| News, Europa

Un-Label – Ein Projekt ohne soziale und europäische Grenzen

Im vergangenen EU-Workshop von ecce hat Lisette Reuter, Projektleiterin des EU-Projekts Un-Label, von der Idee und Antragsstellung der inklusiven Performance berichtet. Im Interview gibt sie vertiefende Einblicke und berichtet von zukünftigen Plänen.

© MAYER ORIGINALS

Das Sommertheater Pusteblume aus Köln war Antragsteller und Lead-Partner des Inklusionsprojekt "Un-Label", das im EU-Programm Creative Europe gefördert wurde. ecce hat die Projektleiterin Lisette Reuter zu Gewinn, Aufwand und Zukunft befragt.

Wie ist die Idee zum Projekt „Un-Label“ entstanden?

Die Gesellschaft wird zunehmend heterogener. Sie ist geprägt von Faktoren wie Demografie, Migrationsbewegungen und sozioökonomischen Krisen, aber auch durch einen Wandel von Wert- und Lebensvorstellungen. Damit einhergehend erwachsen neue Herausforderungen für Politik, Wirtschaft und die Zivilgesellschaft. Es ist von großer Bedeutung, darauf mit Kompetenz, Innovation, Flexibilität und Toleranz zu reagieren, um ein respektvolles Miteinander leben zu können. Kulturelle Angebote haben dabei das besondere Potential, als gesellschaftsreflektierendes Medium wirken zu können.

Einhergehend mit dem heutigen Diversitäts-Anspruch, ist es auffällig, dass in der Vergangenheit innerhalb des Kunst- und Kultursektors Menschen mit Behinderung in Europa kaum bis gar nicht repräsentiert wurden. So fand de facto der Ausschluss einer gesamten Gesellschaftsgruppe statt, sowohl als künstlerisch Schaffende als auch Kunst Rezipierende.

Die Idee zu Un-Label ist vor diesem Hintergrund entstanden da wir KünstlerInnen mit und ohne Behinderung die Möglichkeit geben wollen professionell zu arbeiten, sich international zu vernetzen und sich künstlerisch weiterzuentwickeln. Gerade für KünstlerInnen mit Behinderung gibt es hier bisher kaum Zugänge und Möglichkeiten.

Wir wollten die aktive Teilhabe an Kunst und Kultur als die Entfaltung des eigenen kreativen Potentials in den Blick nehmen, denn sie eröffnet Menschen mit Behinderungen neue Dimensionen und bietet experimentelle Räume, in denen sich Perspektiven verändern können. Hier entstehen neue Formen der Auseinandersetzung darüber, was „Behinderung“ eigentlich bedeutet und wie wir unsere Vorstellung von „Normen“ definieren.

Un-Label ist es gelungen, durch die Verbindung von KünstlerInnen verschiedener Sparten und Fähigkeiten neue ästhetischen Räume zu öffnen und auszuloten. Hier zeigt sich, wie wichtig neue kreative, inklusive Denkansätze für unsere Gesellschaft sind.

Uns ging es darum, dieses Potential auf Europäischer Ebene sichtbar zu machen. Denn Kunstschaffende mit einzigartigen Erfahrungen und Perspektiven produzieren neue und einzigartige Kunst. Und auch die gemeinsame Erkundung der Unterschiede oder „des Fremden“ hilft uns dabei, die Komplexität der Gesellschaft, in der wir leben, zu verstehen.

Es ist dadurch auch ein sehr politischer Antrieb, denn wir wollen generell Labels, Grenzen und gesellschaftliche Vorurteile abbauen. Wir sind davon überzeugt, dass Un-Label als eine Art Rollenmodell fungiert, wie eine vielfältige Gesellschaft funktionieren kann.

War es für Sie von Beginn an ein europäisches Projekt?

Un-Label war von Beginn an international angelegt und die Zusammenarbeit mit Partnern aus Deutschland, England, Griechenland und der Türkei war Konzept. Denn die vergleichende Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Gegebenheiten der jeweiligen Partnerländer in Hinblick auf deren Umsetzung von Inklusion in Kunst und Kultur war durchaus aufschlussreich. Denn in der Realität bieten Länder, wie Griechenland und die Türkei, im direkten Vergleich zu Deutschland oder Großbritannien bislang kaum inklusive Zugänge und Angebote im kulturellen Sektor.

Wie haben Sie die passenden Partner gefunden?

Mit dem griechischen Partner gibt es seit über 10 Jahren eine enge Verbindung und wir haben gemeinsam schon sehr viele internationale Projekte durchgeführt. Die anderen Partner haben sich aus unserem großen Netzwerk an AkteurInnen ergeben.

Wie viel Zeit verging bis zur Antragsstellung?

Die Grundidee enstand während einer anderen internationalen, inklusiven Produktion im Frühjahr 2014. Den Antrag haben wir dann im Herbst 2015 eingereicht.

Welche Hürden haben sich ggf. ergeben?

Zu Beginn des Projektes im Jahr 2015 konnte noch keiner von den späteren politischen Verwerfungen innerhalb der EU und zwischen den beteiligten Ländern, z.B. Türkei, Deutschland, Griechenland, Großbritannien ahnen. Das hat zu Verschiebungen der Projektaktivitäten geführt und zu Komplikationen bei der Umsetzung.

Aus Ihren Erfahrungen heraus: Was sollte man bei der Antragstellung beachten?

Wichtig ist eine sehr klare und transparente Kommunikation mit allen beteiligten Partnern und AkteurInnen. Persönliche Treffen und die gemeinsame Erarbeitung des Antrags können dabei helfen, Missverständnisse zu vermeiden. Außerdem sollte man genügend Zeit einplanen, denn die Antragsstellung ist sehr zeitaufwändig und bindet extrem viele Ressourcen.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Zum einen hat sich aus dem Projekt die Un-Label mixed-abled Performing Arts Company gebildet. In Zukunft werden wir regelmäßige Workshops, und Trainings für KünstlerInnen anbieten und kontinuierlich Performances produzieren. Damit schaffen wir Professionalisierungsangebote was auch die Karriere- und Beschäftigungsmöglichkeiten für die KünstlerInnen verbessern wird.

Des Weiteren wird ab Februar 2018 das Projekt ImPArt - starten. Hier werden wir uns über drei Jahre schwerpunktmäßig mit der unmittelbaren Einbindung barrierefreier Darstellungsweisen in den Künsten auseinandersetzen.

Barrierefreiheit soll bei ImPArt ganz neu verstanden sein, st Inspiration zum Experimentieren mit neuen Möglichkeiten und wird damit für Innovation in den Künsten genutzt. Wir wollen herausfinden, welches Potential neue barrierefreie Kommunikations- und Kunstformen für die Zugänglichkeit von Inszenierungen bieten. Die Barrierefreiheit verwandelt sich dann in ein Gebiet der innovativen Schöpfung neuer inklusiver Kunst.

Dazu soll mit Expertentreffen und Symposien, Workshops, Kreativ-Laboren, regelmäßigem Training und einer Künstlerresidenz für KünstlerInnen und ExpertInnen mit und ohne Behinderung eine Ebene geschaffen werden, auf der diese Weiterentwicklung durch gemeinsames kreatives Erforschen und Lernen möglich wird. Die Ergebnisse münden in mindestens drei bis vier Performances, die zu Vorreitern einer barrierefreien darstellenden Kunst werden sollen und einer breiten nationalen und internationalen Öffentlichkeit präsentiert werden.

Wenn alles gut läuft, wird dieses Projekt auch auf internationaler Ebene mit Partnern aus Armenien, Griechenland und Italien umgesetzt. Der Antrag für das EU-Programm Creative Europe ist aktuell in Arbeit.

 

Mehr Informationen über Un-Label finden Sie hier: http://un-label.eu/

Foto Lisette Reuter: © Adam Kroll