| News, Kreativ.Quartiere Ruhr, Gelsenkirchen

Ückendorf – ein Stadtteil im Aufschwung

Gelsenkirchen Ückendorf ist ein klassisches Viertel im Ruhrgebiet nach dem Ausstieg aus der Kohleindustrie. Heruntergewirtschaftete Straßenzüge voller Leerstände und sogenannter Schrottimmobilien. Ein Viertel mit immobilienwirtschaftlichen und soziodemographischen Herausforderungen, welches anderenorts vielleicht aufgegeben worden wäre.

© Pedro Malinowski

Doch in Gelsenkirchen arbeiten das Kulturreferat der Stadt und die Stadterneuerungsgesellschaft Gelsenkirchen Verwaltungs-GmbH (SEG) mit einer so einfachen wie bislang einmaligen Idee mit Hochdruck daran das Viertel neu zu beleben. Mit den Einnahmen aus den Verkäufen eines hochpreisigen Baugrundstück erwirbt und saniert die SEG Gebäude im Kreativ.Quartier Ückendorf. In Zusammenarbeit mit dem Kulturdezernat werden diese Immobilien dann unter anderem an die Kreativwirtschaft vermittelt, damit diese den Stadtteil belebt.

Gelsenkirchen oder, besser gesagt, Schalke04 ist deutschlandweit bekannt, zumindest bei jede/r, der oder die schon einmal mit Fußball in Berührung gekommen ist. Dabei hat Gelsenkirchen viel mehr zu bieten als das Runde im Eckigen. Wer den Blick beispielsweise von Schalke auf den Stadtteil Ückendorf schwenkt, wird im ersten Moment heruntergewirtschaftete Gebäude sehen, Leerstände, so genannte Schrottimmobilien. Das typische Bild von Vierteln nach dem Kohleausstieg im Ruhrgebiet. Doch im zweiten Moment ist für alle, die sich die Zeit nehmen, ein Aufschwung zu erkennen, hinter welchem ein Konzept steckt, welches so simpel wie einmalig ist. Mehrere Organe der Stadt arbeiten gemeinsam daran den Stadtteil querzufinanzieren, indem sie ein Filetgrundstück aus einem anderen Stadtteil Stück für Stück verkaufen. Der Gewinn fließt dann in die Sanierung des Kreativ.Quartiers Ückendorf, was zeitgleich durch Ansiedlung von Kreativwirtschaft belebt werden soll.

 

Der zweite Frühling Ückendorfs

Den zweiten Frühling soll Ückendorf durch das Kulturreferat der Stadt und die Stadterneuerungsgesellschaft Gelsenkirchen Verwaltungs-GmbH (SEG) erleben. Dafür hat das Kulturreferat mit Leiter Dr. Volker Bandelow 2011 ein Kreativ.Quartier-Konzept für den Stadtteil erarbeitet, welches seitdem Schritt für Schritt umgesetzt wird. Die Konzeption basiert auf einem urbanen Verständnis, welches nicht nur punktuelle Ansätze verfolgt, sondern den Stadtraum im Visier hat. Hauptschwerpunkte sind dabei im Ückendorfer Süden der Halfmannshof, der in ländlicher Idylle als Künstlersiedlung mit einer über achtzigjährigen Geschichte Wohn- und Arbeitsquartier vielfältiger Kunstschaffender darstellt, und die Region um die Bochumer Straße und die Bergmannstraße, einem klassischen Sanierungsgebiet mit den relevanten immobilienwirtschaftlichen und soziodemographischen Herausforderungen. Ein wichtiger Punkt hierbei ist es, die bisherigen Bewohner des Stadtteils nicht zu verdrängen, sondern Wohnlücken zu schließen, Anwohner zu integrieren und Ückendorf wieder lebenswerter zu gestalten. Dafür braucht es in erster Linie Geld, aber ebenso ein Verständnis für die Materie.

An dieser Stelle kommt die SEG ins Spiel, die 2016 ausgelagert wurde und deren Geschäftsführerin Helga Sander seit dem 1. August 2016 ist. Sie war 16 Jahre Bau- und Planungsdezernentin in Mülheim und danach in der Privatwirtschaft tätig, somit verbindet sie beides: Sander weiß um die Bedürfnisse bisheriger und neuer Anwohner und versteht sich darin, diese wirtschaftlich zu stützen. Um Letzterem gerecht zu werden, hat die Stadt Gelsenkirchen ein Baugrundstück aus Buer, einem höherpreisigen Stadtteil Gelsenkirchens, in die Gesellschaft gelegt. Dieses wurde erschlossen und wird nun Bauherren verkauft. Die erwirtschafteten Einnahmen des Buerschen Waldbogens, wie das Grundstück genannt wird, werden nach allen Abzügen in die Sanierung von Ückendorf investiert. „Wir verkaufen einzelne Baugrundstücke an Bauherren und Bauträger, der Gewinn dient als Kapital für den Ausbau von Ückendorf“, erzählt Sander und Dr. Bandelow fügt hinzu: „Das hat noch keine Stadt so gemacht, aber auch aus der Erkenntnis heraus, dass man in zehn Jahren Stadterneuerungen nur mit Fördermitteln nicht die nachhaltige Wirkung erzielen konnte, die man wollte.“

Doch nicht nur die Finanzierungsquelle ist von Vorteil, auch die damit einhergehende Handlungsfähigkeit bringt Aufwind nach Ückendorf. So konnte die SEG beispielsweise einem Virtual Reality Start-Up ein provisorisches Ladenlokal vermitteln. „Das ist etwas, was eine Stadt nicht hinbekommt. Etwas provisorisch machen, dafür ist die Handlungsfähigkeit nicht gegeben“, erzählt Frau Sander. Für Dr. Bandelow liegt es jedoch nicht nur am Konzept: „Es hängt immer an Personen. Es ist ein Unterschied, ob jemand Immobilien verschiebt oder in Bezügen denkt.“ Diese Bezüge erarbeiten das Kulturdezernat und die SEG gemeinsam. Das kann in Form von sanierten Immobilien sein, die als günstiger Wohnraum oder eben als Ladenlokal genutzt werden können. Aber auch indem die SEG Räume schafft, in denen Anwohner zusammenkommen können. So wird das Exodus, ein ehemaliges Theater, welches als Club genutzt wurde, nun renoviert. Der bisherige Gastronom soll danach bestehen bleiben, ein neues Konzept die Location aber wieder attraktiver machen. Außerdem wurde aus einem Winterquartier für die mobile Kindertagesstätte eine Dauerlösung und die Heilig-Kreuz-Kirche wird momentan zu einem Kulturort umgebaut, der demnächst bis zu 700 BesucherInnen fassen soll, die dort gemeinsam Livemusik genießen oder Lesungen lauschen können.

 

Die SEG will Gebäude erhalten und sie nicht abreißen. Die Gesellschaft kauft daher so viele „Schrottimmobilien“ wie möglich und saniert sie. Demnächst soll beispielsweise ein Haus aus der Gründerzeit als Art Pioniersgebäude erneuert werden und aufzeigen, wie diese alten Bauwerke erhalten und modern umgenutzt werden können. Projekte und Ideen wie diese sind es, die Menschen auch außerhalb Ückendorfs anlocken sollen und potenziell dazu führen können, dass sich beispielsweise neue Gastronomie ansiedelt und dadurch das Viertel attraktiver für Wohnungssuchende wird, aber auch für die, die dort schon leben.

 

Das Viertel als Summe der Menschen

Doch neben den Orten ist eine Stadtteilkultur auch immer an Menschen gebunden, so gibt Sander zu bedenken: „Viele Leute sagen: Kreativ.Quartier von oben geht überhaupt nicht, aber wir sind nicht von oben. Ich stelle günstigen Wohnraum und günstige Ladenlokale zur Verfügung. Wir unterstützen nur. Die eigentlichen Akteure sind doch die, die das Angebot nutzen, die Kunst betreiben. Wir geben das Handwerkzeug.“ Eben diese Akteure vernetzen sie, locken sie an, geben ihnen die Chance in Ückendorf etwas aufzubauen - nicht zuletzt den Stadtteil selbst. Für die Geschäftsführerin der SEG besteht im Charakter des Viertels aber auch ein Vorteil, der von städtischer Seite nicht initiiert werden kann: „Das Quartier ist interessant, urban, es hat eine gewisse Lebendigkeit und ein Entwicklungspotenzial. Außerdem kann man hier sehr günstig wohnen. Selbst wenn die SEG etwas saniert, geben wir das sehr günstig her. So ergeben sich Anreize. Studenten können in einem Stadtteil, der sich entwickelt, günstig wohnen und sie können sich mit ihrer Kreativität einbringen.“ Viele Potenziale seien bereits in Ückendorf vorhanden, erzählt Dr. Bandelow: Sie lägen im Wissenschaftspark in Form von Produktdesign, Grafikdesign und Fotografie, darüber hinaus wäre eine Filmproduktionsfirma, das Museum für Architektur und Ingenieursgeschichte sowie die Kunststation Rhein-Elbe und die StadtBauKultur vor Ort. Außerdem gäbe es eine Galeriemeile, die zwei Mal im Jahr einen Tag der offenen Tür veranstaltete, sowie den C/O Raum, einen Open-Workspace, und Initiativen wie die Insane Urban Cowboys, die stetig daran arbeiteten, Ückendorf kulturell durch Konzepte und Veranstaltungen nach vorne zu bringen.

Ein erstes Resümee konnten das Kulturdezernat und die SEG bei ihrem Sommerfest ziehen. „Wir hatten die Idee, dass all diejenigen, die wir neu angesiedelt haben, als auch die, die hier aktiv sind, bei einem Sommerfest zusammenkommen und sich kennenlernen. 60 Leute waren da. Anwohner, Künstler und Kreative. Es war ein voller Erfolg“, berichtet Bandelow begeistert. Bis in die späten Abendstunden haben sie zusammengesessen, sich kennengelernt, miteinander gesprochen, Ideen ausgetauscht und sich vernetzt. Die Zahnräder der Stadt, der Immobilien- und der Kreativwirtschaft sowie der Anwohner griffen symbolisch ineinander und zeigten nochmals, was in der Stadt seit Längerem zu beobachten ist: ein Umbruch. Die ersten Schritte sind bereits erfolgreich umgesetzt worden, nun soll sich durch eine solche Vernetzung der Kreativszene und der Anwohner das Viertel nach und nach selbst beleben. Die SEG schließt die Wohnraumlücken und erhält alte Gebäude, anstatt sie lediglich abzureißen und die Flächen einer offenen Spekulation zu überlassen. Wohnflächen sind nicht nur günstig, sondern werden auch attraktiv. Das schafft neuen Raum – das spricht sich rum. So ziehen immer mehr junge Leute ins Quartier und bringen eine neue Zuversicht, dazu auch jede Menge Ideen mit. Ideen auch, die Stadtteil weiter nach vorne bringen und für die die städtischen Ressorts mit Rückendeckung und Support einstehen. Gründerzeithäuser treffen auf eine Gründerstimmung, und das macht Lust auf eine ganz neue Entdeckungsreise mitten Herzen des Ruhrgebietes.

 

 

Text: Jan Kempinski