NICE – Die Geschichte

 

2012 war ecce – knapp ein Jahr nach seiner Gründung – im Aufbau nachhaltiger Strukturen zur Förderung des Wandels durch Kultur im Ruhrgebiet. Dazu zählte von Anfang an die Verstetigung der europäischen Netzwerke, die während der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 aufgebaut worden waren sowie die künftige Nutzung europäischer Potenziale und Kräfte, um den Strukturwandel im Ruhrgebiet zu unterstützen. Diese Ziele der Landesregierung Nordrhein-Westfalens und des Regionalverband Ruhr (RVR) – formuliert in der sogenannten Nachhaltigkeitsvereinbarung zur RUHR.2010 – galt es nun zukunftsfähig zu operationalisieren. Viele Fragen gab es zu beantworten: Welche Netzwerke waren dafür geeignet? Wie musste ein Netzwerk strukturiert sein? Und welche Branchen, Trends oder Themen im Ruhrgebiet waren geeignet oder bereit für die Förderung durch europäische Potenziale? In dieser Findungsphase einer nachhaltigen europäischen Dimension des Ruhrgebiets veröffentlichte die Europäischen Union ihr neues mehrjähriges Programm für die Jahre 2014–2020: Die Strategie Europa 2020 und ihre Innovationsunion. Damit war ein Anker für europäische Potenziale gesetzt: Wollte das Ruhrgebiet die Potenziale der Europäischen Kommission nutzen, musste dies zumindest von 2014 bis 2020 im Rahmen der Agenda von Europa 2020 geschehen. Die schlichte Frage „Was ist Innovation?“ im September 2012 stellt sich heute rückblickend als eine strategische Wegmarkierung dar. Die Antwort aus der europäischen Generaldirektion lautete: „Verfolgung eines umfassenden Innovationskonzeptes, das sowohl Innovationen aus der Forschung, als auch Innovationen von Geschäftsmodellen, Gestaltung, Markenpolitik und Dienstleistungen einbezieht, sofern sich daraus Vorteile für die Nutzer ergeben und besondere Begabungen in Europa vorhanden sind. Die Kreativität und Vielfalt unserer Bevölkerung sowie die Stärke der europäischen Kultur- und Kreativwirtschaft bieten ein enormes Potenzial für neues Wachstum und neue Beschäftigung durch Innovation, insbesondere im Hinblick auf KMU.“

Die Definition - eine Herausforderung

Diese Definition von Innovation überraschte, ja schien in sich widersprüchlich: Zum einen wurde ein weitgefasstes Konzept von Innovation entworfen, zum anderen eine Liste an Beispielen gegeben, die einschränkend wirkten. Kreativität der Bürger und die Potenziale der Kreativwirtschaft wurden in einem Atemzug genannt – höchst unterschiedliche Welten scheinbar konzeptlos zusammengewürfelt? Nicht zuletzt schien das Potenzial von Innovation auf Wachstum und Arbeitsplätze fokussiert, um nicht zu sagen limitiert: Sollten Innovationspotenziale in Bildung, sozialer Entwicklung, Stadtentwicklung, Integration nicht unter die Strategie Europa 2020 fallen? Sollten diese nicht gefördert werden? Und was sind kulturelle Innovationen und wie gedenkt die Europäische Union diese ab 2014 zu fördern?

Was sind kulturelle Innovationen?

Diese Frage betraf die europäischen Potenziale der RUHR.2010 ganz direkt. Je nach Verständnis und Definition der Europäischen Union konnte sich für das Ruhrgebiet ein Fenster europäischer Potenziale öffnen – oder schließen. Die alles entscheidende Frage lautete, ob die Top-Down-Definition der Europäischen Union die regionalen und städtischen Träger, MacherInnen und AktivistInnen als innovative Kultur gelten lassen würden – Projekte wie „2-3 Straßen“ von Jochen Gerz, die Games-Factory in Mülheim, Urbanatix in Bochum oder viele andere innovative Impulse, die im Kulturhauptstadtjahr durch die RUHR.2010 initiiert wurden und fortdauerten. Die Klärung dieser Frage wurde nicht dadurch erleichtert, dass die europäische Definition von Kreativwirtschaft eine andere war als der Sprachgebrauch in Deutschland: Einerseits schloss er die öffentlichen Betriebe wie Museen, Theater und Bibliotheken ein; andererseits schien er deutlich industrieller ausgerichtet. Würden EinzelunternehmerInnen, selbständige KünstlerInnen, die zwar wirtschaftliche Absichten verfolgten, doch oft genug gerade eben überlebten, nicht berücksichtigt im Rahmen der Agenda Europa 2020? Würde damit gerade die Vielfalt der kleinen Kultur und Kreativwirtschaft, das Markenzeichen des Ruhrgebiets, ausgeschlossen? Doch diese Fragen stellte sich das Ruhrgebiet nicht alleine – viele ehemalige Industriestädte und -regionen, die sich im Strukturwandel befanden und heute noch befinden, standen ebenso wie ecce als Institut vor der Aufgabe, ihre kulturelle Identität und Geschichte als europäische Potenziale in der neuen Politik der Jahre 2014 bis 2020 zur Geltung zu bringen: Bilbao, Birmingham, Rotterdam, Graz, Košice, Krakau, Bristol. All diese Städte verbindet ihre industrielle Geschichte und ihr gesellschaftlicher und urbaner Wandel – mit der Unterstützung von Investitionen in Kultur und Kreativwirtschaft.

Auslöser für das Netzwerk

Im Rahmen der internationalen Kulturkonferenz Forum d‘Avignon Ruhr 2012 entstand in informellen Gesprächen im Kreis dieser zuvor genannten Städte die Idee, eine Allianz zu schaffen, die sich für einen wahrhaft offenen Innovationsbegriff in Europa einsetzt, sich einem ausschließlich wirtschaftlich geprägten Begriff widersetzt – in dem Kultur, sei es privat oder öffentlich initiiert, wie auch die Kreativwirtschaft anerkannte Impulsgeber sind. Gerade hatte auch der renommierte Städteforscher Charles Landry eine Studie „Kultur als Motor des Wandels“ über Innovationen in Städten veröffentlicht, die durch Kultur und Kreativität ausgelöst wurden – dazu zählte er sogar auch „creative administrations.“ Im Winter 2012 und Frühjahr 2013 hat ecce einen „Letter of Intent“ zur Gründung einer Allianz für Innovation aus Kultur und Kreativwirtschaft entworfen und persönlich in einer Präsentationstour in Wien, Bilbao, Rotterdam und Birmingham vorgestellt. Aus einer ersten informellen Idee sollte eine verlässliche Struktur gebaut werden, die in der Lage war, auch in Europa gehört zu werden. Aus gemeinsamer Betroffenheit sollte eine gemeinsame Strategie werden, die zunächst auf einem Credo gründete: Alle Partner im Netzwerk beteiligen sich aus einem genuinen eigenem und lokalem Interesse – und nicht weil es sich um ein Netzwerk eines von der Europäischen Union geförderten Projektes handelte. Damit war die erste Innovation für das Netzwerk selbst entstanden: Ein Bottom-Up-Netzwerk, das ohne Förderung der Europäischen Union existierte. Wie sich zeigte war und ist dies bis heute in Europa eine Seltenheit. Als im März 2013 die Allianz der Partner stand, galt es die Maßnahmen des Netzwerkes zu entwickeln. Nach der Bottom-Up-Philosophie des Netzwerkes wollten sich alle Partner treffen, um eine in sich innovative Maßnahme zu erfinden, wie man kulturelle und kreative Innovationen promoten könnte. Dafür bot sich das Forum d‘Avignon Ruhr 2013 an. Doch aus der zeitlichen Koinzidenz entstand eine weitreichende Synergie: Einerseits plante ecce während des Forums Design-Thinking-Workshops zur Entwicklung neuer sogenannter Spillover-Projekte: Kulturelle MacherInnen aus dem Ruhrgebiet und Europa trafen sich in einem eintägigen Workshop, um im Stile eines Hackathon schnellst möglich innovative Projekte zu (er)finden. Andererseits suchte das gerade in Gründung befindliche Netzwerk eine ungewöhnliche Methode um Innovationen zu fördern. Beide Ansätze verbanden sich auf dem Forum d´Avignon Ruhr 2013 zu einer Pilotierung des N.I.C.E. Awards – so entstand überraschend für alle eine hohe Geschwindigkeit: Das Netzwerk wurde im Juni 2013 formal gegründet, parallel dazu wurde schon die erste Maßnahme, der N.I.C.E. Award, pilotiert. Die Preisverleihung des N.I.C.E. Awards 2013 folgte ganz dem Crowdsourcing-Ansatz des Design-Thinking-Workshops: Keine Jury, sondern über ein Voting der TeilnehmerInnen des Forum d’Avignon Ruhr wurde das innovativste Kulturprojekt ausgewählt, direkt nachdem die Gruppen der Workshops ihr jeweiligen Projekte auf der Bühne des Forums allen KonferenzteilnehmerInnen präsentiert hatte.

„Not just another conference“

Das Motto des Forums wurde zur Überraschung vieler TeilnehmerInnen unmittelbar eingelöst. Auf dieses interaktive, höchst experimentelle Format des Forum d‘Avignon Ruhr folgte eine eher klassische, aber nicht weniger mitreißende Preisverleihung durch Garrelt Duin Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes Nordrhein-Westfalen.

Shaking Hans

Das Projekt „Shaking Hans“ der vom international bekannten Städteforscher Charles Landry gecoachten Projektgruppe Stadtentwicklung gewann den N.I.C.E. Award 2013. Das Team konzentrierte sich auf folgende Aufgabenstellung: „Wie können wir dafür sorgen, dass die Allgemeinheit und EntscheidungsträgerInnen kreative Projekte und Prozesse besser wahrnehmen und anerkennen?” Die Herausforderung für die Gruppe war es, eine Idee zu schaffen, die interessant genug sein würde, um so auf Menschen zu wirken, dass sie die positiven Auswirkungen von ideenreichen Projekten für die Stadtentwicklung und Gemeinschaftsbildung besser zu schätzen wissen. Um den Prozess, sich jemanden in einem öffentlichen Raum vorstellen zu können, in Gang zu setzen, wurde ein Stereotyp entwickelt. Das war Hans (es hätte ebenso eine Frau sein können). Hans tendierte dazu, in sich gekehrt zu sein, er hatte einen Hang zu Vorurteilen, war ein wenig selbstgerecht und selbstgefällig. Er war sehr konsumorientiert und hatte wie viele andere das Gefühl, er könne von der Gesellschaft oder dem Leben etwas erwarten oder beanspruchen. Er erwartete zum Beispiel, dass andere für ihn sorgen. Er war kein Macher, Meinungsbildner, oder Mitschaffender seiner sich entwickelnden Stadt. Im Wesentlichen gibt es einen Hans in jedem von uns. Die Herausforderung, der sich die Gruppe stellte war, diesen Hans zu überzeugen, dass er die Teilnahme am urbanen Leben weniger skeptisch betrachten müsse und sich mehr in seiner gesellschaftlichen Umgebung einbinden solle, um sein Vertrauen in andere Menschen zum Vorteil Aller zu stärken. Darüber hinaus sollte die Idee katalytisch, wiederholbar, messbar, flexibel und verhältnismäßig einfach umsetzbar sein.

Das erste Mitgliedertreffen in Dortmund

Im Herbst 2013 trafen sich die zwölf N.I.C.E.-Gründungspartner im Dortmunder U – zum einen für eine Evaluierung der N.I.C.E. Award Pilotierung im Juni 2013, zum anderen für die Entscheidung über das endgültige Format des N.I.C.E. Awards in den nächsten Jahren. Die Grundsatzfrage stand unverändert im Raum: Ist ein Award überhaupt der richtige Ansatz? Immerhin kann eine Preisverleihung nicht als innovative Methode gelten, Innovationen zu fördern; kann er dennoch kulturelle Innovationen vorantreiben und sichtbar machen? Die führenden N.I.C.E.-Gründungspartner waren für einen eintägigen Workshop nach Dortmund gekommen – von Kreativwirtschaft Austria bis zur Birmingham City University, vom Dutch Design Desk Europe aus Maastricht bis zu den Städten Essen, Gelsenkirchen und Dortmund. Moderiert wurde der Workshop von einer der führenden InnovationsexpertInnen Europas – Dr. Gertraud Leimüller (Gründerin und Generaldirektorin, winnovation consulting gmbh/Vorsitzende, arge creativ wirtschaft austria) – nachdem Pia Areblad von TILTT den Tag mit einem Impulsvortrag über künstlerische Innovationen eröffnete. TILLT hat 1.000 künstlerische Projekte in die Wirtschaft vermittelt – aus dem Pool an Innovationen wollten die N.I.C.E.-GründerInnen lernen. An diesem Tag in der Mediathek des Dortmunder U entstand das Konzept des N.I.C.E. Awards, wie es bis heute weiter fortgeführt und entwickelt wird – mit folgenden Bestandteilen:

Ein thematischer Aufruf

1. Die drei Zielgruppen: AkteurInnen aus: Kultur und Kreativwirtschaft, Politik und Verwaltung, Forschung und Universität

2. Ein zweistufiges Juryverfahren mit Shortlist

3. Auswahl der GewinnerInnen durch persönliche Interviews mit den Nominierten

4. Preisverleihung

5. Ausstellung, die nach Möglichkeit durch Europa wandert

6. Mobiles Ausstelllungsdesign

Von Anfang an waren sich die N.I.C.E.-GründerInnen einig: Der Preis soll nicht nur ein Preis sein, sondern Anlass und Zweck, die Kultur- wie Wirtschaftspolitik von der Wichtigkeit und damit auch von der Förderwürdigkeit kultureller Innovationen zu überzeugen. In Folge dieser gesellschaftlichen Dimension entschieden sich die N.I.C.E.-InitiatorInnen auch für thematische Ausschreibungen in den Jahren 2014 und 2015, die von gesellschaftlicher Relevanz sein sollten.

War 2014 noch die neue Förderpolitik der Europäischen Union für Spillover-Effekte von Kultur und Kreativwirtschaft Impulsgeber für den N.I.C.E. Award, so ging es schon im Jahr 2015 um einen generalistischen Aufruf: Solving the World’s Major Challenges.

Auf den N.I.C.E.-Aufruf 2014 folgten 108 Bewerbungen aus 22 Staaten – die Shortlist von zehn Nominierten fand so viel Interesse, dass die N.I.C.E.- Ausstellung aus Essen (Juni 2014) nach Mannheim (Dezember 2014) und Graz (März 2015) wanderte. Mehr als 1.500 BesucherInnen sahen die zehn innovativsten Projekte aus Kultur und Kreativwirtschaft in Europa.

Erste Ausstellung in Graz

Als sich die N.I.C.E.-InitiatorInnen in Graz im Frühjahr 2015 anlässlich der dortigen Vernissage der N.I.C.E.- Ausstellung im Rahmen des Designmonats trafen, beschlossen sie die gesellschaftliche Relevanz des N.I.C.E. Awards weiter zu etablieren. Eine Arbeitsgruppe bestehend aus Charles Landry, Arantxa Mendiharat und Bernd Fesel überarbeitete wochenlang den Aufruf des Jahres 2015. Mit diesen internationalen Erfahrungen entstand der Aufruf: Solving the World’s Major Challenges. Allein die damit verbundene These, dass Kunst und Kultur die Hauptprobleme unserer Zeit adressieren und zu lösen helfen, rüttelte auf – in einer Zeit, in der aufgrund der knappen öffentlichen Haushalte viele Kulturetats wie in den Niederlanden, Großbritannien, Italien, Spanien, Portugal und auch Frankreich vor schmerzhaften Kürzungen standen. Die Resonanz auf den N.I.C.E. Aufruf 2015 war überwältigend – 213 Einreichungen aus 29 Staaten: Das war der Durchbruch an internationaler Bekanntheit, aber auch Anerkennung wie es an den hochkarätigen Einreichungen zu erkennen war. Die Shortlist konnte auf 15 Nominierte erweitert werden, so vergrößerte sich ebenso die Ausstellung, für die noch während des Forum d‘Avignon Ruhr mehrere Kooperationsanfragen vorlagen: Donostia-San Sebastián, North East England, Krakau und Mannheim haben ihr Interesse an einer Ausstellungsübernahme angemeldet. Für die nächsten Jahre stehen das N.I.C.E.-Netzwerk und damit auch der N.I.C.E. Award vor neuen Herausforderungen. Hat der N.I.C.E. Award bereits die Grenzen seines Modells erreicht? Wie kann er weiter wachsen? Wie kann er einflussreicher werden? Das N.I.C.E.- Netzwerk ist erneut gefordert: Es muss ein weiteres Mal innovative Strukturen (er)finden und seine Maßnahmen fortschreiben.

NICE beim European Culture Forum

Im November 2015 ist N.I.C.E. auf das European Culture Forum der Europäischen Kommission geladen und betritt damit schon im dritten Jahr nach seinem Start die zentrale und wichtigste kulturpolitische Bühne in Brüssel. Dort wird N.I.C.E. seine Definition von Innovation präsentieren – nicht nur abstrakt, sondern anschaulich am Beispiel von zwei Dutzend erfolgreicher Projekte aus den N.I.C.E.- Ausstellungen der Jahre 2014 und 2015. Was würde wohl die Europäische Kommission heute antworten auf die Frage: „Was ist Innovation?“ Immerhin können heute führende Städte, ForscherInnen und Stakeholder der Kultur und Kreativwirtschaft in Europa, die im N.I.C.E.-Netzwerkorganisiert sind, eine gemeinsame Antwort geben: „Innovation is about creating new or better value for society, companies or individuals. Innovations are new solutions that resolve from needs or demands in everyday life or the surrounding society. The value arises from making use of or adapt an idea. Value can be created in many forms: economic, social or environmental values. Innovation can happen in small steps (incremental innovation) or in big leaps (radical innovation.) Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) divides innovation in level of newness: it can be new for the organisation, new for the market (or used in another area) or new for the entire world. Values for society are created when new ideas are adopted and spread. The word innovation covers both the process to develop new solutions as well as the results of the process; the solutions itself.” Um dieses offene Verständnis von kultureller und kreativer Innovation tagtäglich in die Debatten in Kunst und Kultur, in Politik und Verwaltung sowie in die Lehre und Forschung einzubringen, hat N.I.C.E. einen Twitter-Infokanal aufgebaut, der täglich über kulturelle Innovationen berichtet – @nice_network.

 

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