ecce - european centre for creative economy
  • Newsletter ecce - 2015 #1

liebe Kreative und Kulturschaffende,
Liebe Freunde und KollegInnen,

Kreative Milieus erwachsen nicht allein aus günstigem Wohnraum, dem Zuzug von Kreativen und einer folgenden attraktiven Mischung aus urbaner Verdichtung, Talenten, Toleranz und Know-How. Es gibt in der Entwicklung auch immer etwas, das Musiker eine Ghost-Note nennen: einen Ton, der nicht hörbar ist, aber für die Stimmung eines Stücks entscheidend sein kann. Der Punkt, an dem die Stimmung in Richtung Kreativquartier und attraktivem Milieu kippt, scheint nur schwer künstlich steuerbar zu sein, was aber nicht bedeutet, dass ein Milieu nicht durch Fördermittel und Beratung, durch Vernetzung und Kooperationen entwickelt werden könnte und sollte. Also durch genau die Arbeit, die ecce mit diversen Projekten betreibt.

„Kreative Milieus stehen nach unserer Auffassung für einen offenen, experimentellen und pluralistischen Kulturbegriff“, sagt Prof. Dieter Gorny, Geschäftsführer von ecce, in Bezug auf die Publikation „Spotlight – Kreative Milieus in Europa“, die wir in dieser Ausgabe unseres Newsletters vorstellen. Wir haben 300 kreative Milieus in Europa recherchiert und sechs solcher Orte genauer analysiert. Was macht ihre Attraktivität aus, wie und wann haben die Milieus den „Tipping Point“ hin zu einer positiven Wahrnehmung nach Innen und Außen erreicht?

Um ein Milieu geht es auch dem Mannheimer C-HUB, einem weiteren Kreativzentrum in der bereits durch die Kultur- und Kreativwirtschaft stark positiv gewandelten Stadt. Das C-HUB in Mannheim hat im Juli eröffnet und wird Dreh- und Angelpunkt für die Kooperation von ecce und damit den Regionen Ruhrgebiet und Rhein-Neckar sein: Der 2000m² Nutzfläche umfassende Neubau bietet Raum für Neugründungen aus fast allen Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft – und das mitten in einem von sozialen Brüchen gekennzeichneten Stadtquartier.

Am EXCITE Konsortium sind mehrere Städte und Regionen in Europa beteiligt – darunter Gelsenkirchen im Ruhrgebiet. Das Programm fördert im Rahmen von Erasmus for Young Entrepreneurs (EYE) den mehrmonatigen Austausch von jungen UnternehmerInnen aus Europa. Die Gäste in Gelsenkirchen können dabei in der berühmten Künstlersiedlung Halfmannshof leben – einem kreativen Milieu mit langer Geschichte.

Wirtschaft und Kultur bedingen sich gegenseitig und so ist „Spillover“ als Phänomen längst auch in der europäischen Debatte angekommen. Noch im Juni wurde der Begriff bei einer Anhörung des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses in Brüssel thematisiert. Schwierigkeiten bereitet allerdings weiterhin eine präzise Definition und die Evaluierung von Spillover. Wir möchten Sie aufrufen, sich an der darüber laufenden Debatte aktiv zu beteiligen und Ihnen bei der Gelegenheit auch die öffentliche Plattform zum Thema, den Wikispace Cultural Creative Spillovers vorstellen.

Definitiv ein kreatives Milieu in einer vor kreativer Energie nur so strotzenden Stadt wie Berlin ist auch die Konferenz re:publica. In diesem Jahr lag mit „City of the Future“ ein thematischer Schwerpunkt auf urbanen Entwicklungen inmitten der Digitalisierung. Wir waren dort und berichten.

Ein ganz besonderes Milieu formt sich gerade um ein ehemaliges Kaufhaus inmitten der Ruhrstadt Herne-Wanne: Das KHAUS wird auf mehreren Etagen Kreative aus den elf Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft zusammenbringen. Dafür erhält das KHAUS Förderung aus dem Landesprogramm Kreativ.Quartiere Ruhr. Hier entsteht zunächst „indoor“ ein Milieu, dessen Funken später auf die gesamte Stadt überspringen könnten.

Mehr als 20 RednerInnen, darunter der EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport, Tibor Navracsics, nahmen an dem European Creative Industries Summit (ECIS) am 11. Mai in Brüssel teil. Die TeilnehmerInnen suchten „eine nach europäischen Werten angeregte europäische Antwort” (Prof. Dieter Gorny) auf die digitalen und globalen Herausforderungen unserer Zeit. Dem müssen sich auch Städte und ihre kreativen Milieus stellen. Hier werden viele Innovationen entwickelt, die auf die immer schnellere Digitalisierung unserer Gesellschaft antworten, ihre Chancen nutzen und Risiken minimieren helfen.

Wir wünschen Ihnen eine gewinnbringende Lektüre!

Spotlightkreative milieus in europa

„Kreative Milieus“ – wie entstehen und funktionieren sie? Welche Wirkung haben sie auf ihre Umgebung und vielleicht auf eine ganze Stadt? Unsere neueste Publikation Spotlight liefert Beispiele und Erzählungen aus der Praxis kreativer Milieus in Europa. Eine Übersicht 300 kreativer Milieus und sechs ausführlich portraitierte Beispiele dienen als Praxisanleitung, um eine Entwicklungsstrategie für die eigene Stadt oder die eigene Region zu finden. ecce möchte so die Effekte und Erfolge kreativer Milieus praxisnah, belegbarer und glaubhafter machen. Das geschieht auch in der Hoffnung, dass sich so die Bereitschaft erhöht, Kreativität, neue Kulturen und innovative Künste genauso zu fördern wie andere wirtschaftliche und infrastrukturelle Bereiche im urbanen Raum. 

Mannheim: Das C-HUB HAT eröffnet!

Interview mit Frank Zumbruch, Geschäftsführer des C-HUB Mannheim

 

Das im Juli eröffnete C-HUB in Mannheim wird Dreh- und Angelpunkt für die Kooperation von ecce und der Regionen Ruhrgebiet und Rhein-Neckar sein: Der 2000 m² Nutzfläche umfassende Neubau für Neugründungen aus fast allen Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft ist bereits jetzt fast vollständig vermietet. Frank Zumbruch, Geschäftsführer des C-HUB Mannheim: „In Mannheim begreifen wir die AkteurInnen der Kultur- und Kreativwirtschaft als die neue Arbeiterklasse.“ Wir sprachen mit Herrn Zumbruch über das erfolgreiche Mannheimer Modell und wie die Kultur- und Kreativwirtschaft in dieser alten Arbeiterstadt zu so einem bedeutenden Faktor wurde.

 

Das C-HUB eröffnete im Juli. Was gab den Anstoß, das gut funktionierende „Mannheimer Modell“ um das C-HUB gerade an diesem Ort im Jungbusch zu erweitern?

 

Das ehemalige Mannheimer Hafenviertel Jungbusch befindet sich seit 15 Jahren in einem behutsamen Reurbanisierungsprozess. Die Stadtentwicklungsmaßnahmen entlang des Verbindungskanals wurden sukzessive um kreativwirtschaftliche Bausteine ergänzt. Zunächst entstand 2004 der Musikpark Mannheim als erstes musikwirtschaftliches Existenzgründungszentrum in Deutschland. Später kam die Popakademie Baden-Württemberg hinzu. Beide Institutionen wurden mehrfach erweitert und baulich ergänzt. Mit dem C-HUB wird nun ein weiterer Meilenstein sowohl in der Quartiersentwicklung als auch in der wirtschaftspolitischen Strategie der Stadt gesetzt. Dabei setzt das C-HUB nicht ausschließlich auf die Musikwirtschaft, sondern auch auf alle anderen Teilmärkte der Kultur- und Kreativwirtschaft.

 

Die über 2000 m² Bürofläche sind bereits jetzt größtenteils vermietet. Was für Firmen sind das? Nur Kreativwirtschaft, Alteingesessene oder Start-Ups? Was zieht die Firmen ins C-HUB – außer durch Förderung ermäßigte Mieten?

 

Beim Großteil der MieterInnen im C-HUB handelt es sich um ExistenzgründerInnen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die meisten AkteurInnen arbeiten in der Werbewirtschaft, im Designmarkt, in der Filmwirtschaft, im Kunstmarkt sowie im Bereich Software- bzw. App-Entwicklung. Wichtig bei der Zusammenstellung der MieterInnen im Gebäude war es aber auch, erfahrene Kreative ins Haus zu holen, um einen bestmöglichen Erfahrungs- und Wissensaustausch unter den AkteurInnen zu ermöglichen. Gerade dieser Mix macht den besonderen Reiz des Zentrums aus. Neben klassischen Büros bietet das C-HUB mit dem „Dock3“ einen Coworking Space sowie Konferenz-, Besprechungs- und Schulungsräume, die auch extern vermietet werden. Das „C-LAB“ dient zudem als Design-Thinking-Labor.

 

Was unterscheidet das C-HUB von einem klassischen Businesspark-Modell? Anders gefragt: Wo liegt der Gewinn fürs Viertel und der Mehrwert für die ganze Stadt?

 

Im C-HUB kann man nicht nur kreativen Köpfen bei der Arbeit zusehen. Showrooms und Ladengeschäfte im Erdgeschoss des Bürogebäudes ergänzen gemeinsam mit dem „Port25“ als Raum für Gegenwartskunst und dem Restaurant „St. James“ die Gesamtkonzeption des C-HUB. Damit wird auch das gastronomische und kulturelle Angebot im Jungbusch ergänzt.

 

Wie konnte die Kultur- und Kreativwirtschaft in Mannheim zu so einem Faktor werden? Gibt es Lehren für andere Städte und Regionen, die Sie auf eine einfache Formel bringen können – einmal abgesehen von dem großen finanziellen Aufwand, den Land und Stadt über zehn Jahre betrieben haben?

 

Dahinter steht die konsequente Strategie Mannheim als kreative Stadt zu positionieren. Mit dem Mannheimer Modell wurde die Musikstadt Mannheim um drei Säulen ergänzt und gestärkt und mit der Aufnahme ins UNESCO Creative Cities Network auch international noch stärker sichtbar gemacht. Inzwischen ist die Kreativwirtschaft längst als Kompetenzfeld in der wirtschaftspolitischen Strategie der Stadt etabliert und um die Teilmärkte Design- und Werbewirtschaft als konkrete Handlungsfelder ergänzt worden. Die Empfehlung sich als Stadt zunächst auf bestimmte inhaltliche Bereiche zu konzentrieren, war immer schon ein guter Ansatz, um sich durch Einzigartigkeit von anderen zu unterscheiden. Die „eierlegende Wollmilchsau“ erweist sich allzu oft als Allround-Dilettant. In der Kreativregion Rhein-Neckar haben die Oberzentren Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen mit den Profilen Musik, Literatur und IT das Potenzial sich inhaltlich und strukturell ideal zu ergänzen.

 

Provokant haben Sie die neuen MieterInnen im C-HUB als die „neue Arbeiterklasse“ beschrieben. Können Sie das etwas erläutern? Um prekäre oder selbstausbeuterische Arbeitsbedingungen ging es dabei ja gerade nicht, oder?

 

Authentizität! Es gibt einen bekannten Spruch, der mir immer wieder bestätigt wird: „In Mannheim weint man zweimal: einmal, wenn man kommt und einmal, wenn man gehen muss.“ Auch wenn das Stadtbild Mannheims immer attraktiver wird, bedarf es meist des zweiten Blicks, um zu erkennen, wie hoch die Lebensqualität hier ist. Die MannheimerInnen feiern ihre Stadt unaufgeregt und pragmatisch. Hier wird nicht lange herumgeredet, sondern die Dinge werden angepackt. Das wirtschaftliche Umfeld in der ganzen Region prosperiert. Hier schlagen sich auch nicht 20 Freelancer um einen unbezahlten Job. Die Ausbildungslandschaft ist hervorragend und Talente werden hier konsequent gefördert. Man spürt überall den kreativen Puls, den man durchaus als kulturellen und wirtschaftlichen Motor einer Stadt bezeichnen darf.

Gelsenkirchen: EU-Programm EYE

EU-Programm EYE setzt in Gelsenkirchen auf die Kultur- und Kreativwirtschaft

Das Programm Erasmus for Young Entrepreneurs (EYE) der EU existiert bereits fünf Jahre. Jedes Jahr kommen neue Kontaktstellen in Europa dazu – derzeit rund 200. Seit kurzem ist auch Gelsenkirchen im Ruhrgebiet eine solche Kontaktstelle – die einzige in Nordrhein-Westfalen. Diese Kontaktstellen des Programm EYE sollen junge Selbstständige innerhalb der EU mit so genannten „Host-Entrepreneuren“ im europäischen Ausland zusammenbringen. EYE finanziert dabei den NachwuchsunternehmerInnen einen ein- bis sechsmonatigen Aufenthalt.

Das Projektkonsortium will sich innerhalb dieses EU-Programms vor allem auf Unternehmen aus der Kreativwirtschaft konzentrieren. Das EXCITE-Konsortium wird von Košice, Kulturhauptstadt Europa 2013, federführend organsiert und gemeinsam mit dem European Creative Business Network (ECBN) und acht weiteren Städten bzw. Regionen in Europa umgesetzt. Gelsenkirchen bietet seinen ausländischen Gästen an, während ihres Austauschs in einer großen Wohngemeinschaft in der renommierten Künstlersiedlung Halfmannshof zu wohnen: „Wohnen mit Möglichkeit zum Coworking ist ein erheblicher Benefit, denn normalerweise suchen sich die ProjektteilnehmerInnen vor Ort selbst eine Bleibe“, sagt Christiana Henke, Verantwortliche im Projektbüro von EXCITE in Gelsenkirchen.

Die lokale Kontaktstelle innerhalb des Konsortiums recherchiert mögliche Gäste und auch GastgeberInnen oder erhält Initiativbewerbungen. Dann stellt beispielsweise die Kontaktstelle in Gelsenkirchen ein Unternehmen in Bilbao als möglichen Host vor. Sind Host und JungunternehmerInnen zusammengebracht, begleitet das Büro die Gäste und unterstützt sie auch finanziell. Vom Host-Unternehmen hingegen ist bewusst keine finanzielle Unterstützung für den/die JungunternehmerIn zu erwarten. Es handelt sich schließlich nicht um Geschäftsbeziehungen im klassischen Sinne, sondern das Programm zielt auf Erfahrungs- und Wissensaustausch auf professionellem Niveau ab: „Der Host bietet dem Gast seine landes- und branchenübliche Sicht, beispielsweise auf Konzepte und Arbeitsweisen im jeweiligen Land“, beschreibt Henke. Ganz klar organisiert EYE auch kein Praktikum, denn es geht um die konkrete und inhaltlich versierte Zusammenarbeit junger UnternehmerInnen, die auf die Erfahrung bereits etablierter Hosts als MentorInnen treffen.

„Man denkt immer, Gelsenkirchen sei nicht so sexy, aber das stimmt gar nicht, das habe ich in Brüssel bei der EU erfahren. Wir haben hier im Ruhrgebiet oft ein zu geringes Selbstbewusstsein. Die Außenwahrnehmung ist aber ganz anders. Dort sieht man nicht nur Gelsenkirchen, sondern die kompletten 5,3 Millionen EinwohnerInnen des Ruhrgebiets.“ erläutert Henke. Wird der Fokus auf die Kreativwirtschaft denn gelingen? „Ja, denn Mobility-Programme und Erfahrungen bringen mehr als klassische Stipendien, die nur Kost und Logis bieten, mehr aber oft leider nichts bringen. Bei EXCITE profitieren die TeilnehmerInnen vom professionellen Erfahrungsaustausch und einer Netzwerkerweiterung in der Kreativwirtschaft. Wir wollen junge europäische Selbstständige geschäftsfähig machen."

Interessierte Host-Unternehmen können sich per Mail an die Projektverantwortliche für die Kontaktstelle Gelsenkirchen, Christiana Henke, wenden: christiana.henke(at)gelsenkirchen.de

Visionen von Stadt: re:publica 15

Die re:publica ist DIE Konferenz der digitalen Gesellschaft. Aber treffen und sprechen bleibt analog – in Berlin. Städte sind die Orte für Kreativität und kulturellen Wandel, sie sind der Schlüssel für die Lösung der Klimakrise, sie zeigen jenen Mix aus Kulturen und Lebensentwürfen, der eine Gesellschaft mit allen Potenzialen und Problemen spiegelt.

 

Wir waren auf der re:publica 15 und haben viel erfahren über die Stadt von Heute und Morgen. 

 

Bei „City of the Future“ berichtete beispielsweise Norman Klüber, Mitarbeiter des Fraunhofer-Instituts für Werkstoffmechanik (IWM) Freiburg, über Ideen zum Wohnsiloareal Halle-Neustadt: „Symbiotische Stadt“ nennt er seinen Entwurf. In den „shrinking cities“ entstanden sehr innovative Ansätze wie mit Leerstand umzugehen sei, doch finanziell gefördert wurde vor allem der Abriss. Ein Wohnblock-Areal wie Halle-Neustadt bietet Chancen! Hier könnten in einem Haus so viele Varianten gebaut werden, dass die modernen Lebensformen von Jung bis Alt, von Single bis Großfamilie sich wohlfühlen könnten. Klüber plädiert dafür, die Produktion aus abgelegenen oder isolierten Businessparks auch in die Stadt zu tragen. Dezentrale Strukturen wie Urban Gardening seien in sozialistischen Planstädten vielleicht sogar leichter zu organisieren. Die symbiotische Stadt ist eine Stadt der kurzen Wege und der lokalen Wirtschaft und deren (auch internationaler) Wertschöpfung. Für viele Ideen sei es aber wichtig, die Stadtplanung in Eigeninitiative zu realisieren. Das nehme die Verwaltung nicht aus der Verantwortung, könne aber das systemimmanente Bremsen staatlicher Behörden mindern. Ein schöner Gedanke.

 

In seinem Vortrag „Online, Offline and all-over the city“ erläutert der deutsche Künstler Aram Bartholl wie Technologie die Stadt verändert, aber vor allem, wie witzig und klug Interventionen mit modernen Mitteln in den Stadtraum wirken. So erzählt er, dass die Werbung auf so vielen Gebäuden in den Städten symbolisch dafür steht, was mit unseren Städten passiert sie seien zum Großteil nur noch Konsum- und nicht Kommunikationsräume.

 

Bekannt geworden ist er mit seinen Google Maps Markern, die er überdimensional in den analogen Stadtraum pflockt. Seit 2006 baut der Künstler die Marker und wirft damit Fragen auf: Wie kommt das Internet in die Stadt und wo ist der Stadtraum eigentlich? Ein anderes, auf der ganzen Welt erfolgreiches Projekt ist „Deaddrops“. Bartholl baut USB-Sticks in Wände im Stadtraum, wie einst tote Briefkästen für Agenten. Dort kann jede/r StadtbewohnerIn fern von Internetüberwachung Daten austauschen und lagern. „Offline Filesharing“ ist die Bezeichnung. Bis heute sind bereits 10.000 GB Uploads erfolgt. Die Sticks sind überwachungsresistent und z. B. Bands nutzen das System als kostenloses Marketingtool. Das MoMA hat sogar eine Show „bring & share“ realisiert und so Kunst von No-Name-KünstlerInnen auf Deaddrops ins Museum gebracht, welche nun belegen können: „Ich wurde in einer Ausstellung im MoMA gezeigt“. Sein Vortrag ist auch online zu lesen.

 

Unterhaltsam und zugleich bitter war der Vortrag von SZ Journalist Alex Rühle: „Unsere Stadt auf Goldgrund“. Rühle und einige Freunde erfanden den Immobilienentwickler „Goldgrund“ und bestücken die Webseite und Flyer mit sämtlichen Phrasen, mit denen heute öffentlicher Raum und Wohnungen verspekuliert werden. „Die Wohnung als persönliches Life Statement. Der Englische Garten als Vorgarten usw..“ Rühle will aufrütteln: „Wir reden über Gentrifizierung wie übers Wetter: Kann man nix machen.“ Er sieht das ganz anders. So gestaltete man für Goldgrund eine schillernde Webseite zwischen pompös und halbseiden. „Die Münchner Freiheit“, sagt Rühle, „ist einer der letzten urbanen Orte in München, wo Leben sich mischt, Spielplatz, Läden, Alkoholiker, Schachspieler“ – und genau hierhin, behauptete Goldgrund sein Chromstahlmonster mit Namen „L’Arche de Munich“ für 8 Millionen pro Loft bauen zu wollen. Das Ergebnis war Aufregung und E-Mail-Wellen an die Stadt auf der einen Seite, aber auch das Begehr einer Russin das ganze Haus zu kaufen. Also wem gehört die Stadt? – diese Frage wurde durch die Aktion endlich diskutiert. Goldgrund begann bei städtischen Immobilien zu intervenieren, die noch in Ordnung waren, aber allesamt abgerissen werden sollten. Durch Zwischennutzung, Besetzungspartys mit Prominenten, Überraschungsrenovierungen entstand allmählich eine noch heute aktive Bewegung, die einige Gebäude der Spekulation entreißen konnte, um den dringend nötigen günstigen Wohnraum in München zu erhalten.

Brüssel: Creative Industries Summit

Mehr als 20 RednerInnen, darunter der EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport, Tibor Navracsics, nahmen am European Creative Industries Summit (ECIS) am 11. Mai in Brüssel teil. Die TeilnehmerInnen suchten „eine europäischen Werten entsprechende Antwort auf die digitalen und globalen Herausforderungen unserer Zeit", betonte Prof. Dieter Gorny. Dabei bezog er sich auf EU-Kommissar Tibor Navracsics Aussage: „Die Kultur- und Kreativsektoren haben sich während der Krise sehr gut behauptet und sind sogar weiter gewachsen, gleichzeitig haben sie Kreativität und Innovations-Spillover in anderen Sektoren angeregt.“

Wie Tibor Navracsics in seiner Keynote hervorhob, muss man „Talent als Ressource betrachten” und kreative Netzwerke sollten dies in großem Umfang fördern. Diese Unterstützung wurde später durch Präsentationen von Mitgliedern des European Creative Business Network (ECBN) aus neun europäischen Ländern konkretisiert und sichtbar gemacht, die ihre „National Agenda for Creative Industries in 2016” vorstellten. Darunter Zanda Tamulone, (Kultusministerium der Republik Lettland) aus Riga und Prof. Pier Luigi Sacco (IULM) aus Mailand.

Funda Celikel Esser (Joint Research Centre) aus Brüssel stellte die Arbeit der Composite Indicators Research Group (COIN) vor, ein wichtiger Partner der EU-Politiker, der bei der Politikgestaltung und der Überwachung von Fortschritten in Bereichen wie Kultur und Kreativität Hilfe anbietet. Im selben Panel mit dem Titel “The European Research Agenda 2016: Cultural Creative Spillovers” stellten Richard Russell (Arts Council England) und Toby Dennett (Arts Council Ireland) eine neue europaweite Forschungsarbeit über kulturelle und kreative Spillover-Effekte vor, die seit dem 11. Juni 2015 auf einem Wikispace öffentlich zugänglich gemacht wurden. Dazu wurden erstmalig ca. 100 Projekte und empirische Fälle ausgewertet und eine "evidence based" allgemeine Definition von Spillover-Effekten vorgeschlagen.

Vor dem Summit wurde auf dem ECBN-Mitgliedertreffen zudem ein neues Mitglied durch Bernd Fesel, Chair ECBN, begrüßt: die durch Enrica Lemmi vertretene Foundation Campus aus Italien. Bernd Fesel erläutert das Wachstum des Netzwerkes: “ECBN hat sich in den letzten drei Jahren als eine gemeinschaftliche Plattform für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Europa etabliert; die ECBN-Mitglieder sind führende nationale, regionale oder lokale Förderagenturen und intermediäre in 14 Ländern anwesend. Schon circa 75% aller Beschäftigten der Kultur- und Kreativwirtschaft in Europa werden über sie vertreten. Der diesjährige European Creative Industries Summit zeigt es deutlich: Kulturelle und Kreative Unternehmer werden in Brüssel gehört.“

Herne: Khaus – Eine Oase in der (Kreativ-) Wüste

 

Im ehemaligen Gebäude von Karstadt in Herne, mitten auf einer Flaniermeile mit zurzeit wenig Charme, will ein visionäres und integratives Kreativprojekt, das KHAUS, Freiraum, Tanzraum, Kreativraum, Chaosraum und Begegnungsraum schaffen. In 2013 als Projektarbeit gestartet und in 2014 leider durch mangelnde Fördergelder gebremst, geht es jetzt mit einer Landesförderung durch Kreativ.Quartiere Ruhr an den Start: „Kultur trifft Quartier 2015

 

Auf Etage Eins befindet sich ein Coaching-Unternehmen. Etage Zwei und Drei sind aktuell noch leer, bis auf ein Atelier und ein Tonstudio. Dies soll sich allerdings ziemlich bald ändern und das Kreativ.Quartier Wanne ist dann um ein Highlight bereichert.

 

Was 2013 mit „Kunst trifft Quartier“ als Projektwoche begann, startet jetzt durch. In einem einwöchigen Gestaltungsprojekt kamen 2013 KünstlerInnen zusammen und stellten die alten Karstadt-Räume komplett auf den Kopf. Die Geister von fünf Jahren Leerstand, gefolgt durch eine Zwischennutzung durch die Ausländerbehörde Herten, wurden von diversen KünstlerInnen aus dem Pottporus Netzwerk ausgetrieben und ein kreativer Brückenschlag zur Umgebung geschaffen. Schauspieler Charly Hübner, u.a. bekannt aus Polizeiruf 110, der mit den Spielkindern auftrat, brachte es schon 2013 auf den Punkt: „Das KHAUS tut Wanne gut“. So sieht die Realität aus.

 

Mit „Raum – Ort – Mensch“ geht das KHAUS im Sommer 2015 nun nach der einjährigen haushaltsbedingten Zwangspause in die Phase Zwei: KünstlerInnen und QuartiersbewohnerInnen wird ein öffentlicher Raum zur Verfügung gestellt, den KünstlerInnen und Kreative zu äußerst günstigen Konditionen als privaten Arbeitsraum anmieten, in dem aber auch öffentliche Kunstaktionen, Performances, Konzerte und Ausstellungen stattfinden können. Zusätzlich geplant sind Workshops und Gesprächsrunden in den verschiedenen Bereichen der Street Art, Wort, Tanz, Bild und Klang.

 

Momentan werden potenzielle MieterInnen gesucht und der Kontakt zur Nachbarschaft weiter reaktiviert: „Die Projektwoche in 2013 ist ja bereits auf reges Interesse gestoßen. Im nächsten Schritt müssen wir schauen, wie wir die Leute regelmäßig in die Räumlichkeiten hineinbekommen. Wir wollen hier schließlich keine Insel, sondern einen regen Austausch mit dem Viertel“, so Ute Graßhoff, Pressesprecherin des Projekts.

CAll für Spillover/Neuer Wikispace

Wir möchten Sie einladen, wissenschaftliche Arbeiten oder auch kurze Kommentare zum Thema Spillover einzureichen. Das Thema Spillover ist mitten in der europäischen Debatte angekommen und war z.B. auf einer Anhörung des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses Ende Juni in Brüssel Topthema. Noch immer tun sich allerdings viele AkteurInnen aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft schwer mit einer präzisen Definition oder Evaluierung des Phänomens. Dieser Aufruf für Ihre Beiträge sowie eine öffentliche Plattform, der Wikispace Cultural Creative Spillovers, wollen Abhilfe schaffen.

ecce publizierte Ende 2014 „to be debated SPILLOVER“ auch mit der Absicht die Debatte und wissenschaftliche Forschung zu diesem so zentralen Begriff zu befeuern, um ihn greifbarer zu gestalten und konkreter zu fassen. Sie können Teil dieses Prozesses werden: Schicken Sie Ihren Input zum Thema SPILLOVER an tbd(at)e-c-c-e.com. Die Einsendunge werden im Herbst 2015 veröffentlicht. Einsendeschluss ist der 31. August 2015.

Wir würden uns freuen, wenn Sie den Aufruf auch in Ihren Netzwerken weiterleiten und so zu einer möglichst breiten Debatte beitragen könnten. Hier finden Sie die Online-Version unserer Publikation "to be debated - SPILLOVER".

Darüber hinaus laden wir Sie auch in unseren Wikispace "Cultural Creative Spillovers" ein. Diskussionsbeiträge und Forschungsergebnisse zu Spillover-Effekten erweitern dort permanent die Perspektive und das Verständnis des Begriffs. Der Wikispace ist die bis heute umfassendste Datensammlung europäischer Spillover-Projekte. Außerdem ist es das erste offen zugängliche Online-Forum, das sich darum bemüht die Zusammenhänge von Spillover-Effekten und deren Beitrag zur Strategie Europa 2020 zu analysieren.

Der Wikispace steht auch für das Interesse der beteiligten Partner – Arts Council England, Arts Council of Ireland, Creative England, European Cultural Foundation, European Creative Business Network und ecce – an transnationaler Forschung, die 2016 fortgesetzt werden soll: Stay Tuned!

Redaktion: Bernd Fesel, Christian Caravante

Der Newsletter des european centre for creative economy (ecce) in Dortmund informiert über Debatten und Standpunkte in der Kultur und in der Kreativwirtschaft in Deutschland und Europa.   
Wir greifen dabei die aktuellen Themen an den Schnittstellen von Kultur-, Wirtschafts- und Stadtpolitik auf, die gesellschaftliche Veränderungen anstoßen – oder auf diese reagieren – und neue Zukunftsperspektiven aufzeigen: Kultur wie Kreativwirtschaft sind Motoren für den Wandel der Gesellschaft. Sie müssen politisch begleitet und gestaltet werden wie auch vor Ort konkret erlebbar sein. Ausgangspunkt für ecce ist dabei das Ruhrgebiet in der Tradition der Europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010, verstanden als ein Freiraum nach dem Motto von Karl Ernst Osthaus „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“.    

Cover Foto © Hans-Jürgen Landes; Top1
© ecce; Top2 © C-HUB Mannheim; Top3 © Halfmannshof; Top4 © re:publica/Gregor Fischer und Jan Zapper; Top5  © ECBN; Top6 KHAUS; Top7 © ecce