| News, Kreativ.Quartiere Ruhr, Witten

Wiesenviertel – auf dem Weg zum selbstorganisierten Stadtteil

© Vladimir Wegener/ecce

Innerhalb der letzten sieben Jahre entwickelte sich die Nebenstraße der Wittener Innenstadt zu einem eigenen Viertel. Angefangen hat diese Entwicklung mit der Gründung des Stellwerk e.V. rund um Philip Asshauer, um Witten wieder lebenswerter zu gestalten. Herausgekommen sind Cafés, Arbeitsräume, Veranstaltungslocations und sogar ein Supermarkt ohne Verpackungen – alles gewachsen von unten und nicht draufgesetzt von oben. Sieben sehr erfolgreiche Jahre später mussten er und die anderen Mitglieder nun einen Schritt zurück machen. Es fehlt einfach an Zeit, Geld und weiteren Schultern. Daher wird der Stellwerk e.V. zum Jahresende aufgelöst – Zeit für etwas Neues. Seit dem 14. Juni ist nun der neugegründete Wiesenviertel e.V. zuständig für die Belange des Viertels. Getragen von AnwohnerInnen, Menschen von außerhalb und den LadenbesitzerInnen soll durch ihn das Viertel im Interesse der Bürger gestaltet werden.

Wer vor 10 Jahren vom Bahnhof durch die Wittener Innenstadt und die umliegenden Straßen schlenderte, hat das typische Bild mittelgroßer Städte im Ruhrgebiet nach dem Zeitalter des Kohleabbaus vorfinden können. Leere Ladenlokale, reihen sich an Spielhallen, reihen sich an Imbissbuden, reihen sich an Geschäfte im niedrigen Preissegment. Schwer vorzustellen, dass sich diese Situation innerhalb einer Dekade massiv verbessern kann und aus dem vermeintlichen Strukturwandel ein wahrhaftiger wird. Doch genau das ist in Witten nach 2010 geschehen. In diesem Jahr gründete sich Stellwerk e.V.

 

Ein Viertel wächst aus dem Gemeinschaftsgedanken

„Wir fanden, dass in Witten zu wenig los ist – speziell für die Altersgruppe zwischen 20 und 30“, erzählt Philip Asshauer, der damals zusammen mit Waldemar Riedel und Florian Danne sowie Tobias und Gabriel Schunk den Verein gründete. Aus dem Bedürfnis die eigene Stadt lebenswerter zu gestalten ist so innerhalb von sieben Jahren ein neues Viertel erwachsen, welches zum ruhrgebietsweiten Vorzeigeprojekt geworden ist. Angefangen haben die Fünf als „ein lustiger Punkhaufen, der Lust hatte etwas zu veranstalten. Wir sind durch die Stadt gelaufen und haben geguckt, was eignet. Wir hatten dann das Glück, 2010 in ein Förderprogramm reinzurutschen, welches sich Witten inszeniert Stadtraum nannte und durch EU-Mitteln gefördert wurde. Es ging dabei um die Belebung der Innenstadt und wir haben uns in diesem Zuge gemeinsam mit dem Stadtmarketing alle möglichen Orte vorgenommen. Also Parkhausdächer, Tiefgaragen, Leerstände, um dort 2010 alles Mögliche zu veranstalten.“

Aus diesem ersten Schritt der immer gern gesehenen Leerstandsbelebung rund um die Innenstadt - und weniger konzentriert auf das Wiesenviertel - entwuchs schließlich ein Gedanke. Zwar lockten die Veranstaltungen viele Menschen an, aber war es nur ein temporäres Arrangement. Dabei war es den Mitgliedern des Vereins wichtig, Menschen dauerhaft zusammen zu bringen. Um dies zu erreichen, schufen sie einen Anlaufpunkt, einen Ort des Kennenlernens, aber auch des Ankommens. Vorerst in funktionaler und unprofessioneller Form: ein Raum und eine nicht angemeldete Theke. Die Idee war denkbar einfach. Theken bringen seit jeher Menschen zusammen. „Das ist ein knappes Jahr gut gegangen.“, erzählt Philip schmunzelnd. Als die Theke aus denkbaren Gründen schließen musste, ließen sie ihre Idee bis hin zu einem festen Ladenlokal reifen, dem heutigen Knuts. „Wir haben einen Ort gesucht, an dem wir unsere Ideen in größer und echt aufziehen konnten. Mit dem Nebengedanken neben den Fördergeldern auch Geld zu bekommen, dass die tägliche Arbeit unterstützt. Durch die Suche nach dem Ladenlokal kam dann auch erst der Quartiersgedanke ins Spiel. Da wurde langsam klar, dass ein kleines Café nicht reicht, wir wollten auch das Viertel mitentwickeln.“ In die Wiesenstraße kamen sie aus verschiedenen Gründen: „Hier sind viele Altbauten, was Studenten anlockt. Außerdem gibt es hier ausschließlich inhabergeführte Geschäfte, was die Kommunikation einfacher macht. […] Zudem gibt es eine kleine Parkfläche“, berichtet er weiter über den Hintergrund des Viertels. Mit Hilfe von Städtebau Förderungsmitteln entstand so das Knuts in der Wiesenstraße 25, eine Lokalität, die neben einem schönen Ambiente und einem Innenhof mit Großstadtflair eine gute Küche sowie viel kulturelles Programm bietet. Das Knuts öffnete 2012 und ist seitdem einer der Dreh- und Angelpunkte von Wittens kulturellem Leben. Hier treffen sich Studenten und Rentner, Arbeiter, Kreative und Politiker – nicht selten an einem Tisch. Eine ältere Dame saß vor einigen Jahren im Innenhof mit ein paar Freundinnen und erzählte ihnen ganz begeistert, dass das hier ihr Lieblingscafé wäre, während neben an Studenten Bier tranken. Eine Koexistenz, die sonst oft nur theoretisch auf dem Papier funktioniert.

 

 

 

 

Vor der Eröffnung wurde das Knuts kernsaniert – „mit viel Mut zu Chaos“, wirft Philip schmunzelnd ein. „JedeR konnte vorbei kommen. Wir hatten eine sehr lange Liste mit Punkten, von der sich jedeR einen Punkt nehmen konnte. Das war chaotisch, aber dieses Chaos hat so einen schönen Geist hineingebracht.“

Auf dem fruchtbaren Boden dieser Initialzündung und der daraus entstanden Identifikation für Anwohner, aber auch Helfer, sprießten von da an weitere, privat organisierte Projekte. Menschen nahmen sich dem öffentlichen Raum an, bauten Bänke, umstrickten Bäume, betrieben urban gardening. So wurden schließlich auch die Ladenbesitzer*Innen aufmerksam auf die neuen Akteure in der Straße.

Um die BesitzerInnen mit einzubinden, gründete Stellwerk e.V. einen Stammtisch im Knuts, an dem jedeR teilnehmen konnte, der oder die sich miteinbringen wollte. Als gemeinsames Ziel erarbeitete der Stammtisch das erste Wiesenviertelfest im Juni 2012. „Damals kamen rund 800 BesucherInnen“, merkt Philip an, „beim letzten Mal waren es 3 500.“ Mit dem Wiesenviertelfest kamen auch die lokalen Medien, die zum ersten Mal den Namen des Viertels weitertrugen und ihn so die Identifikation mit dem neuen Viertel steigerten. Die bisherige Bilanz war demnach nicht schlecht. Ein erfolgreiches Fest, ein Laden, der sich trägt, und das alles in einem totgeglaubten Viertel. Ein natürliches Wachstum, durch das sich neben Knuts auch noch der [….] Raum, das Roxi sowie viele andere kleine Initiativen rund um das Viertel gründeten. Sogar ein Supermarkt ohne Verpackungen hat Witten zu bieten und ist damit Städten wie Dortmund einen Schritt voraus. Das Beeindruckende dabei: alle scheinen von Erfolg gekrönt zu sein. „Ein entschiedenes Ding ist die Uni (rund 2300 Studenten) im Verhältnis zur Größe der Stadt (96.700 (Stand 31. Dez. 2015, wikipedia.org)). Die Stadt als kleines verschlafenes Nest bringt mit sich, dass du gesehen wirst, sobald du etwas machst, was Anerkennung bringt und dich motiviert. Das sind die Gründe, die mir einfallen würden“, erzählt Philip und lacht. „Aber manchmal wundere ich mich selbst.“

 

Von der Selbstausbeutung zur Bürgerinitiative

Diese Entwicklung beruhte die letzten Jahre auf wenigen Schultern. Der Verein wurde bewusst klein gehalten, um schnell agieren zu können, was jedoch zur Folge hatte, dass die einzelnen Akteure viel Zeit in ihre Projekte stecken mussten. So arbeitete eine Hand voll Menschen tagtäglich daran, dass das Wiesenviertel das geworden ist, was es heute ist, und das seit bereits sieben Jahren. Sei es Philip Asshauer oder auch Waldemar Riedel, der neben der Geschäftsführung des Knuts beispielsweise noch eine Cateringfirma eröffnet hat, um nur zwei zu nennen. Sieben Jahre verbringen sie damit, aufopferungsvoll ein Viertel zu erschaffen und zu beleben. Erst als Pioniere, dann als Mentoren und Begleiter. „Man kann sich zwar in die geförderten Projekte miteinrechnen, aber die meiste Arbeit passiert vor und nach den Projekten. Das ist jedoch der hauptsächliche Teil der Arbeit.“ Kurzum: ein Großteil der geleisteten Arbeit wird nicht durch Fördergelder finanziert und geht somit sprichwörtlich aufs Haus. „Die Notwendigkeit einer projektunabhängigen Finanzierung wurde immer stärker“, fährt Philip fort, „neben den Projekten, die wir angesteuert haben, haben wir versucht darauf zu reagieren.“ Sie haben versucht Geldquellen zu finden, mit denen die Vereinsarbeit finanziert werden kann, die darüber hinaus aber der Quartiersentwicklung dienlich sind.

Um die Herausforderung zu meistern, planten sie Immobilien zu erwerben, um diese gemeinsam mit den Mietern zu entwickeln und zu renovieren. So sollte das Wiesenviertel und das dortige Potenzial weiter gebündelt werden. Die Idee diente zwar der Kostendeckung aber vor allem der Weiterentwicklung des Viertels sowie der persönlichen Ideologie von Philip und dem Stellwerk e.V.: „Wir verfolgen den Plan eine größtmögliche Dichte an Projekten, Unternehmen und Ähnlichem zu erzeugen, weil viel passiert über Sehen und Gesehen werden. Das kann nur eine solche Dichte erzeugen.“

Der Verein leitete alles in die Wege, um eine wichtige Immobilie direkt neben dem Knuts zu erwerben. Die Gelder waren da, die Planung abgeschlossen, doch leider kaufte jemand anderes – im Unwissen über die Vorhaben des Vereins – besagte Immobilie. Nun konnte das Geld jedoch nicht einfach für eine andere Immobilie verwendet werden. Ein naheliegender Gedanke, jedoch müsste der Umbau dieser wieder geplant, alles erneut geprüft und die Anträge neu gestellt werden, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Vorhaben, die erneut viel Zeit und Geld fordern. Das Team war gezwungen, durchzuatmen.

„Das war ein Moment, wo jeder mal einen Schritt zurückgegangen ist, durchatmete und überlegt hat, was wichtig ist und was nicht. So wollte zum Beispiel Waldemar sich etwas zurückfahren, sich mehr um sein Café zu kümmern. Darüber waren nicht nur die Mitarbeiter sehr glücklich, auch bei den Zahlen ist das deutlich geworden. Wir haben gemerkt, dass das auf dem Weg der letzten Jahre ein wenig verloren gegangen ist“, berichtet Philip, „wir haben gemerkt, irgendwas wird zerstört, aber das ist auch gut so, denn irgendwas will sich neu formen.“ So wurde eine pragmatische Entscheidung getroffen. Für die Arbeit zwischen den Projekten ist kein Geld da, also kann diese nicht mehr geleistet werden. Stellwerk e.V. trat mit seiner Rolle zurück und machte Platz für andere Akteure, die schlummerten, solange sich jemand um die Belange des Viertel kümmerte.

 

Das bürgergetragene Viertel

Ein notwendiger Schritt, der laut Philip hätte auch passieren müssen, hätte der Erwerb der Immobilie funktioniert. Das Wiesenviertel soll sich selbst organisieren, Anwohner und Gewerbliche sollen es aktiv mitgestalten, wenn auch nicht mehr mit der gleichen Produktivität, welche Stellwerk e.V. leisten konnte. „Mit dem Stellwerk e.V. haben wir gezeigt, was überhaupt möglich ist. Jetzt war es aber an der Zeit, dass nicht nur vier oder fünf Leute entscheiden, was im Quartier passiert, sondern auch Anwohner in einer rechtlichen Form aktiv werden können. Mehr Schultern. Daher ist der Wiesenviertel e.V. der richtige Schritt.“

Ein richtiger Schritt, der gut angenommen wurde. Verbuchte der Verein schon bei der Gründung am 14. Juni vierundzwanzig Mitglieder. Sowohl junge als auch alte Anwohner und Menschen von außerhalb. Privat wie aus der Politik oder dem Einzelhandel. Alle waren sie da, um zukünftig gemeinsam das Wiesenviertel zu gestalten.

Obwohl sich Philip Asshauer zurücknehmen wollte, wurde er wieder zum Vorsitzenden des Vereins gewählt, möchte jedoch trotzdem etwas in den Hintergrund treten, um anderen den Vorrang zu lassen und eher beratend zur Seite zu stehen. Für ihn ist der Verein eine Gemeinschaft, die in Zukunft gemeinsam den Weg in ein schöneres Witten ebnen soll. So soll der Verein laut Philip über Beitragsgelder niederschwellige Projekte unterstützen, die somit von Bürgern getragen werden: „Das ist eines der wichtigsten Teile der Quartiersentwicklung. Sei es eine Elterninitiative, um den Spielplatz kleinkinderfreundlicher zu machen, aus der erst ein Gemeinschaftsgrillen und daraufhin verschiedene Events bis hin zu gegenseitiger Betreuungshilfe werden. Diese kleinen niedrigschwelligen Projekte sollte man unterstützen. Das ist der erste Andockpunkt.“

Der Gedanke der von Bürgern getragenen Ideen treibt den Vater jedoch auch darüber hinaus um. Wie können Anwohner nicht nur selbst gestalten, sondern auch finanzieren, ohne dass es dem eigenen Portmonee zu sehr schadet? „Einen Geldkreislauf zu entwickeln, der es möglich macht, eine gemeinwohlorientierte bürgergetragene Stadtentwicklung zu finanzieren, ist nach wie vor mein Steckenpferd. Das ist ja nicht nur relevant für Witten, sondern bundesweit. Mir scheint diese Kombination aus Quartiersentwicklung und Immobilienwirtschaft eine sehr sinnvolle zu sein.“

Eine Idee, die anderenorts schon im großen Stil betrieben wird. Seien es Bürger - bzw. genossenschaftlich getragene Immobilien, Kindergärten, Schulen, Werkstätten und Läden zur Nahversorgung. Wind-, Sonnenkraftwerke und Farmen, die ein ganzes Quartier mit Energie und Biolebensmitteln versorgen oder etwas Banales wie Carsharing. Der Gedanke ist keine Utopie, sondern der Grundstein einer Denkweise. Einer Denkweise, die Philip sich nach einer kurzen Auszeit mit der Familie weiter widmen und sie Menschen näher bringen möchte, die von sich meinen, diese nicht verfolgen zu können: „Ich hatte neulich einen Gedanken. Es gibt ja viele Menschen, die denken, dass man etwas verbessern müsste und dass sie selbst nicht viel Geld haben, um etwas zu verändern. Denken, es gibt Unternehmen, die viel Geld haben, das sei nicht ihre Liga. Dabei zahlt jeder Strom, jeder zahlt Miete, jeder der Kinder hat, zahlt die Kita. Das sind bei mir ungefähr 1000 Euro im Monat. Das sind 12 000 Euro im Jahr. Wenn es nur hundert Leute gäbe, die ähnlich denken wie ich, sind das schon 1,2 Millionen. Wenn Leute also denken, sie haben kein Geld, aber wahnsinnig viel Geld in diesen Sachen im Umlauf ist, lasst uns doch diese Sachen einfach in geil machen. Wohnraum, günstiger Arbeitsraum, lass uns von mir aus eine Kita entwerfen oder unsere Freizeit neu gestalten. Das Geld, was wir eh ausgeben, geben wir stattdessen da rein und stärken damit eine Infrastruktur, die wir selber geschaffen haben, und haben somit genug Geld, etwas zu verändern. Das ist ein Gedanke, der in so eine Genossenschaftsrichtung geht und bei Immobilien anfängt, den man dann weiterspinnen kann. Das ist vielleicht etwas, worüber man mal nachdenken könnte.“

 

 

Text: Jan Kempinski