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c/o – raum für kooperation

"Wir wollten mehr als nur ein Büro haben, sondern einen Ort der Kooperation."

 

© Sebastian Becker/ ecce

Altbauten aus besseren Zeiten zieren mit heruntergekommener Fassade ebenso wie Arbeitersiedlungen links und rechts die Bochumer Straße, die Hauptverkehrsader des Viertels. Immer wieder reihen sich Trinkhallen, Imbissbuden und türkische Supermärkte ein. In der Mitte der Straße Schienen; vom weiten zu hören, das Kratzen der U-Bahn-Linie 302, lange bevor sie zu sehen ist. Die nächste große Parallelstraße ist die Ückendorfer Straße. Die gleichen Häuser, die gleichen Läden und Imbissbuden. Bislang erinnert wenig daran, dass dies ein Kreativ.Quartier, wie es seit 2012 offiziell genannt wird, sein soll.

Doch es gibt sie, die Akteure, alte und neue, die daran arbeiten das Quartier weiter nach vorne zu bringen. Nicht sofort ersichtlich, aber dennoch vorhanden. Wer von der Ückendorfer Straße in die Bergmannstraße abbiegt, landet beispielsweise auf der Galeriemeile. Hier tummeln sich einige Ladenlokale, die zugegeben mehr Atelier als Galerie sind, und vermitteln gerade an den Veranstaltungen im Frühling und Herbst, an denen alle Türen offen stehen oder alle Lichter an sind, ein Gefühl von Kreativ.Quartier. Auf der rechten Seite wurden vor einem Spielplatz Formen aus Beton gegossen, die nun als Übungsfläche für Parkourläufer dienen sollen. Gegenüber diesen - schnell mit einem Kunstprojekt zu verwechselnden - Konstrukts, war früher die Galerie Hundert, ebenfalls Bestandteil der Galeriemeile. Nun hängen an den Wänden keine Kunstwerke, sondern drei, aus buntem Papier gefaltete Köpfe eines Rehs, eines Elefanten und eines Einhorns, darunter eine grüne samtartige Couch. Im Raum stehen Tischtennisplatten anstelle von Tischen, auf ihnen große Bildschirme. Vor Kopf findet sich eine graue Küchenzeile und ein Stehtisch aus Holz, dessen Beine aus Metallrohren geformt sind. Seit dem 8. Mai 2016 bewohnen das Ladenlokal mit der schwarz gefliesten Fassade und dem großen Schaufenster Simon Schlenke, Matthias Krentzek und Melanie Kemner. Sie sind Gründer des c/o - raum für kooperation und wollen mit einer simplen Idee ein Zeichen für sich und das Viertel setzen:

„Wir wollten ein gemeinsames Büro haben, auch wenn wir im Hauptgeschäft eigenständig sind. Allerdings war uns von vornherein klar: wir wollten kein normales Büro, sondern etwas Besonderes. Außerdem wollten im Kreativquartier Ückendorf von Anfang an dabei sein. Wir wollten mehr als nur ein Büro haben, sondern einen Ort der Kooperation. Diese Kooperation haben wir dann als Motto für diesen Raum genommen. Daher auch der Name c/o - raum für kooperation. Wir machen das auch für Leute, die so sind wie wir, die einen Schreibtisch brauchen – einen Tag, eine Woche, einen ganzen Monat“, erzählt Matthias Krentzek. „Unsere Motivation ist es nicht, mit dem Coworking-Space reich zu werden. Es ist eher Teil unserer Netzwerkarbeit. Er bringt uns mit interessanten Menschen in Kontakt und bietet uns den Raum Neues zu probieren.“, beschreibt Matthias das Konzept, welches auf drei Säulen steht.

 

 

Säule eins: „Wir sind jeden Tag hier und arbeiten.“

Sowohl Simon, als auch Matthias und Melanie arbeiten eigenständig. Simon hat Journalismus und PR in Gelsenkirchen studiert, arbeitete dann einige Jahre in Düsseldorf und ist nun freiberuflicher Spezialist im Bereich Kommunikationsberatung mit Schwerpunkt Social Media. Matthias arbeitet als Grafikdesigner und Berater für verschiedene Firmen. Matthias Frau Melanie arbeitete schon während des Studiums bei der Kulturhauptstadt RUHR.2010 und begleitete das Projekt über sechs Jahre, bis die Tür des Projektes sich schloss. Heute ist sie immer noch meist für öffentliche Auftraggeber tätig und betreut diese in den Bereichen Marketing und Kommunikation. Aktuell arbeitet sie für die Stadt Essen, die grüne Hauptstadt 2017.

 

Säule zwei: „Der zweite Punkt ist die Kooperation“

Insgesamt können sechs Leute im c/o - raum für kooperation gleichzeitig arbeiten. Meist sind nur zwei der HauptmieterInnen vor Ort, wodurch noch Platz für vier weitere wäre. Diese haben dann die Möglichkeit sich entweder für einen Tag (14,90 Euro), einen Tag pro Woche (49 Euro im Monat), eine Woche (59 Euro) oder einen Monat (199 Euro) einzumieten. Immer inklusive: eine Internet-, Kaffee- und Getränkeflat. Zielgruppenorientiertes Marketing. „Wir machen das flexibel. Am Ende des Monats schauen wir dann, wie oft jemand hier war und gucken, welches der günstigste Tarif ist“, erläutert Simon. Dies hat zum einen, wenn es funktioniert, natürlich finanzielle Vorteile, allerdings fördert es auch das Netzwerk. Denn neben Selbstständigen, können auch Firmen den Raum tageweise mieten. „Das wird sehr gut angenommen. Von Arbeitsworkshops, die einen Tag aus dem Büro heraus wollen, oder zum Teambuilding“, erzählt Simon weiter, „neulich saßen hier zehn Leute, teilweise eingeflogen aus München und Hamburg, die dann nach dirty old Gelsenkirchen zu ihrem Kick-Off-Meeting kamen. Das ist schon cool. Nicht nur für uns, auch für den Stadtteil. Das ist ein Aspekt, der nicht zu unterschätzen ist.“

 

Säule drei: „Der dritte ist, dass wir uns im Kreativquartier beteiligen.“

So sollen der Raum und seine Betreiber das Viertel nicht nur auf dem Papier aufwerten, sondern es auch direkt oder indirekt mitgestalten. Sei es durch Menschen, die von außen dadurch nach Ückendorf kommen, kulturelle Veranstaltungen oder Planungstreffen des Viertels, die dort stattfinden. Letzte beschäftigen sich vor allem mit der Nutzung von Gebäuden, die von der Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) gekauft und saniert werden. Das Geld für Kauf und Sanierung gewinnt die SEG durch den Verkauf höherpreisiger Grundstücke im Norden Gelsenkirchens. Eine Art erwirtschafteter Solidaritätsbeitrag in Gelsenkirchen. „Ein ziemlich innovatives System eigentlich“, meint Matthias. Doch, was tun mit den neuen Immobilien? Wie kann es ein vermeintlicher Problembezirk schaffen, zu dem herbeigesehnten Kreativ.Quartier zu werden? Bezogen auf die eigenen Räumlichkeiten wollen Matthias, Melanie und Simon ein kulturelles Angebot schaffen, Lesungen sowie kleine Konzerte sind für sie denkbar, aber auch regelmäßige Afterwork-Veranstaltungen, um Menschen anzulocken, den Laden und damit das Viertel zu beleben. „Wir hatten Afterwork-Tischtennis, das bietet sich an. Ich hätte Lust, sowas in einer regelmäßigen Form ins Leben zu rufen. Das war eine sehr witzige Veranstaltung“, erzählt Matthias grinsend. Tischtennis und Biertrinken unter der Woche zur Belebung des Viertels.

Das reicht jedoch nicht, so stellen sich die drei Frage der Viertelgestaltung auch über ihre räumlichen Grenzen hinaus. Simon hofft, „dass es bald ein großes Aushängeschild gibt“ und denkt an Menschen, die sich mit einer guten Idee hier niederlässen. Außerdem fehle ihm eine „kreative Gastronomie, so als Feuer unter dem Kessel.“ Etwas, das einlädt nach Ückendorf zu kommen - privat, aber gerne auch beruflich für einen Termin, die Mittagspause oder einen schnellen Kaffee zwischendurch. Einladend und im besten Fall handgemacht. Ideen für Ückendorf haben sie genug, „doch inwieweit diese umzusetzen sind, wird die Zeit zeigen. Aber es macht Spaß das mitzugestalten.“

Für Matthias stellen neben dem Angebot allerdings die AnwohnerInnen die größte Herausforderung dar: „Die Anwohner dazu zu bekommen, das im Kopf mitzutragen und das gut zu finden, das ist noch eine große Baustelle.“ So sprach ihn vor einiger Zeit ein Passant an und warf ihm vor nur wieder Steuergelder zu verprassen. „Wir legen schon Wert darauf, dass wir das hier selber finanzieren und wir hier arbeiten. Das mag auch daran liegen, dass es mittlerweile hier schon fast verschrien ist, ein Kunstverein oder ähnliches zu sein.“ Eine exemplarische Situation, die ganz gut aufzeigt, wie schwer es ist, die AnwohnerInnen eines vermeintlich problematischen Viertels bei einer kulturellen Veränderung abzuholen. Menschen, die sonst unter Umständen bislang kaum Berührungspunkte mit Kultur hatten und deren Sorgen und Ängste ganz andere sind, als die der Kreativwirtschaft. Menschen, die das dort angelegte Geld vielleicht an anderer Stelle lieber gesehen hätten. Abholen ist ein Stichpunkt, kann jedoch nur der Anfang sein. Die AnwohnerInnen mit einzubeziehen, ihre Vorstellungen und Wünsche, das ist unbedingt notwendig. Changemanagement wird ein solcher Vorgang in einer Firma genannt und scheint auch bei der Stadtentwicklung von Nöten zu sein. Ob da ein Parkourübungsplatz reicht oder nur der erste Schritt ist, sei dahingestellt.

Für das Büro ist allerdings klar: „Als wir hier vor einem Jahr den Mietvertrag unterschrieben haben, wussten wir: Wir springen auf einen Zug auf, der noch langsam fährt, aber wir glauben daran, dass er schneller wird. Außerdem merken wir, dass wir selbst ganz gut mit angeschoben haben.“

 

Text: Jan Kempinski