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Die Festung – Verdichtetes Portrait einer verlorenen Stadt

Das jüngste Filmprojekt der Brüder Akin und Edis Şipal erzählt von drei Menschen, die an der Gesellschaft scheitern.

© Akin Sipal

Als Hausautor und Gastdramaturg am Theater Bremen liegt sein Lebensschwerpunkt zwar im Norden, doch als Filmemacher steht Akin Emanuel Şipal noch immer im stetigen Dialog mit seiner Heimatstadt Gelsenkirchen. Das zeigt sich im Filmprojekt ''Die Festung'', das er gemeinsam mit seinem Bruder Edis Sipal auf den Weg gebracht hat. Denn die Geschichte spielt nicht nur hier, sondern erzählt zwischen den Zeilen auch von dieser wohlbekannten Hassliebe zu einer Stadt, die so verloren wirkt und die man doch nicht loslassen kann. Im Rahmen der Individuellen Künstlerinnen- und Künstlerförderung (IKF) konnten große Teile des Films sowie ein Teaser fertig gestellt werden, um nun Anschlussförderungen zu akquirieren und das Projekt auf Spielfilmlänge zu bringen.

In großen Fußstapfen wandeln & am einfachen Leben scheitern

Sven steckt fest. Sein Leben lang versucht er verzweifelt in die Fußstapfen seines berühmten Professor-Vaters zu treten und muss stattdessen immer nur mitansehen, wie alle anderen an ihm vorbeiziehen, während er bloß auf der Stelle tritt. Und plötzlich steht er da - mit dem Abschiedsbrief seines Vaters, einer geerbten Wohnung und etwas Geld, doch ohne Perspektive. Um die Leere zu füllen, lässt er seine Dostojewski hörende Physiotherapeutin Nicoleta und die erlebnissüchtige Kindergärtnerin Carla bei sich einziehen. In der gut bestückten Bibliothek der Wohnung vergraben sie sich schon bald gemeinsam in den Gesellschaftskritiken großer Denker und entwickeln daraus schließlich ihr eigenes verqueres Manifest, mit dem sie sich gegen die Welt dort draußen positionieren. Ohne zu merken, dass sie im Grunde gar nicht kritisch, sondern einfach inkompatibel sind mit dem Geschehen außerhalb dieser Wände.

Die Drei stehen damit stellvertretend für eine Zeit, die von ständigem Missfallen und starker Polarität geprägt ist - und in der es fast schon normal geworden ist, dass der Widerstand oft bloß von zu Hause aus stattfindet. Weil man nur hier noch das ausspricht, was man wirklich denkt, während zugleich die große Theorie an Kraft verliert. In den Schriften der Philosophen schwang einst der Glaube mit, durch Sprache die Welt zu verändern; in dieser Hinsicht will Erik seinem Vater nacheifern. Doch haben die Bedingungen sich verändert und selbst die vielversprechendsten Theorien vergehen im Alltagstrubel unserer Zeit.

Ein vertrautes Team findet wieder zusammen, um die Stimmen der Stadt sprechen zu lassen

Gemeinsam mit den drei HauptdarstellerInnen Sven Gey, Johanna Wieking und Simina German haben Akin und Edis Şipal schon früher kleinere Theaterstücke im Maschinenhaus Essen inszeniert und dabei viele gute Erfahrungen gemacht. So stand hinter dem Filmprojekt zunächst auch der Gedanke, sie in einem neuen Projekt zu vereinen und diesmal ihre individuellen Stärken und Hintergründe in den Fokus zu rücken. So fließen die Verwurzelungen ihrer Persönlichkeiten im Ruhrgebiet mit ein, während das artifizielle Schauspiel den Film ein bisschen wie aus der Zeit gefallen erscheinen lässt - passend zu den wilden Theorien seiner Hauptfiguren.

Doch war den Brüdern Şipal von Anfang an wichtig, dass die Darstellungsweise der Stadt den tatsächlichen Gegebenheiten in Gelsenkirchen gerecht wird - ohne zu glorifizieren oder abzuwerten. Vielmehr wollten sie zeigen, was los ist in dieser Stadt, in der von außen betrachtet der Strukturwandel gelungen ist. Doch wo innen noch immer Perspektivlosigkeit, Verdruss und Angst vor der Zukunft herrschen. Welche Themen beschäftigen die Menschen wirklich und wie gehen sie damit um? Dafür hat vorab das 20-köpfige Filmteam vor Ort recherchiert, Kneipenabende verbracht und ist eng mit den Menschen ins Gespräch gekommen. Durch ihre selbst so verschiedenartigen Charaktere konnten sie sehr unterschiedliche Eindrücke sammeln, die sich anschließend im Film verdichtet haben - mit originalgetreuen Szenen aus ihren Begegnungen und ohne die Gefahr, zur eintönigen Darstellung jener zu werden, die die Stadt schon lange hinter sich gelassen haben.

Das Ruhrgebiet als Prototyp für die Postmoderne ist ein vielversprechender Ort geworden

Tatsächlich treibt Akin Şipal mittlerweile der Gedanke um, dauerhaft ins Ruhrgebiet zurückzukehren. Nicht zuletzt, weil sich hier inzwischen sehr dankbare Strukturen gebildet haben, um der Kunst- und Kreativ-Szene neue Möglichkeiten zu eröffnen. Immerhin hat ja auch die IKF überhaupt erst die Voraussetzungen für die bisherigen Dreharbeiten geschaffen. Darüber hinaus ist das Ruhrgebiet aus seiner Sicht zu einem spannenden Prototyp der Postmoderne geworden - eine Keimzelle für Kunst, in der sich vieles noch nicht ganz gefunden hat, die aber gerade dadurch große Freiräume mit sich bringt. Eine schöne Basis, um sich künstlerisch zu entfalten und dabei im Netzwerk am Gesamtgeschehen mitzuwirken.

Und wie geht es mit dem Film jetzt weiter?

Klar ist für die Brüder Şipal, dass sie die Dreharbeiten im Sommer 2019 fortsetzen - in welchem Umfang, muss sich noch entscheiden. Jüngst konnte die Produktionsfirma Kinescope Film GmbH  eine Förderung für die Postproduktion sicher zu stellen. Nun gilt es, noch die Fördermittel für den zweiten Drehblock zu akquirieren. Die optimalen Voraussetzungen sind dafür ja nun geschaffen.