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Kulturelle Konstrukte in Europa

© Mercedes Wagner

Die deutsche Kartoffel, die holländische Tulpe, die schweizer Schokoloade, der italienische Kaffee. All diese Verkörperungen nationaler Identität beruhen auf dem transeuropäischen Prozess der Kolonialisierung und sind kulturelle Konstrukte. Die Recherchearbeit von Mercedes Wagner  basiert auf ihrer Abschlussarbeit ''Ex Exo Artefakt''. Diese zeigt in fotografischen Bildern Lebensmittel, die im Zuge der Kolonisation nach Europa gekommen sind und heute fest in unser (deutsches) Selbstverständnis integriert sind, wie z.B. die Kartoffel. Wagners Aufnahmen befassen sich aus postkolonialer Perspektive mit der heutigen Lesart dieser Dinge und hinterfragen unseren Alltag. Die Thematik des kulturellen Konstrukts wird durch weitere Aufnahmen aufgegriffen, die präkolumbianische Artefakte in Ausstellungssituationen ethnologischer und archäologischer Sammlungen zeigen.

Durch die Arbeit mit der Fotografie und ihren Wiedergabemöglichkeiten werden fotografische Repräsentationsfunktionen verhandelt und unser Bild der ''Realität'' hinterfragt. Im Rahmen der Recherche sucht Mercedes Wagner nach weiteren kulturellen Konstrukten des Alltags in europäischen Ländern und beleuchtet deren Enstehungskontext. Dabei sollen nicht zwangsläufig die jeweils eigenen kolonialen Hintergründe im Mittelpunkt stehen, sondern auch Querverbindungen offengelegt werden. Wie Beispielsweise die Kartoffel, die aus der spanischen Kolonie des heutigen Perus stammt, aber oft mit Deutschland assoziiert wird. Auf diese Weise soll die gegenseitige Verschränkung der Kulturbildung nicht nur entlang der Achse der ''neuen'' und der ''alten'' Welt sondern auch innereuropäisch deutlich werden.

Ziel ist es der kolonialen Vergangenheit Europas als kollektivem aber heterogenem Prozess zu begegnen, der bis ins Heute reicht. Neben der Untersuchung des Alltäglichen können dazu ethnologische Sammlungen, religiöse und wissenschaftliche Einrichtungen Gegenstand der Betrachtung werden. Als Vertreter aus Forschung und Vermittlung sind sie aus jeweils anderen Beweggründen an der Erschließung und dem Erwerb kolonialer Waren und Artefakte beteiligt und somit auf verschiedenen Ebenen für kulturelle Zuschreibung verantwortlich.

Unser heutiger Begriff kultureller Identität wird im Rahmen dieser Recherche untersucht und in darauf aufbauenden Projekten in Frage gestellt, um für globale Zusammenhänge zu sensibilisieren. Das Vorhaben zielt darauf ab, die Rechercheergebnisse im Hinblick auf eine künstlerische Auseinandersetzung mittels des fotografischen Bildes zu erschließen und darauf aufbauende Projektvorhaben zu konkretisieren. Im Mittelpunkt steht also die Repräsentationsfunktion von Fotografie und ihre Beteiligung an kulturellen Zuschreibungen.