ecce - european centre for creative economy
  • Newsletter ecce - 2014 #2

liebe Kreative und Kulturschaffende,
Liebe Freunde und Kollegen,

Die Universität Duisburg-Essen, die Montag Stiftung oder TILLT – einige von vielen Akteuren, die sich 2014 verstärkt mit ökonomischen Transformationsprozessen befassen, zu deren Bewältigung Kreative entscheidend beitragen. Konzerne wie die Deutsche Telekom investieren in Räume, die als Inkubator für Start-Up-Unternehmen dienen, um am Puls der Zeit zu bleiben. Die EU fördert mit Horizon 2020 erstmals Start-Ups mit bis zu 2,5 Millionen Euro. Ziel ist es, innovative Projekte und Unternehmen zu finanzieren. „Das nächste Google soll „Made in EU“ sein“.
Auch über ökonomische Zukunftsprozesse hinaus finden sich kultur- und kreativwirtschaftliche Spillover-Effekte in gesellschaftlichen, politischen, sozialen, urbanen und weiteren Bereichen wieder. Während die Kulturpolitik immer wieder aufgefordert wird, künstlerische und kulturelle Aktivitäten hinsichtlich ihrer Wertstellung zu legitimieren, entwickeln sich parallel Erkenntnis und Akzeptanz, dass Kultur viel breiter wirkt als angenommen.
Diesem Phänomen gehen wir im 2. Newsletter 2014 nach und stellen Beispiele vor, die Modelle sein können und möglicherweise einen Trend offenbaren: wo in Nordrhein-Westfalen, Deutschland und Europa gibt es den Mut zum Experiment „Kultur plus X“?

Kultur Plus X - Viele Vorreiter in NRW

 Creative.NRW hat vor kurzem mit Innovationsökonomien eine Publikation veröffentlicht, die anhand 14 erfolgreicher Beispiele das Bewusstsein für die Potenziale an der Schnittstelle von Industrie und Kreativwirtschaft steigern will. Mit dabei ist die auf Insektenbekämpfung spezialisierte Reckhaus GmbH, die im Rahmen einer künstlerischen Intervention ein Null-Sterne-Hotel für Insekten gründete. Mit Kunst zur Win-Win-Situation: Ausgleich für die Insekten, die den Pestiziden zum Opfer fallen und ein Aufmerksamkeitsschub für das Unternehmen.
Engage.NRW, eine Initiative der Mülheim & Business GmbH, der Universität Duisburg-Essen und der Wirtschaftsförderung metropoleruhr stellt eine Schnittstelle bereit, die Games-Entwickler mit der Industrie zusammenbringt. Nach dem Beispiel von Sim City wurde beispielsweise ein Wasserwirtschafts-Simulator entwickelt; Steuerungsmodelle von Spielekonsolen wurden für ein Trainingsprogramm für Patienten mit Handprothesen verwendet. Weitere Beispiele finden sich hier.
In Zeiten globalisierter wirtschaftlicher Prozesse, in denen Informationsflüsse dezentral organisiert sind und technologische Entwicklungen rasant voranschreiten, wird die Fähigkeit zur Innovation immer wichtiger. Dafür können Kultur und Kreativwirtschaft entscheidende Impulse liefern, wie die Erfolgsgeschichten aus der Wirtschaft belegen. Die inhaltliche Ausrichtung von Innovation, die Bedeutung des Begriffes selbst und die Rolle von Kunst, Kultur und Kreativität dabei befinden sich derzeit im Umbruch.
Für die Vielfalt der Spillover-Effekte von Kultur und Kreativwirtschaft hat ecce mit dem N.I.C.E. Award einen europäischen Innovationspreis für Kultur ins Leben gerufen. Im Rahmen des diesjährigen Forum d'Avignon Ruhr wurden in der Essener City-Messehalle zehn für den N.I.C.E. Award nominierte Projekte ausgestellt, die von einer internationalen Jury aus 108 Bewerbungen aus 22 Ländern ermittelt wurden. Im Interview mit LABKULTUR.TV berichten die MacherInnen, wie Ideen an der Schnittstelle von Kunst, Kultur, Kreativität, Wirtschaft und Unternehmertum zu Erfolgsgeschichten werden.

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Dortmund: Cash und Mitmach-Kunst für den Borsigplatz

100.000 Euro werden zu 100.000 Chancen: Public Residence: Die Chance ist ein preisgekröntes Kunstprojekt, das die Quartiersentwicklung um den Dortmunder Borsigplatz maßgeblich mitbestimmt. Im Zentrum steht die Teilhabe der AnwohnerInnen, die am besten wissen, was ihr Quartier braucht und wo es steht. So wird Partizipation zum künstlerischen Prozess und Kultur zur sozialen Innovation.
Während der Borsigplatz überregional vor allem als Geburtsstätte des in Dortmund omnipräsenten Ballspielvereins bekannt ist, ist das Viertel selbst stark vom Strukturwandel im Ruhrgebiet betroffen und gehört zu den sozial schwächeren Teilen der Stadt. Der Verein Borsig11 ist seit 2011vor Ort als ein Netzwerk, das die Erprobung partizipativer Gesellschaftsformen als Chance begreift. Im Rahmen des Projekts Public Residence, das mit dem Förderpreis faktor kunst 2013 der Montag Stiftung ausgezeichnet wurde, residieren seit Juni 2014 vier Künstler für ein Jahr am Borsigplatz und realisieren gemeinsam mit den AnwohnerInnen Kunstprojekte. Die „Chancen“, von denen 100 pro AnwohnerIn verfügbar sind, stehen für eine Kunstwährung, eine Chance entspricht einem Euro. Der Wert wird real, wenn die AnwohnerInnen von einem Vorschlag der KünstlerInnen überzeugt sind und ihre Chancen in diesen investieren. Dabei steht nicht der Wettbewerb im Vordergrund, sondern das Experiment, kleinteilige und schwächere urbane Strukturen mit künstlerischen Mitteln und einer höchstmöglichen Beteiligung der BürgerInnen zu stärken.

 

Photo © ecce

Kunst in die Wirtschaft! Ein europäisches Erfolgsrezept auch für das Ruhrgebiet?

Die schwedische Agentur TILLT ist auf künstlerische Interventionen in Organisationen spezialisiert. Als kreativer „Eingriff“ in Unternehmensprozesse stellen sie eine neue Form innovativer Unternehmensberatung dar und dienen damit zur Verbesserung von Innovationskraft und Wirtschaftlichkeit in Firmen unterschiedlicher Größe, Branche und Organisationsform. In 13 Jahren hat TILLT über 600 Interventionen initiiert. Für das Pilotprojekt „Kunst in die Wirtschaft!" bringt ecce nun diesen europäisch bewährten Ansatz ins Ruhrgebiet und erprobt im September mit KünstlerInnen und VertreterInnen der Wirtschaft innovative Begegnungen zwischen Kunst und Wirtschaft.
Dazu findet am 2. September unter der Leitung von Pia Areblad, Gründerin des schwedischen Unternehmens TILLT, ein Workshop für KünstlerInnen statt, die lernen möchten, wie man nach der „TILLT-Methode“ arbeitet. Am 26. September folgt das Innovationscamp für interessierte TeilnehmerInnen aus der Wirtschaft.
Mehr Informationen zu dem Projekt, den einzelnen Veranstaltungen und Teilnahme befinden sich hier.

Photo © TILLT

Creative Crossovers Rotterdam: Sind Spillover-Effekte planbar?

Wenn kreative Impulse längst nicht mehr nur am Reißbrett entstehen und ein rein technologisch ausgerichteter Innovationsbegriff nicht mehr zeitgemäß ist, drängt sich die Frage auf, ob und wie Spillover-Effekte klassifiziert, wie Erfolge gemessen werden können, welche Faktoren sie befördern. Die Stadt Rotterdam versucht sich erstmals in der Kategorisierung dieser Wirkungen und startet dazu Creative Crossovers im Rahmen des EU-geförderten Projekts Creative Spillovers for Innovation (Creative SpIN).
Creative SpIN befasst sich seit 2013 mit den Rahmenbedingungen, der Schaffung und Förderung von kultur- und kreativwirtschaftlichen Spillover-Effekten in andere Wirtschaftsbereiche in zwölf europäischen Städten, darunter Essen.
Creative Crossovers klassifiziert drei verschiedene Dynamiken, die das Potenzial beinhalten, Innovation erfolgreich hervorbringen zu können: Plans, Probes und Pop-Ups. Plans bezieht sich auf gezielte Entwicklungen, den kreativen Output von Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, seitens Stadtplanung und Politik. Probes bezeichnet Entwicklungen, die zunächst scheinbar kein konkretes Ziel verfolgen und als Experimente in Think Tanks und FabLabs entstehen. Pop-Ups schließlich sind Innovationen, die scheinbar aus dem Nichts geboren werden und die plötzlich Eigendynamik entwickeln.

 

 

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Kultur und Innovation brauchen mehr Freiräume

Gastbeitrag von Jan Truszczynski, Generaldirektor und Stellvertreter der EU-Kommissarin für Kultur und Bildung

Innovation als Faktor für wirtschaftliche und soziale Entwicklungen ist ein zentrales Element in Europas Kulturpolitik. Auch das Kulturförderprogramm der EU Creative Europe setzt genau hier einen Schwerpunkt. Das bedeutet allerdings nicht, dass der intrinsische Wert von Kunst und Kultur dahinter zurückbleibt, so Jan Truszczynski auf dem diesjährigen Forum d'Avignon Ruhr. >> MEHR

Photo © Vladimir Wegener

Rom Geschlossen Aktiv: Ein Theater wird zum kulturellen und politischen Impulsgeber

Das Teatro Valle in Rom, das seit fast 300 Jahren existiert, wurde im Rahmen von umfassenden Kürzungen öffentlicher Kulturfördermittel im Jahr 2010 geschlossen. Seitdem heißt es Teatro Valle Occupato: der Finanzierungsstopp führte nicht zur Schließung, sondern zur Besetzung durch SchauspielerInnen, BühnenarbeiterInnen und AktivistInnen. Aus dieser Geste des Protests ist ein Raum für soziale und kulturelle Experimente entstanden, der nicht weniger als eine Reformation der italienischen Kulturarbeit darstellt und dies auch einfordert: Ein vielfältiges kulturelles Angebot, entsprechende Zugangsmöglichkeiten und die Verstetigung neuer, direkter Kommunikationswege führen zu neuen Formen der Bindung zwischen Publikum und Kulturschaffenden.
In Rom wurde Teatro Valle Occupato so zu einem unfreiwilligen Testballon, der nicht nur in Italien auf politischer Ebene Aufmerksamkeit erregt: Ein Meisterstück im Sinne des Audience Developments, aber ein Kraftakt für alle Beteiligten. So werden Aufführungen, Kurse und Schulungen mithilfe freiwilliger Spenden der TeilnehmerInnen und BesucherInnen finanziert. Die Ordnung basiert auf einem demokratischen System – die Statuten sind auf der Homepage für alle einsehbar, alle sind dazu eingeladen, sich einzubringen und das Programm mitzubestimmen. Dem Vorwurf, der manchen staatlichen Bühnen gemacht wird, vom Elfenbeinturm aus eine kulturelle Elite zu bespielen, muss sich das Haus in Rom nicht stellen. Aktivistin Sylvia de Fanti erklärt hier im LABKULTUR-Interview, was KünstlerInnen zur sozialen Innovation, zur „Revolution“ beitragen und welche neuen Perspektiven das Theater nicht nur der Politik eröffnet.

Photo © Teatro Valle Occupato

Mannheim: 45 Mio. Euro Für die Kreativwirtschaft - 40 Mio. Euro für das Nationaltheater

2014 feiert Mannheim das 10jährige Jubiläum des Musikparks Mannheim, seiner Zeit das erste Existenzgründungszentrum für die Musikwirtschaft. Heute hat Mannheim europaweit einen Ruf als Musikstadt und investierte bisher rund 45 Mio. Euro in die Kreativwirtschaft. Anlass genug für ein Interview mit Sebastian Dresel, dem Beauftragten für Kultur- und Kreativwirtschaften der Stadt Mannheim, über das ganzheitliche Mannheimer Modell. Was heißt dies für Kultur- wie Wirtschaftspolitik in einer Musikstadt, wollten wir von Sebastian Dresel wissen. >> MEHR

Photo © Vladimir Wegener

Redaktion: Bernd Fesel, Till Skoruppa

Der Newsletter des european centre for creative economy (ecce) in Dortmund informiert über Debatten und Standpunkte in der Kultur und in der Kreativwirtschaft in Deutschland und Europa.   
Wir greifen dabei die aktuellen Themen an den Schnittstellen von Kultur-, Wirtschafts- und Stadtpolitik auf, die gesellschaftliche Veränderungen anstoßen – oder auf diese reagieren – und neue Zukunftsperspektiven aufzeigen: Kultur wie Kreativwirtschaft sind Motoren für den Wandel der Gesellschaft. Sie müssen politisch begleitet und gestaltet werden wie auch vor Ort konkret erlebbar sein. Ausgangspunkt für ecce ist dabei das Ruhrgebiet in der Tradition der Kulturhauptstadt RUHR.2010, verstanden als ein Freiraum nach dem Motto von Karl Ernst Osthaus „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“.    

Cover photo © Hans-Jürgen Landes