Menschen waren an dem Projekt beteiligt, wovon circa 80% laut Schätzung von Gert Rudolph aus der Mülheimer Szene entsprungen sind. Seien es DJs, Musikerinnen, MalerInnen, FotografInnen, Poetry SlamerInnen, SchauspielerInnen, KabarettistInnen oder ZaubererInnen. „Was zum Erfolg beigetragen hat, war die Einbindung der lokalen Szene“, erzählt er und meint mit Erfolg ungefähr 3000 Besucher, die in den gut zwei Wochen die offenen Türen genutzt haben, um beispielsweise die Lesung von Hoshyar Youssef und Khosrou Mahmoudi  oder aufgeladenen Deutschrock von Ankerkette zu genießen.

Es war ein deutliches Signal, welches der ART SQUARE Ruhr.Kreativ damit gesetzt hat – nicht nur nach außen. Denn einer der Schwerpunkte in diesem Jahr war die Vernetzung der lokalen Künstler und Künstlerinnen, damit diese zukünftig mehr zusammenarbeiten. Ein Effekt der durch die räumliche Nähe recht schnell auftrat. „Im letzten Jahr haben wir viele Ladenlokale in der Innenstadt gehabt und dieses Jahr war alles unter einem Dach. Da hat man gemerkt, dass unter den verschiedenen Akteuren schon eine gute Dynamik entsteht“, erzählt Rudolph.

Ein wichtiger Punkt, denn ohne Anspruch an Nachhaltigkeit führt Kultur ins Leere. So stand von Anfang an die Frage im Raum: „Was bleibt, wenn der Art Square vorbei ist?“ Eine erste Ausgliederung ist zum jetzigen Zeitpunkt zumindest angedacht. So sollen MülheimerInnen auch in Zukunft die Möglichkeit haben, in Regalen voller lokaler Produkte zu schmökern. Aus dem temporären Regalshop soll sich nach Möglichkeit ein Ladenlokal formen, das von der Mülheimer MachART  befüllt werden soll. „Mülheimer Kreative präsentieren ihre Arbeiten“ steht es in geschnörkelten Lettern unter dem Logo.

Doch ein Laden reicht wohl nicht aus, um eine Szene geschweige denn eine Innenstadt neu zu beleben. Es bedarf autarker Initiativen aus den Reihen der KünstlerInnen. So hofft natürlich auch Gert Rudolph, dass diese Blut geleckt haben und nun anfangen selber Projekte zu realisieren. „Es gibt unglaubliche viele Leute, die etwas machen. Die nach meinem Gefühl auch gute Sachen machen. Die Aspekte der Vernetzung und Zusammenarbeit gilt zu fördern“, schätzt er die lokale Szene ein und ist glücklich darüber, dass auch die BesucherInnen ein starkes Signal gesendet haben. Zwar sei ein kleiner Anlauf fällig gewesen, doch die Reaktionen im Nachhinein durchweg positiv ausgefallen. „Beim Publikum haben wir gemerkt, dass es das geschätzt hat“, erzählt er nicht ohne Stolz und freut sich auch darüber, dass sich die Besucher auf Neues eingelassen haben: „Wir haben sehr viel Verschiedenes unter einem Dach gehabt. Da sind Leute gekommen, die abends zum Poetry Slam wollten, und sich auf einmal in einer Kunstausstellung wiederfanden.“

Der Bedarf an Kultur und Kunst ist nach seiner Ansicht also vorhanden. So besuchten auch städtische EntscheiderInnen den ART SQUARE und sein facettenreiches Angebot. Gert Rudolph erhofft sich dadurch, „dass jemand, der in der Zukunft über solche Sachen redet, auf offene Ohren stößt, weil Kunst und Kultur durch das Projekt erlebbar geworden sind.“

Wer weiß, vielleicht findet sich irgendwo noch ein wenig Etat für ambitionierte Nachwuchsprojekte und Mülheim bekommt sein Anlaufpunkt in der Innenstadt, ein Café mit kleiner Bühne, guten Getränken und kleiner Karte. Vielleicht findet dort einmal im Monat eine Ausstellung statt und jeden Freitag ein Konzert. Es wäre ein erster Schritt zur Leerstandsnutzung und einer neu belebten Innenstadt. Man wird sehen – die Weichen sind jedenfalls gelegt.