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Loner?! – Portrait einer Szene

Es sind die 80er Jahre. Sounds lauter Gitarren und politische Botschaften haben aus Großbritannien ihren Weg in die Städte der Bundesrepublik gefunden. Der Punk ist in Deutschland angekommen.

© Sebastian Becker/ecce

Mit ihm als Vorbild bildete sich eine musikalische Bewegung – die Neue Deutsche Welle. Vorne mit dabei Extrabreit, Grobschnitt und Nena aus Hagen. Heute mit eher gemischten Gefühlen betrachtet, verzeichneten sie damals teils internationalen Erfolg. Der Stadtteil Wehringhausen ist als Geburtsstätte der NDW bekannt geworden, mittlerweile gilt er jedoch als heruntergekommen und mit ihm gerät Hagens musikalische Vergangenheit langsam in Vergessenheit. Dabei gibt es sie noch, die Musiker, die ihr Leben der Kunst widmen. Eben diesen möchte Josh von Josh & The Blackbirds mit einer Dokumentation wieder eine Bühne geben, sie nach ihren Beweggründen fragen und die Brücke von den 80ern bis ins heutige Wehringhausen schlagen. Loner?! lautet der Arbeitstitel und soll nicht weniger erzählen als die Geschichte der Musik selbst.

Es ist Ende der 70er Jahre. Der Sound lauter Gitarren und politische Botschaften schwappen aus England hinüber nach Deutschland. „God save the Queen“ – der Punk hat die Bundesrepublik erreicht und mit ihm eine neue Bewegung der Musik. Mit den Vorbildern aus Großbritannien im Hinterkopf sprießen Bands nur so aus dem Boden. "Man stand morgens auf und hatte das Gefühl, dass sich über Nacht schon wieder fünf Bands gegründet haben“, erzählt Kai Havaii in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Er ist Sänger der Band Extrabreit und meint damit im speziellen eine Stadt in Nordrhein-Westfalen: Hagen.

Hagen gilt als Wiege der Neuen Deutschen Welle (NDW) und brachte Bands wie Extrabreit, Grobschnitt und die Humpe Schwestern, aber auch die international bekannte Nena hervor. Prof. Dr. Frank Hillebrandt, Professor für Soziologie an der Fern-Uni Hagen, beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle Rock und Pop beim gesellschaftlichen Wandel spielen. In einem Interview mit Der Westen im Jahr 2014 erklärt er, dass er die Grundlage für den plötzlichen Boom von Hagener Musikern vor allem an einem Punkt ausmache: „In Hagen gab es schon sehr früh einen Treffpunkt, wo junge Menschen treffen ihre eigene Musik machen konnten. Das war in der damaligen Zeit höchst ungewöhnlich.“ Die Rede ist vom heutigen Kultopia, das 1963 als Jugendzentrum eröffnet wurde und bis heute ein Anlaufpunkt für Musiker ist.

Doch wer heute Hagener nach Nena und Co. fragt, wird zwar vermutlich eine Geschichte à la „Die hat früher zwei Straßen weiter gewohnt“ oder „Mit denen bin ich zur Schule gegangen“ hören, allerdings keinerlei musikalische Identifizierung erfahren. Dabei waren sie damals alle da. Speziell in Wehringhausen, wo es zu dieser Zeit viele Proberäume gab und KünstlerInnen aus ganz Deutschland gerne mal Bier getrunken haben, bis das Licht anging. Nun ist davon nicht mehr viel übrig. Wehringhausen gilt weiterhin als alternativ, jedoch gleichermaßen als heruntergekommen. Viele Altbauten sind verwahrlost, Proberäume gibt es kaum noch und die hiesige Musikszene hat das mediale Scheinwerferlicht verloren.

 

 

„Begreif doch in den Metropolen ist für dich nichts mehr zu holen.“ - Extrabreit, „Komm nach Hagen“

Sie sind aber noch da, die Musiker in Hagen. Heute weniger poppig als damals, aber oft genug noch mit Punk im Herzen. Serjoscha Huff von der Band Josh & The Blackbirds ist einer von ihnen. Er hat es sich nun gemeinsam mit einigen anderen zur Aufgabe gemacht, eben diesen Musikerinnen und Musikern wieder eine Bühne zu geben. Nicht im klassischen Sinne, sondern in Form einer Dokumentation. „Auch nach den 80er Jahren wurde in Hagen noch Musik gemacht. Das war auch der Anlass den Film zu drehen. Gerade im Stadtteil Wehringhausen, der traditionell dafür bekannt ist, gegenkulturell im Punkrock Bereich aktiv zu sein“, erklärt er die Idee hinter dem Film. „Es ist natürlich auch eine Möglichkeit sich selbst darzustellen - für uns als Band und für die Bands, die mitmachen.“

Bislang sind, neben Joshs eigener Band, The Mad Moiselles sowie Mütze Liedermacher dabei. Letzter arbeitet mit Josh in der Pelmke, einem Kulturzentrum in Wehringhausen. “Wir haben einen sehr musikalischen Tresen.” Jedoch birgt die Dokumentation nicht nur die Möglichkeit, die aktuelle Musikszene zu portraitieren, sondern auch die Brücke zu Bands aus den 80ern zu schlagen. So werden sich auch Extrabreit im Film zu Wort melden. “Da freue ich mich besonders drauf, weil ich für die Jungs schon lange als Roadie und Monitormann arbeite.“ Dabei hatte auch Josh anfangs die üblichen Vorurteile gegenüber den NDW-Musikern: „Für mich war Extrabreit auch immer eine Band, die man auf einem Schützenfest gehört hat. Als ich aber das erste Mal für sie gearbeitet habe, habe ich die lauten Gitarren gehört und gesehen, dass der Gitarrist ein Social Distortion-T-Shirt anhatte. Ich dachte, die scheinen doch einen guten Geschmack zu haben. Der Drummer ist auch heftig. Das muss doch eine geile Rockband sein. An einem guten Tag, muss man sich lange umsehen, um eine Band zu finden, die so einen Sound noch spielt. Bisschen Rock N Roll, bisschen Indie und 80er und textlich total witzig und originell. Das ist total typisch für Hagen. Dieses halbprovinzielle, sich darin ein bisschen suhlen, Berlin scheiße finden.“

 

„Dort wirst du maßlos unterschätzt, komm, komm jetzt!“ – Extrabreit, „Komm nach Hagen“

Im Film wird es um die schwierigen Zeiten und das Durchhalten gehen, darum, was die Menschen auf sich nehmen, um Musik zu machen, darum ein Musiker zu sein. Die Parallele zwischen damals und heute sieht Josh in den jeweiligen Ursprüngen der Bands. „Extrabreit haben aus den gleichen Gründen wie wir angefangen, Musik zu machen. Auch sie hatten schwierige Zeiten, machen es aber immer noch. Da geht es auch nicht immer um Geld. Klar, waren das auch kommerzielle Veranstaltungen und die müssen ebenso davon leben. Aber irgendwie macht man das ja auch aus einem ganz eigenartigen Antrieb. Das kann man gar nicht erklären. Aber es wäre doch schön, so ein Sammelsurium an Erklärungsansätzen zu haben.“

Außerdem füllen Dekaden an Bandgeschichte auch Bibliotheken mit Geschichten. „Ich habe die Storys schon, ich habe sie nur nicht aufgenommen. In irgendeinem Hotelzimmer um 3 Uhr, haben wir ein bisschen was getrunken und ich habe andächtig gelauscht und mich kaputt gelacht. Ich hoffe, dass die Leute das auch haben, wenn sie den Film sehen.“ Ein bisschen Fantum unter Musikern in einer Dokumentation für Fans von Musik. „Die Geschichten werden zugegeben auch oft mit der Zeit besser“, scherzt Josh. Für den Film wird jede Band einen Song im Schallsucht Studio aufnehmen. Das liegt zwar nicht in Wehringhausen, ist aber auch Teil der musikalischen Historie der Stadt. So produzierte Siggi Bemm hier einst die Werke verschiedener Künstler. Er war für Alben von Peter Maffey ebenso verantwortlich wie für die verschiedener Größen der Metalszene und Extrabreit. Nun hat es mit Michael Danielak einen neuen Besitzer. Hier hat das Team ein flexibles Setup aufgebaut, damit die Bands Songs aufnehmen können, die später teilweise exklusiv in der Dokumentation verwendet werden. Außerdem sollen sie interviewt und die jeweiligen Proberäume gezeigt werden. Einer davon in einem der Hinterhöfe in Wehringhausen: „Der Abhängraum ist da größer als der Proberaum. Das ist auch konsequent.“

Für Josh bieten die Dreharbeiten aber auch eine Möglichkeit Danke zu sagen. Viele der Musiker kennt er schon seit Jahren und weiß um die problematische Lage der Szene. „Wenn wir mal einen Gig spielen, lege ich Wert darauf, jedem ein bisschen Geld zu geben und wenn es nur ein Fuffi ist. Natürlich ist es ein Hungerlohn, den du an dem Abend schon wieder ausgibst. Aber es ist für uns, obwohl wir es so lange machen, nicht selbstverständlich, dass wir Geld kriegen, sodass jeder etwas mitnimmt.“ Daher war es ihm ebenso wichtig, auch jeder der Bands einen kleinen Betrag für die Zusammenarbeit anbieten zu können – wobei diese sich laut ihm teilweise sehr überrascht darüber zeigten. „Da kannst du dir schon vorstellen, wie Gagenverhandlungen aussehen“, scherzt der Musiker.

 

„Komm nach Hagen, werde Popstar, mach dein Glück!“ – Extrabreit, „Komm nach Hagen“

 

Der Arbeitstitel des Films lautet Loner?!. “Das ist ein Song von uns und es geht darum, ob ich hier alleine bin. Macht das hier jeder für sich und wäre es nicht besser mal etwas gemeinsam zu machen?“ Gerne würde er sehen, wie die Szene enger zusammenrückt. „In Hagen ist ein ganz großes Problem, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Jeder ist hier Solokünstler“, beschreibt Josh die Situation halbwegs ernst gemeint. Ein Pool aus Musikern, würde die Situation seiner Meinung nach verbessern. Da viele mittlerweile Familie und Jobs haben, sei es nicht immer einfach gemeinsame Livetermine zu finden. Durch eine engere Vernetzung zwischen den Bands, „könnte man auch mehr live spielen.“ Darauf aufbauend wäre eine gemeinsame Booking-Agentur für Josh denkbar. “Aber das muss halt jemand machen.”

Vielleicht ist der Film ein erster Schritt in diese Richtung. Ein Beweis für eine aktive Szene, die durchaus auch Qualität bietet. Darauf aufbauend braucht es MacherInnen – in Form von MusikerInnen, aber auch VeranstalterInnen und anderen kulturellen Akteuren. Ein Ansatz wäre von den klassischen Prozessen abzuweichen. „Manchmal kommst du einfach nicht weiter mit der klassischen Arbeitsweise. Ich schreibe zum Beispiel immer erst einen Text und dudel dann darauf rum. Neulich habe ich aber eine Doku über Bruce Springsteen gesehen, der sowieso mein absoluter Hero ist, und der sagte: Das ist, als ob du ein Auto reparierest. Du hast irgendwelche Karren da rumstehen und merkst, das Teil funktioniert noch in dem Auto. Dann packen wir noch den Motor da rein und vielleicht läuft das Auto dann. Das finde ich einen sehr guten Vergleich.“ So setzt sich der Film zusammen und letztendlich auch eine Szene. Doch bevor das Auto läuft, soll der Film erstmal Geschichten erzählen. Die der Proberäume, der Nächte im Tourbulli und der roten Zahlen am Ende des Monats. Die der goldenen 80er und die der Musiker, die trotzdem morgens aufstehen, um das zu leben, was sie lieben. Etwas pathetisch, aber so ist das Leben nun mal.

 

 

Text: Jan Kempinski