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Was darf die Kunst? Eine spartenübergreifende Kooperation

© Sebastian Becker/ecce

Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut. Aber sobald man sich erst innerhalb einer Szene bewegt, stellen sich dann doch grundsätzliche Fragen: Was darf ich eigentlich? Und welche Ansprüche muss ich erfüllen, um dazuzugehören. Mit ''Ariodante'' und ''oberes drittel''  treffen zwei Projekte aufeinander, die sich mit Tanz und Rauminstallation auf verschiedenen Wegen die gleichen Fragen stellen; um den eigenen Platz zu finden – aber auch, um diesen Platz überhaupt erst zu schaffen.

Anfänge finden zwischen Schaffensdrang und Marktwertempfinden

Anfänge finden zwischen Schaffensdrang und Marktwertempfinden

Gerade beim Berufseinstieg als KünstlerIn ist es durchaus reizvoll – wenn nicht gar zwingend notwendig –, erst einmal vorhandene Grenzen auszuloten und die eigene Position innerhalb einer Szene zu definieren. Ideen sind da, ebenso diese schier unendliche Energie und der Drang nach Verwirklichung. Nur wird die scheinbare Schwerelosigkeit in der Schwung der Kreativität dann oft wieder in Richtung Boden gedrückt, wenn das künstlerische Fragen schließlich existenzielle Züge annimmt: Wie lassen sich die eigenen Prioritäten und Schaffensräume vereinen mit der Notwendigkeit, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern? Welche Bedeutung darf der Marktwert haben für die Kunst? Sind Förderstrukturen wirklich Chancengeber oder vielmehr Einschränkungen nach Schema F? Spannende Fragen – gerade weil beide Projekte durch die Individuelle Künstlerinnen- und Künstlerförderung (IKF)  finanzielle Unterstützung erhielten. Umso wichtiger war es, diesen Themen entsprechenden Raum zu geben und sich im Rahmen einer gelungenen Kooperation mit unterschiedlichen Perspektiven und Ausdrucksmitteln auseinanderzusetzen.

''Es fängt an mit Bewegung – Tanz ist erstmal nur Tanz''

''Es fängt an mit Bewegung – Tanz ist erstmal nur Tanz''

Marie-Lena Kaiser  hat ein wenig Angst: Als Tänzerin kennt sie ihre Bühne, doch als Choreografin liegt noch eine unbekannte Welt vor ihr. Denn die Ansprüche an den zeitgenössischen Tanz sind kaum zu definieren. Eigentlich sind ihr hier keinerlei Grenzen gesetzt – gäbe es da nicht den immer wiederkehrenden Ruf nach dem Bedeutungsvollen, nach einem Wert für die Gesellschaft. Dabei hat Kaiser einst gelernt: Tanz ist erstmal nur Tanz. Es fängt an mit Bewegung – erst der Kontext bringt die Bedeutung. Und dann sitzt sie plötzlich vor Förderanträgen und muss Bedeutung in Konzepte gießen, bevor sie sich ihr überhaupt erschlossen hat. Wie schafft man das? Also bringt sie das, was sie beschäftigt, auf die Bühne: In Ariodante  machen sich vier TänzerInnen auf die Suche nach dem Geheimnis von Tanz – dieser Form von Bewegung, die unmittelbar in den Bann zieht und zugleich mit Aussagekraft zu glänzen weiß. Improvisationen im Gefühl der Unsicherheit führen zu einem Balanceakt zwischen Genie und Versagen, der immer absurdere Züge annimmt. Die TänzerInnen winden sich im verzweifelten Suchen nach einer Haltung, die endlich auch Halt verspricht.

Ausprobieren, auf die Beine stellen … und weiterdenken

Ausprobieren, auf die Beine stellen … und weiterdenken

Gemeinsam mit Leonie Burgmer in der Produktionsleitung hat Kaiser zum ersten Mal das große Ganze in die Hand genommen, Förderpartner akquiriert und schließlich ein Team zusammengestellt, um es durch den fordernden Prozess der Stückentwicklung zu führen. Nun weiß sie, wie sich diese Verantwortung anfühlt. Hat einen ersten Weg gefunden. Und ist bereit für mehr. Außerdem hat sie einen Blick über den Tellerrand gewagt und den Anschluss gelegt für eine szeneübergreifende Kooperation mit der Ausstellung oberes drittel. Um diese zu realisieren, wurde kurzfristig ein weiterer Förderantrag im Rahmen der Künstlerischen Aktionen gestellt. Mit Erfolg – was eine schöne Bestätigung darstellt für die grundlegende Entscheidung, Projekte nur zu realisieren, wenn die notwendigen Mittel für Materialien, Technik und auch für Honorare der AkteurInnen gegeben sind. Ein Standpunkt, der anfangs womöglich einigen Mut verlangt, der aber sowohl für die künstlerische Existenz als auch für die Wertschätzung der eigenen Arbeit letztendlich essentiell sein kann.

Wenn Kunst Regeln bricht und sich im Raum entfaltet …

Wenn Kunst Regeln bricht und sich im Raum entfaltet …

Lara Fritsche und Sally Plöger brechen als KünstlerInnen-Duo fridge & plodge  gerne mit den vorherrschenden Regeln der Kunstszene. Ihre Rauminstallationen sind die unmittelbare Konsequenz des kreativen Play: Da wird schon mal eine Kiste mit Materialien ausgeschüttet und die passende Musik angemacht, um dann vollkommen unbefangen spontane Assoziationen zu neuen Ideen zusammenzusetzen. Die schöpferische Kraft entfaltet sich zunächst auf chaotisch-intuitive Weise und wird erst später in eine Konzeption überführt. Bei den Vorbereitungen für die Ausstellung ist dieser Prozess noch mitten im Gange: Der Raum erweitert das Spielfeld und Vorhandenes wird mit Freude eingebunden – besonders Steckdosen haben es den beiden sehr angetan. Was als Skulptur auf ein Foto gebannt wurde, nimmt nun wieder skulpturale Züge an. Selbst der Faden, der das Bild an seinem Platz hält, gehört dazu – mit farbenfroher Ausdruckskraft. Und plötzlich schaut man sich genauer um und stellt fest: Hier gibt es viel mehr zu entdecken. Dabei ist es dem Besuchenden überlassen, wie er diese Form der Kunst aufnimmt. Fritsche und Plöger geben nichts vor. Vielmehr beobachten sie selbst mit Spannung, wie die BetrachterInnen sich durch den Raum bewegen, ob sie eine (durchaus gewollte) Berührung wagen und was sie dazu assoziieren. Eine den Blick öffnende Erfahrung im Vorraum des Maschinenhauses der Zeche Carl, bevor es schließlich in den Bühnenraum geht, um Ariodante zu sehen.

.. hat sich die Mühe am Ende gelohnt.

.. hat sich die Mühe am Ende gelohnt.

Die Premiere ist ein Erfolg: Das Maschinenhaus ist ausverkauft und wie sich zeigt, hat die Kooperation hierbei einige Wirkung getan: Ein Teil der BesucherInnen ist wegen des Tanzes gekommen und lässt sich schnell von der Ausstellung hinreißen. Andere wollen die Ausstellung nicht verpassen – aber wo man schon mal da ist, macht die Aufführung neugierig. Alle kommen auf ihre Kosten. Am Ende sind sich die Projektmacherinnen einig: Man erreicht viel mehr, wenn man gemeinsam denkt und über das eigene Schaffen hinausblickt. Sich gegenseitig zu unterstützen bringt weiter als Konkurrenzdenken. Das werden sie wohl auch in Zukunft so handhaben.

Termin Ariodante

Wer Ariodante noch nicht gesehen hat, hat dazu noch Gelegenheit:

12. und 13. Dezember, 20h im tanzhaus nrw