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Altersgerechtes Equipment für Silke Geyer

Eine Förderung von KünstlerInnen muss nicht immer in Form von Stipendien oder finanzieller Unterstützung von Projekten geschehen - das zeigt der Antrag von Silke Geyer. Im vergangenen Jahr überraschte die Figurentheaterspielerin die Jury mit ihrem ungewöhnlichen Anliegen – und konnte überzeugen.

 

© Simon Sepp

Biographie eines alten Hasen

Silke Geyer ist bereits seit langem als Kulturschaffende unterwegs – seit über 35 Jahren entwickelt sie Projekte für Figuren- und Materialtheater und steht bis heute selbst auf der Bühne. Daneben ist sie als Dozentin für Masken- und Figurenspiel tätig. Ihre Ausbildung absolviert sie in den 1980er Jahren; zunächst an der Kunstschule in Darmstadt, dann am Bochumer Figurentheater-Kolleg. So legt sie die Grundlage für den Einstieg in die freie Theaterszene. Es folgen eigene Produktionen, die Gründung eines Theaterkollektivs, Auftritte im In- und Ausland und weitere Lehrjahre in Paris an der Masken- und Schauspielschule Gaullier. Für das Bochumer Schauspielhaus produziert sie Masken und wird aktives Mitglied im Bochumer Figurentheater Fibo e.V., der Theaterreihen für Kinder in Bochumer Stadtteilen organisiert. 1995 gründet sie dann ihr eigenes Theater, die Wilde Hummel. Das in Bochum ansässige Theater widmet sich der Entwicklung von Kindertheaterstücken, in denen Figuren, Masken und Schauspiel vereint werden. Die Inszenierungen bestechen durch ihre reiche Bildersprache, geschaffen durch den Einsatz einfachster Mittel - auf ''laute Effekte'' wird bewusst verzichtet.

Wölfinnen ziehen ihre Runden

Die Wilde Hummel ist ein Tournee-Theater. Ohne festes Haus werden die Produktionen an wechselnden Spielorten in der gesamten Republik aufgeführt. Regelmäßig erhält das Theater Einladungen zu nationalen und internationalen Festivals. Im Rahmen dieser mobilen Theatertätigkeit müssen für jeden Auftritt nicht nur die Kostüme und Requisiten, sondern auch schwergewichtige Bühnenteile, Licht- und Tontechnik bewegt werden. Das macht Silke Geyer gemeinsam mit ihrer langjährigen Technik-Kollegin - ''dann ziehen die alten Wölfinnen wieder ihre Runden'', wie sie sagt. Mit zunehmendem Alter gestaltet sich aber genau diese Schlepperei als problematisch. Gerade beim weiblichen Geschlecht wirken sich starke körperliche Belastungen und schweres Heben besonders negativ auf den Körper aus - so auch bei Silke Geyer. Die altersbedingten Verschleißerscheinungen an Wirbelsäule und Handgelenken machen sich bei jedem Ein- und Ausladen und den Auf- und Abbauarbeiten bemerkbar. Also versucht sie, sich durch zugebuchte Helfer Abhilfe zu schaffen. Doch für ein, zwei Stunden Hilfstätigkeiten findet sich kaum zuverlässiges Personal.

Dort liegt der Hund begraben

Unter diesen Umständen wird plötzlich die künstlerische Existenz von Silke Geyer grundlegend in Frage gestellt. Das Bizarre an der Situation: Die Puppenspielerin scheitert nicht - wie viele andere Kunstschaffende - an einer mangelnden Auftragslage, sondern an den äußeren Rahmenbedingungen. Die künstlerische Arbeit, das Spiel auf der Bühne, geht noch immer leicht von der Hand, zehrt sich geradezu aus der langjährigen Erfahrung. Lediglich das (technische) Equipment müsste auf die körperlichen Voraussetzungen angepasst werden, um weiterhin künstlerisch mobil unterwegs zu sein. Doch woher das Geld nehmen, um das bisherige Lager aus dem Keller in das Erdgeschoss zu verlegen und für die Technik maßgefertigte Alu-Cases auf Rollen anzuschaffen? Bei den finanziellen Realitäten der Freien Theaterszene ist das erforderliche Material nicht aus eigener Kasse finanzierbar und Kredite werden bei ungesicherten Einkünften üblicherweise nicht vergeben.


Auf das richtige Pferd gesetzt

In dieser Notlage begibt sich Silke Geyer auf die Suche nach Fördermöglichkeiten und stößt auf die Individuelle Künstlerinnen- und Künstlerförderung (IKF). Das Förderprogramm will die Arbeits- und Lebensbedingungen von KünstlerInnen im Ruhrgebiet zu verbessern. Im Falle Geyers bedeutet eine Förderung allerdings nicht nur eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingung, sondern die grundsätzliche Fortführung ihres künstlerischen Schaffens. Diese Argumentation überzeugt auch die Jury.

Dabei steht der Antrag von Silke Geyer nicht für ein Einzelschicksal, sondern spiegelt die Arbeitsrealität so vieler - insbesondere weiblicher - KollegInnen wider. Insofern mag diese Förderung wegweisend sein, um KünstlerInnen zu befähigen, selbst im fortschreitenden Alter arbeitsfähig zu bleiben. Dass hierfür auch die so oft üblichen Altersbeschränkungen überdacht werden sollten, liegt auf der Hand.

 

In diesem Sinne wünscht das IKF-Team Silke Geyer noch viele weitere erfolgreiche Jahre bei ihrer künstlerischen Arbeit!

 

Text: ecce