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LEERE_FÜLLE

LEERE_FÜLLE soll den andauernden Strukturwandel sichtbar, aber gleichzeitig auch erlebbar machen. Der Austausch und die künstlerische Interpretation sollten dazu führen, dass Anwohner ihr eigenes Viertel und ebenso sich untereinander besser kennenlernen. Es ist ein Festival der Entschleunigung.

 

© Sebastian Becker/ ecce

„Als öffentlicher Raum (auch öffentlicher Bereich) wird jene räumliche Konstellation bezeichnet, die aus einer öffentlichen Verkehrs- oder Grünfläche und den angrenzenden privaten oder öffentlichen Gebäuden gebildet wird. Das Zusammenwirken dieser Elemente bestimmt den Charakter und die Qualität des öffentlichen Raumes“, wird der öffentliche Raum laut Wikipedia definiert. Eine Definition, dessen letzter Satz sehr interessant ist. „Das Zusammenwirken dieser Elemente bestimmt den Charakter und die Qualität des öffentlichen Raumes.“

 

Sowohl Charakter als auch Qualität sind gerade in Bezug auf Stadtviertel formbar – Stichwort: Gentrifizierung. Was gestern noch als vermeintlich heruntergekommenes Viertel galt, gilt heute schon als Stadtteil der KünstlerInnen und morgen als teure Wohngegend mit sanierten Altbauten. Urbane Kunst, welcher Art auch immer, hat in erster Linie die Eigenschaft genau diese Begriffe neu zu belegen. Sei es durch Murals, sprich große Wandbilder, an Häuserwänden, Urban Gardening Projekte oder Performance Art und Leerstandsnutzung wie bei dem Projekt LEERE_FÜLLE. Erdacht wurde das Konzept von dem “Verein für spartenübergreifenden Tanz und Theater“, vier D e.V., und nahm sich genau der formbaren Begriffe Qualität und Charakter eines Stadtviertels an. Zwischen dem 30. September und dem 26. November wurden im Zuge dessen Dortmund, Essen und Hamm mit zahlreichen Veranstaltungen, Parcours und Ausstellungen bespielt.

Die Idee war es, dass KünstlerInnen mit den Bewohnern der verschiedenen Quartiere interagieren und arbeiten sollten, um einen interdisziplinären und interkulturellen Austausch zu fördern. LEERE_FÜLLE soll den andauernden Strukturwandel sichtbar, aber gleichzeitig auch erlebbar machen. Der Austausch und die künstlerische Interpretation sollten dazu führen, dass Anwohner ihr eigenes Viertel und ebenso sich untereinander besser kennenlernen. Es ist ein Festival der Entschleunigung.

Den Auftakt gab es während des Theaterfestivals Favoriten 2016  in Form einer Preview am 30. September in der Richardstraße 16/18 in Dortmund. Eine der Initiatorinnen von LEERE_FÜLLE und Vorstandsmitglied von vier D, Birgit Götz, wohnt selber in diesem Haus und hat in das Projekt ihre Nachbarschaft eingebunden, um die Fenster des Hauses als Ausstellungsfläche und Kulisse zu nutzen. „Ich wohne da schon echt lang, aber durch diese Aktion so viele Menschen kennengelernt, die ich vorher noch nie dort gesehen habe. Teilweise kannten wir uns untereinander und wussten nicht mal, dass wir in der gleichen Straße wohnen. Das öffnete alles“, erzählt sie euphorisiert.

So auch bei den verschiedenen Parcours. Diese liefen in jeder Stadt gleich ab. Es gab immer einen Leiter, die Gruppe zu verschiedenen Spots im Umkreis führte. An einem Schauplatz angekommen, erwartete die Interessierten ein bunter Mix aus Theater, Tanz, Performance, Kunst, Musik, Video und Fotografie. Jeder der Orte wurde auf eine andere Art durch Kunst belebt. In der Adlerstraße hatten einige Performance-KünstlerInnen beispielsweise Maleranzüge an, die ein Mural abbildeten, wodurch sie im Muster der Wand verschwanden. „Der Rundgang war nicht stadtplanerisch, wir haben es der Kunst und den Zuschauern überlassen den Ort zu interpretieren“, erzählt Birgit.

Der erste Parcours fand am 29. Oktober im Dortmunder Unionviertel  statt. Angefangen an der U-Bahn-Station Unionstraße, wo es ein Tanzperformance zu beobachten gab, schlängelte sich die Gruppe über den Waschsalon in der Rheinischen Straße 76 weiter über den tamilischen Supermarkt und das Westfalenkolleg die Straße hinauf, bis es irgendwann zum Adlerkiosk in die Adlerstraße abbog und danach zum siebten von insgesamt neun Stopps am Wohnhaus von Birgit Götz, Richardstraße 16/18, Halt machte. „Die ZuschauerInnen standen auf dem Bürgersteig und haben hoch geguckt, wo alle möglichen Fenster mit Licht versorgt wurden und Szenen stattfanden. Es wurde live gespielt, getanzt, musikalisch performt.“ Danach ging es weiter zur S-Bahnhaltestelle Do-West, bis die Tour mit Tanz, Musik, Videokunst und einer Theaterszene am Union Gewerbehof endete.

Dadurch, dass das Programm sowohl in Dortmund, Essen und Hamm gewisse Parallelen aufwies, gab es interessante Situationen. „Das Thema der LEEREN_FÜLLE, der Leerstände, gibt es in jeder Stadt im Ruhrgebiet, aber in jeder Stadt hat es seine eigene Farbe“, fasst es Nilüfer Kemper, ebenfalls Vorstandsmitglied von vier D und Initiatorin des Projekts, zusammen. Das stellt gerade groß angelegte Projekte wie dieses vor Herausforderungen. „In Hamm gab es ein großes Maß an Aufmerksamkeit und Zuneigung. Auch da gibt es eine Szene, aber die ist nicht sichtbar. In Dortmund ist man da erprobter“, ergänzt Birgit. „In Dortmund ist man Profi im Strukturwandel. Du hast ja alle paar Monate eine große Kunstaktion im Unionviertel und auch die Zuschauer waren mittlerweile professionelle Rezipienten, im Wahrnehmen des Projektes“, erzählt Nilüfer weiter. „In Essen war es komplett anders. In Essen ist der Zustand wie nach der Kulturhauptstadt 2010. Da haben sich die Sachen schon zu Recht geruckelt. Da sind gewisse Dinge schon länger etabliert.“

Dennoch war Essen eine Herausforderung in Bezug auf das Publikum. Der Parcours ging angefangen am Café Konsumreform  in der Viehofer Straße 31 über den Weberplatz, den Pferdemarkt und den U-Bahnhof Rheinischer Platz, bis er wieder im Café Konsumreform endete. Die City Nord, in der der Parcours stattfand, ist - trotz einer gewissen Künstlerdichte - eines der sozial schwächeren Viertel der Stadt, wodurch sich immer wieder vermeintlich Obdachlose und Betrunkene in die Gruppe einfanden, die sich entschieden beim Programm mitzumachen. Doch genau das, macht die Region des Ruhrgebiets ebenso aus wie die Kunst im öffentlichen Raum.

Doch wo Urbanität Möglichkeiten schenkt, stellt sie auch Hürden. „Der öffentliche Raum ist in der Planung das größte Problem für Projekte im öffentlichen Raum“, gibt Nilüfer zu bedenken. Denn wer Leerstände nutzen oder auch Ladenlokale, Wohnhäuser und Flächen umfunktionieren möchte, muss den Eigentümer um Erlaubnis bitten. Das kann offene Türen mit sich bringen wie im Fall des Wohnhauses von Birgit, bei dem alle Parteien so euphorisiert waren, dass direkt über ähnliche Projekte in der Zukunft gesprochen wurde, muss es aber nicht. Gerade bei Immobilienbesitzern oder gewerblichen MieterInnen, muss eine Win-Win-Situation geschaffen werden, damit diese sich auf Konzepte wie das von LEERE_FÜLLE einlassen. Leerstände werden ungerne lange im Voraus versprochen, da nach mehreren Jahren der Nichtnutzung auf einmal ein Mieter Interesse haben könnte. Hier bedarf es großer Überzeugungskraft und viel Dialog. Die Menschen müssen abgeholt werden und es muss ihnen nahegebracht werden, dass solch kultureller Austausch sich für alle Beteiligten lohnt. Die Zauberformel für den Erfolg solcher Gespräche haben jedoch weder Nilüfer noch Birgit bislang gefunden. Trotzdem sind die Möglichkeiten die Mühe wert.

Jede Location bietet ihre ganz eigenen Chancen Kunst erlebbar zu machen. Durch die wiederkehrenden Programmpunkte konnten BesucherInnen und VeranstalterInnen diese durch den Raum generierten Veränderungen hautnah erleben. So auch bei einer Theater- und Tanz-Performance der„JungeTanzTheaterWerkstatt“  und „TREIBKRAFT.theaterinterventionen“  in der Mensa des Westfalenkollegs in Dortmund und dem Forum für Kunst und Architektur in Essen. „Das, was wir in der Cafeteria in Dortmund gemacht haben, haben wir auch im Forum für Kunst und Architektur in Essen gespielt. Das war komplett anders, das eine ist ein Ausstellungsraum, und diese Entwürfe, die auf den Mensatischen in Dortmund passierten, bekamen eine ganz andere Wertigkeit zwischen den Kunstwerken. Auf einmal war es Kunst - vorher war es Aktion und Performance. Die KünstlerInnrn haben sogar anders gespielt. Das war sehr spannend“, erinnert sich Birgit. Für Birgit und Nilüfer vielleicht sogar der spannendste Aspekt des Konzepts, wie sie erzählt. Die Wechselwirkung zwischen öffentlichem Raum und Kunst, zwischen Rahmen und Bild. Wie beeinflusst eines das andere. Ein Prozess, der zur Hälfte im Voraus geplant werden kann und zur Hälfte sich in dem Moment durch äußere Faktoren ergibt.

Umso erfreulicher, dass LEERE_FÜLLE in Hamm, Essen und Dortmund so viel Begeisterung erfahren hat und viele Interessierte die Parcours von Anfang bis Ende mitgelaufen sind. Inwieweit das Projekt es geschafft hat, den öffentlichen Raum langfristig zu prägen, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, dass es die Wahrnehmung vieler TeilnehmernÍnnen geschärft hat und in jedem Fall weitere Projekte daraus entstanden sind bzw. entstehen. Sei es das Dortmunder KUNSTHAUFEN-Kollektiv, was für LEERE_FÜLLE gegründet wurde und sich entschieden hat, projektunabhängig weiter zu machen, Nachbarschaftsinitiativen, die weiter ihre Umgebung gestalten wollen oder das nächste Projekt von Birgit und Nilüfer: Be a part of me. Dieses soll im Sommer nächsten Jahres zum Thema „Angleichung und Diversität im öffentlichen Raum“ stattfinden. „Wie sehr werde ich zur grauen Häuserecke, wie laut werde ich in lauter Umgebung?“ Dazu wird es ein zweiwöchiges Labor geben, in dem KünstlerInnen Entwürfe zum Thema entwickeln, welche daraufhin für alle zur Weiterentwicklung freigegeben werden. Sei es Musik, Fotografie, Malerei oder ein Theaterstück. In jedem Fall wird es interdisziplinär und interkulturell – und formbar wie der öffentliche Raum.

 

Text: Jan Kempinski