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Erstes Oberhausener Arbeitslosen-Ballett

© Thomas Lehmen

Pressestimme

 

Schlingensiefs Nachfolger - Das erste Oberhausener Arbeitslosen-Ballett

Der berühmteste Sohn der Ruhrgebietsmetropole Oberhausen heißt Christoph Schlingensief. Der 2010 gestorbene Künstler lud die damals sechs Millionen Arbeitslosen zum Baden ins Urlaubsdomizil von Ex-Bundeskanzler Kohl am Wolfgangsee ein, gründete die Obdachlosenpartei ''Chance 2000'' und errichtete zu den ''Wiener Festwochen'' ein Containerdorf für Asylbewerber, die nach dem Vorbild von ''Big Brother'' durch tägliche Abstimmungen hinauskomplimentiert wurden.

Der bekannteste Choreograf der Stadt Oberhausen, Thomas Lehmen, tritt nun in seine Fußstapfen. Lehmen hat die erste aus Arbeitslosen bestehende Tanzkompanie der Republik gegründet. Geprobt wird standesgemäß in einem Jugendzentrum und im Vereinshaus des CVJM. Dreizehn Mitglieder hat die Truppe zur Zeit, bezahlt wird sie auch, und das ist das Problem für alle Beteiligten. Denn wer als Arbeitslosengeld-2-Bezieher mehr als 100 Euro im Monat einnimmt, darf nur zehn Prozent behalten und muss den Rest ans Jobcenter zurückzahlen. Der Versuch, die Kunstaktion als Fortbildungsmaßnahme zu deklarieren, scheiterte am deutschen Sozialgesetzbuch, weil Kunst nicht vorgesehen ist.

Kurzerhand hat Lehmen seine Arbeitslosen und sonstige zwischen die Stühle gerutschte Teilnehmende zu ''göttlichen Wesen'' erklärt, die aus ihren tatsächlichen Fähigkeiten – keiner von ihnen ist Tänzer – ihr Bewegungsmaterial entwickeln, um lautstark und tanzwütig ihr großes Problem zu thematisieren: nicht arbeiten zu dürfen. Mit dem Slogan ''Brauchse Jobb? Wir machen Tanz!'' zeigt der Choreograf den Widerspruch auf zwischen Regelsatz und der Unterbindung künstlerischer Arbeit zum gesetzlich bestimmten Mindestlohn. Diesen staatlich geregelten Widerspruch kann nur das Land NRW lösen: indem es die Truppe künftig finanziert.

 

tanz 21, April 2019
Text: Arnd Wesemann

Das ''erste Oberhausener Arbeitslosen-Ballett'' ist die kompromisslose Verschränkung von Kunst und Gesellschaft. Objektives künstlerisches Können wird durch transparent kommunizierte Eigenkriterien ersetzt. Angewendet werden dazu keine standarisierten künstlerischen Verfahren, sondern speziell entwickelte künstlerische Methoden, die auch nur auf die jeweiligen zu lösenden Aufgaben, die sich die Beteiligten selbst stellen, angewandt werden können.  

Der Schwerpunkt der Produktion von Choreograph Thomas Lehmen  liegt darauf mit Menschen in Oberhausen in Interaktion zu treten und diese in das Projekt zu involvieren. Die Gruppe thematisiert persönliche und für Oberhausen spezifische Angelegenheiten. So fließt die Mannigfaltigkeit der Menschen und deren pluralistische Themen ungefiltert in die Produktion ein. Sie entwerfen künstlerische Alternativen und stellen Beziehungen zwischen Menschen her; jedeR darf partizipieren.

Ziel ist es, Menschen als handelnde Menschen agieren zu lassen, die Einfluss auf ihr eigenes Leben und ihr Zusammenleben nehmen und dieses aktiv gestalten. Für die realen (Lebens-)Umstände der BalletttänzerInnen werden im Schaffensprozess künstlerische Alternativen entworfen, die - zumindest in Momenten der künstlerischen Darstellung - zur Realität werden. Zudem steht die Art der Darstellung in Bezug zu den Spiel-Orten und ihrer Nutzung durch Menschen. Die traditionelle Bühne ist nur ein Format unter mehreren, ebenso werden Privatwohnungen und Orte der Stadt genutzt.

Das Erste Oberhausener Arbeitslosen-Ballett ist Bestandteil des Projektes ''Brauchse Jobb? Wir machen Kunst! '' , welches schon 2017 und 2018 in künstlerischer und in organisatorischer Hinsicht erfolgreich das Modell der bezahlten Kunst-Arbeit in Oberhausen umgesetzt hat. Die Thematisierung und Praxis der bezahlten Kunstarbeit von Menschen in Oberhausen für Menschen in Oberhausen ist ein alternatives Zukunftsmodell für die bestehenden Systeme des Sozialgesetzbuches. Das Ziel ist die zumindest gleichwertige Anerkennung der künstlerischen Arbeit, als vollwertige Arbeit in der Gesellschaft. Durch die gemeinsame künstlerische Auseinandersetzung mit der Bevölkerung Oberhausens regt Thomas Lehmen  einen Kunstdiskurs an, der gleichsam auch ein gesellschaftlicher ist.

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Termine

 

02. März, 16h

Abschlusstanz

Bewegungshalle des Druckluft Oberhausen

Am Förderturm 27, 46049 Oberhausen