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realReality - eine Gaming-Performance feiert Premiere

© Sebastian Becker

Das Bochumer Theaterkollektiv ''Anna Kpok'' inszeniert im Mülheimer Ringlokschuppen ein interaktives Live-Jump 'n' Run.

Nein, ein klassisches Theaterstück wird das nicht. Es gibt keinen roten Vorhang, keine Stuhlreihen, keine erhöhte Bühne. Dafür betongraue Wandelemente, in die teils Flachbildschirme eingelassen sind, zwei große Projektionswände, einen Schrank und eine weiße Designliege, die an eine Wolke erinnert. Der Aufbau ist das Bühnenbild für realReality  , der neuen Produktion des Theaterkollektivs Anna Kpok  im Mülheimer Ringlokschuppen . Das Stück ist ein Live-Jump 'n' Run-Spiel, das Mechanismen virtueller Computergames in die real-analoge Welt überträgt.

Das Theaterpublikum besteht aus einem Team von fünf Personen, die einen Avatar interaktiv durch einen Parcours steuern müssen. Ein Smart-Home, das der Avatar Anna Kpok, eine junge Frau im silbernen Sportanzug, neu bezogen hat. Diese voll vernetzte Wohnung mixt ihr jeden Morgen ihr Lieblingsgetränk, kennt ihre Lieblingsmusik, Lieblingskleidung und Lieblingsfreunde. Der volle Komfort, und das alles gegen die Nutzung ihrer Daten. Ihr Leben könnte perfekt sein, wenn sich da nicht merkwürdige Vorfälle häufen würden, die Anna Kpok misstrauisch und schließlich zu einer Kämpferin machen.

Der Avatar steht zu Beginn wie eine virtuelle Spielfigur im Raum, wartend auf die Befehle des Teams, die unter den verschiedenen Personen verteilt werden. Gemeinsam wird der Avatar durch den Parcours geschickt, ganz wie man es von der heimischen Spielconsole kennt. ''Wir orientieren uns stark an den klassischen Jump 'n' Runs, mit einer Figur, die sehr wenig kann,'' sagt Kristin Naujokat, die Mitglied des Theaterkollektivs ist. ''Springen, ducken, rechts, links, Start und Stopp. Das ist ein sehr beschränktes Handlungspotential. Es zwingt dazu, aus der Sicht der Theatermachenden Dinge konkret zu machen und aus der Sicht der SpielerInnen Verantwortung für diese Figur zu übernehmen.''

An dieser Idee arbeiten die Leute von ''Anna Kpok'' bereits seit fünf Jahren. ''Es gab vorher die Spielreihe 'Anna Kpok und der letzte Zombie', das war ein klassisch-lineares Live-Jump 'N' Run. Das war eine kleine Story, man konnte nur einen Parcours gehen und musste Rätsel abarbeiten.'' Damals wurden die Grundlagen für realReality gelegt, mit der das Team weiterarbeitete. ''Wir sind eben schwerpunktmäßig TheatermacherInnen und wollen damit auch eine Geschichte erzählen; in diesem Fall aus der näheren Zukunft. Wie verändern sich Wohnen und Leben angesichts der Digitalisierung?'' Wichtig ist dem Team, dass die Zuschauenden nicht einfach nur etwas passiv konsumieren, sondern ein eigenes Spielerlebnis haben. Dass sie selbst entscheiden, wie die Geschichte verläuft und darüber selbst interagieren müssen.

Bei einem echten Computerspiel muss man sich zu Beginn entscheiden, etwa welche Tür man nimmt. Daraus entwickelt sich die weitere Storyline. Bei realReality ist das ähnlich, wenn auch ohne ganz große Auswahl. ''Das haben wir dadurch eingeschränkt, dass wir das Ganze in einem Raum und an einem Abend machen'' sagt Kristin Naujokat. ''Aber es gibt für die Spielenden mehrere Möglichkeiten sich zu entscheiden, das muss man als SpielentwicklerInnen immer im Kopf haben. Gleichzeitig muss es auch für die SpielerInnen ersichtlich sein, dass die jetzt gefällte Entscheidung Folgen für den weiteren Verlauf hat.'' Funktioniert diese Gruppendynamik im Team, das in dieser Konstellation erstmals zusammen ist, oder ist das eher schwierig? ''Ein Spiel dauert maximal 90 Minuten. Es braucht relativ lange, um sich untereinander zu koordinieren. Das kommt immer auch auf die Spieler und Spielerinnen an. Wir hatten schon die Situation, wo die Gruppe irgendwann selber die Befehle getauscht hat, weil sie merkten, dass es mit dieser Konstellation nicht funktioniert.''

Das ist genau das, was das Team hinter Anna Kpok an diesem Format interessiert – Regelsetzungen und die kreative Ausdeutung dieser Regeln. Dabei ist es nicht entscheidend, wie alt die Teilnehmenden sind und welche Erfahrung sie mit Computerspielen haben. Naujokat präzisiert: ''Es nicht so, dass jüngere Leute das besser spielen. Es geht darum, wie gut die Gruppen gemeinsam funktionieren und zusammenarbeiten. JedeR muss dort gleichwertig mitmachen können, es sollen nicht zwei Leute das Spiel an sich reißen.''

''realReality'' wird gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW im Rahmen der Individuellen Künstlerinnen- und Künstlerförderung, einem Projekt der ecce GmbH. Für das Team genau passend: ''Das Programm war für uns schon deswegen interessant, weil wir als Gruppe im Ruhrgebiet leben. Wir haben uns über die Förderkriterien informiert, dann direkt Beratungsgespräche mit ecce und dem Ringlokschuppen als Kooperationspartner geführt. Ohne die finanzielle Förderung von IKF hätten wir das Format nicht umsetzen können. Das ist eben kein massentaugliches Stück und lässt sich nicht überall realisieren.''

realReality ist ein komplexes Format, bei dem viele Personen und Gewerke an der Produktion beteiligt sind: ''Zwei BühnenbildnerInnen, eine Interaction-Designerin, die auch gleichzeitig fünf Mini-Games programmiert hat, Musiker, zwei sich abwechselnde Programmierer und eine Ausstatterin – es ist die Kompetenz vieler Mitarbeitenden und eine riesige Ausstattung aus Screens, PCs und Beamern nötig, um so eine Produktion umzusetzen. Und es braucht gute Vorbereitung und Kommunikation, um alle diese Gewerke zusammenzubringen. Nur so können wir 'realReality' perfekt umsetzen.''

 

Hier geht es zum Förderprojekt von realReality

 

Termine

 

21. September 2018, 18h Premiere

21. September 2018, 20h

22. September 2018, 18h und 20h

23. September 2018, 16h und 18h

29. September 2018, 16h, 18h und 20h

Ringlokshuppen Ruhr

Kleine Gruppengröße von max. fünf Personen. Bitte reservieren

 

Weitere Termine 

Anfang Dezember 2018 im Schauspiel Dortmund

 

Anfang 2019 in der Berliner Schaubude

 

Text: Volker K. Belghaus