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Kreativ, sich selbstständig machen und auch noch davon leben – geht das überhaupt?

„Ja“, sagt Tim Heinrich. Und zeigt im kostenlosen Workshop direkt auch das Wie …

© privat

Dass die Selbstständigkeit alles andere ist als einfach mal anfangen, wird vielen Gründern und FreiberuflerInnen häufig erst mit der Zeit so richtig bewusst. Da ist die Website endlich fertiggestellt, der Gewerbeschein fein säuberlich abgeheftet in einem der vielen Ordner im frisch angemieteten Büro und das Telefon thront erwartungsvoll auf dem schicken neuen Schreibtisch. Nur dass es einfach nicht klingeln will. Und als dann endlich die ersten Aufträge und auch Zahlungseingänge reinkommen, merkst du plötzlich, dass das mit dem Gewerbeschein gar keine so gute Idee war – weil du nun mit einer freiberuflichen Tätigkeit Gewerbesteuer zahlen musst und außerdem schon längst in der KSK sein solltest. Also verbringst du grummelnd deine wertvolle Zeit damit, dich zu informieren, und fängst dabei fast wieder bei null an. Und während du dann abends wie so oft Nudeln mit Tomatensauce auf dem Teller vor dir hast, fragst du dich, warum dir das alles nicht im Studium beigebracht wurde.

 

Ein etwas trostloses Szenario, zu dem es aber gar nicht erst zu kommen braucht. Um genau solche Wissenslücken zu füllen, bringt ecce seit einigen Jahren praxisorientierte Workshops für Kreative und KünstlerInnen in die Hochschulen des Ruhrgebiets. Am 19. Juni 2018 war der Sounddesigner Tim Heinrich  im Bochumer SAE Institute   und hat über viele wichtige Fragen rund um die Selbstständigkeit gesprochen – und in aller Kürze vermittelt, was überhaupt erst einmal gegeben sein sollte, damit du hier langfristig erfolgreich sein kannst.

Ein kleiner Einblick in den ersten Teil des Workshops, der am 26. Juni fortgesetzt wird:  

 

Am Anfang steht für jede/n Selbstständige/n die große Honorarfrage: Was brauche ich überhaupt?  

Vor Beginn werden Traubenzuckerblöcke verteilt – für eine ordentliche Energieversorgung während des vierstündigen Slaloms durch die wichtigsten Säulen der Selbstständigkeit. Darauf folgt eine kurze Vorstellung und schon befinden wir uns auch schon mitten in jener zentralen Fragestellung, die alle stets zuerst beschäftigt: Was verdiene ich eigentlich?

Wobei diese Frage von Tim Heinrich direkt auf den Kopf gestellt wird – denn es muss vielmehr heißen: Was brauche ich überhaupt? Und schon erscheint eine lange Excel-Tabelle mit den wesentlichen Kostenpunkten eines normalen Lebens, die nun gemeinsam in der Gruppe gefüllt wird. Dazu gehören natürlich Aspekte der Grundversorgung wie Miete, Strom, Krankenversicherung, Essen und KFZ, aber auch Freizeitgestaltung, Urlaub, und Altersvorsorge. Als dann noch Laster wie das Rauchen durchgerechnet werden, sorgt die Kalkulation eines Teilnehmers für eine interessante Mischung aus Belustigung und Bestürzung: Immerhin kommt er auf stolze 210 Euro im Monat für Zigaretten.

 

Die eigenen Kosten werden von Selbstständigen oft massiv unterschätzt. Aber gerade dieses Bewusstsein ist elementar für die Honorargestaltung.  

Während sich die Liste beständig füllt, breitet sich langsam ein Aha-Effekt im Raum aus. Und die Verwunderung lässt sich wohl kaum leugnen, als am Ende eine Gesamtsumme feststeht: Rund 53.000 Euro pro Jahr braucht es, um all diese Anforderungen auf angemessene Weise zu erfüllen. Eine klare Ansage.

Aber Tim Heinrich ist offensichtlich ein Mensch, der seine Karten nur allmählich ausspielt, um die volle Wirkung zu entfalten und auszukosten. Denn nun scrollt er noch etwas weiter herunter und kommt zu den beruflichen Ausgaben: Büro, Equipment, Software etc. Danach liegt der benötigte Verdienst gar bei 68.000 Euro im Jahr.

Vor diesem Hintergrund klingt dann ein Stundensatz von 90 Euro gar nicht mehr so hoch, sondern absolut nachvollziehbar und notwendig. Erst recht, wenn sich der Anteil der bezahlten Arbeitszeit bei Selbstständigen je nach Produktivität meist nur zwischen 30 und 67 Prozent bewegt. Alles Gedanken, die eine Weile sacken müssen. Aber sehr wahrscheinlich werden die TeilnehmerInnen des Workshops künftig mit deutlich mehr Selbstbewusstsein in Gagenverhandlungen gehen – was für die eigene Positionierung ungemein wichtig ist.  

 

Gewerbe oder Freiberuflichkeit? Was ist eine Scheinselbstständigkeit? Und wie gehe ich mit Krankenversicherung und Altersvorsorge um?  

Nachdem das mentale Fundament schließlich gelegt ist, beginnt Tim Heinrich eine kleine Rally durch die vielen Fragen der Selbstständigkeit: Fällt meine Arbeit wirklich unter die Gewerbepflicht oder ist es vielmehr eine Freiberuflichkeit? (Gerade Letztere ist meist vorteilhafter, weil keine Gewerbesteuer anfällt und häufig die Möglichkeit besteht, in die Künstlersozialkasse zu kommen.) Wann laufe ich Gefahr, in eine Scheinselbstständigkeit zu geraten? Gesetzliche oder private Krankenversicherung? Und welche Möglichkeiten habe ich eigentlich für die Altersvorsorge?

Tim Heinrich gibt hier wertvollen Input, skizziert verschiedene Wege und weist auch auf Risiken hin – beispielsweise in Zusammenhang mit der privaten Krankenversicherung, die unbedacht abgeschlossen leicht zur Altersfalle werden kann. In Bezug auf die Altersvorsorge gibt er einen Ratschlag, den er gar nicht stark genug betonen kann: Lieber klein anfangen und allmählich steigern, als den Gedanken einfach nach hinten zu schieben. Denn gerade hier kann es einen riesigen Unterschied machen, ob man schon mit Berufsbeginn erste Maßnahmen trifft oder sich erst mit 30 oder 40 in einem Anflug von Torschlusspanik damit auseinandersetzt. Außerdem bekommen die Workshop-TeilnehmerInnen hilfreiche Tipps, wie sie auch neben dem Kerngeschäft sinnvolle Verdienstmöglichkeiten aufbauen können.  

 

Der Rahmen ist gesetzt – aber wie komme ich jetzt an die KundInnen?  

Zum Abschluss der ersten Workshop-Einheit leitet Tim Heinrich über zum anderen großen Thema, um das man in der Selbstständigkeit nicht herumkommt: die Akquise. Dazu gehört dann nicht bloß ein gut gepflegtes Kontaktnetzwerk mit persönlicher Bindung, sondern idealerweise auch die stetige Präsenz über Zeitschriftenbeiträge, Unterricht und Vorträge – die ja alle zugleich als Beweis für die eigene Expertise stehen. Danach gibt es noch ein paar Tipps für Veranstaltungsreihen und Anlaufstellen im Ruhrgebiet, um sich neue Impulse zu holen und das eigene Netzwerk zu stärken (u.a. Creative Stage Ruhr  , Fuckup Nights Ruhrgebiet   und die lokalen Wirtschaftsförderungen ). 

 

Damit haben die TeilnehmerInnen nun ganz schön viel gehört und gesehen, was erst einmal verarbeitet werden muss. Doch die Gesichter wirken keinesfalls überfordert, sondern vielmehr inspiriert. Das ist wohl nicht zuletzt Tim Heinrichs direkter und leicht zugänglicher Art zu verdanken, die alles andere ist als trockene Seminarraum-Attitüde. Er veranschaulicht seine Punkte auf bildhafte und stellenweise durchaus witzige Weise. Zu vielen Punkten hat er passende Geschichten zu erzählen und er ist auch nicht verlegen darum, eigene Erfahrungen preiszugeben. Nur manchmal wird es fast ein bisschen reißerisch und eine gewisse subjektive Färbung ist sicherlich nicht zu leugnen. Aber das ist vollkommen in Ordnung – schließlich soll sich ja jeder selbst seine Gedanken machen, was von alledem er letztendlich wie genau umsetzen will.  

 

Und der zweite Workshop-Termin? Am 26. Juni folgen Gesprächsführung, Rechnungsangelegenheiten, Steuer und einiges mehr.  

Und es geht ja auch noch weiter. Im zweiten Workshop-Teil am 26. Juni folgen Themen wie Gesprächsführung & Verhandlung, Angebots- und Rechnungsstellung, Steuer und einiges mehr. Das Beste: Es sind noch Plätze frei. Die Anmeldung ist für Studierende, KünstlerInnen und Kreative kostenlos hier möglich. 

Ansonsten lohnt es sich, die Augen offenzuhalten. In Kooperation mit den Hochschulen holt ecce regelmäßig spannende Persönlichkeiten aus der Praxis in die Seminarräume des Ruhrgebiets, um relevante Aspekte der Selbstständigkeit zu beleuchten. Außerdem gibt es zahlreiche Veranstaltungen für Kreative, KünstlerInnen und Interessierte. Über den Newsletter bleibst du informiert, per E-Mail  beantworten wir dir Fragen – und ansonsten findest du alle Termine auch auf Facebook.