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Sommer am U: Europäisches Forschungs-KnowHow in Dortmund

ecce kooperiert mit dem Dortmunder U anlässlich des Festivals Sommer am U:

Wir führten ein Gespräch mit Jasmin Vogel, Leitung Marketing beim Dortmunder U, und Nadine Hanemann, Projektmanagement Forschung bei ecce.

 

© Roland Baege
© Roland Baege
ecce – Seit dem 01. Juni führt ecce in Zusammenarbeit mit dem Dortmunder U eine Evaluation beim Sommer am U durch. Wie kam die Kooperation zustande?

Jasmin Vogel (JV): Ein Grundversprechen vom Sommer am U ist „Made bei many“. Wir bieten eine Plattform für die lokale Szene. Und seit drei Jahren fragen wir uns: Erreichen wir die Ziele? Die Veranstaltung Sommer am U sollte etwas sein, was Dortmund bisher gefehlt hat, wo wir einen Beitrag zum Unionviertel und zum kulturellen Leben hier in Dortmund leisten. Das ist immer nur ein Bauchgefühl, was man hat – aber das ist nichts, worauf man sich wirklich verlassen kann. Dann kam Nadine auf mich zu und sagte: Sollen wir nicht eine fundierte Befragung machen, um dieses Spannungsfeld zwischen Besuchern und Machern abzufragen, um dafür ein Gefühl zu bekommen, inwieweit wir unsere Ziele erreichen.

Nadine Hanemann (NH): Seit 2014 betreiben wir Spillover-Forschung und letztes Jahr haben wir verschiedene Fallstudien im europäischen Rahmen testen lassen. Und bei zwei, drei Methoden, die da angewendet wurden, dachte ich: Das könnten wir sehr gut für ein Festival anwenden. Und weil Jasmin bei einigen Workshops war und so den Forschungsprozess kannte, kamen wir ins Gespräch: Ok, diese Methoden machen Sinn und die könnten wir – im kleinen Rahmen natürlich – übernehmen und dann auch im Ruhrgebiet testen.

 

ecce – ecce ist am Dortmunder U angesiedelt. Gibt es oder gab es schon andere Partnerschaften?

JV : Es gab schon mehrere Partnerschaften. Beim Forum d’Avignon Ruhr hatten wir die Gelegenheit, eigene Projekte zu präsentieren, und wir haben z.B. bei Innovative Citizen eng miteinander kooperiert. Es gab verschiedene Forschungsgruppen bei ecce, bei denen wir involviert waren. Veranstaltungen, die ecce plant, finden des Öfteren bei uns statt… Also da ist ein sehr enger Austausch, das schon seit 2010.

 

ecce – Zurück zu der Kooperation beim Sommer am U: Was wird genau evaluiert?

NH: Zum einen sind das wichtige Informationen: Daten der Besucher des Festivals. Also das Alter, woher sie kommen, welche Interessen vorliegen, welche Medien genutzt werden, was für ein Kulturverhalten die Besucher generell haben… das gibt uns ein Gefühl dafür, wen man hier anspricht. Auf der anderen Seite wollen wir herausfinden, was für einen Effekt diese Veranstaltung auf das Dortmunder U hat, zum Beispiel ob das Festival mehr Leute in das Haus führt. Und welche Effekte das Festival auf die Stadt hat. Wir fragen natürlich auch nach Verbesserungsvorschläge und Erwartungen. Man möchte sich ja weiterentwickeln.

JV: Vor allem fragen wir, inwieweit die Veranstaltung eine Relevanz für Dortmund hat. Man muss bedenken: Das Festival wird zu über 50% von Sponsoren gefördert. Solche Festivals muss eine Kulturinstitution wie das Dortmunder U nicht zwingend machen, dafür gibt es private Anbieter. Da muss man also schauen, inwiefern es etwas ist, was Dortmund gefehlt hat. Gerade vor dem Hintergrund eines limitierten Budgets muss man diese Frage sehr offen stellen und prüfen: Gibt es Formate die das bereits erfüllen, die nicht städtisch gefördert sind?
Als öffentlich geförderte Institution sollte man nicht in Konkurrenz zum privatwirtschaftlichen Markt treten.

NH: Außerdem machen wir eine Befragung bei den relevanten Akteuren, sprich: die Programmmacher, die beteiligten Personen aus den vergangenen Jahren. Was sind deren Ziele? Was für eine Zielgruppe schwebt denen vor? Um dann zu gucken: Wünsche-Realität: Passt das zusammen? Was kann man noch machen und wie kann man den Machern helfen sich weiterzuentwickeln, welche Erwartungen haben sie für die Zukunft?

JV: Ein solches Festival lebt in der Tat vom Engagement Einzelner. Wir haben momentan 26 Akteure, die sich wahnsinnig einbringen – und damit definitiv nicht reich werden. Da muss man immer wieder schauen: Wie schafft man einen Rahmen, in dem die Akteure weiterhin mitmachen wollen. Und dies als Kooperation zu betrachten und nicht als Dienstleistung. Da müssen wir kritisch hinterfragen: Benutzen wir zu sehr die kulturelle Szene, nutzen sie als Dienstleistung für uns? Das bekommt man nur durch ehrliches Feedback der Teilnehmer.

ecce – Es geht also mehr um Qualität als darum, zu sagen, wir haben so und so viele Besucher erreicht?

NH: Auf jeden Fall. Es geht um Erkenntnisgewinn …

JV: … und nicht um Statistik.

NH: Genau. Und dazu muss man sagen, wir machen keine repräsentative Umfrage. Wir wollen ca. 20% der geschätzten Besucher erreichen. Das sind nichtsdestotrotz einfach Tendenzen.

 

ecce – In welcher Form werden die Ergebnisse ausgewertet und übergeben: Gibt es einen Abschlussbericht, der für eine Teil-Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird?

NH: Das ist alles noch offen …

JV: Ja, alles ist Beta! (lachen)

NH: Wir werten die Besucherbefragungen natürlich aus. Ich werde Ergebnisse vorlegen, die wir dann diskutieren. Das beruht natürlich auf Statistikprogrammen. Aber zusätzlich kommt die Inhaltsanalyse, die Kategorisierung – daraus entstehen diese typischen Word-Clouds. Und auf dieser Grundlage werden Gespräche geführt.

JH: Wir werden die Ergebnisse auf alle Fälle den Veranstaltern vorstellen, denn die haben daran teilgenommen. Man muss aber auch dazu sagen: Für uns ist es ein Testballon. Im Dortmunder U führen wir bisher nur eine Evaluation in Form einer Ipad-Befragung durch. Das gibt uns gewisse Daten, aber am Ende möchten wir in einen besseren Evaluierungsmodus reinkommen. Es geht nicht um Über-Bürokratisierung, sondern darum zu prüfen: Ist das, was wir gerade machen, richtig und relevant? Das kann eine so große Institution nicht von heute auf morgen umsetzen. Dafür braucht es kleinere Tests wie den Sommer am U.

NH: Inwiefern wir einen Bericht publizieren, kann man noch nicht sagen. Aber für andere Kulturinstitutionen in der Region kann es durchaus sinnvoll sein. So kann man auch von- und miteinander lernen.

 

ecce – ecce agiert an der Schnittstelle zwischen dem Ruhrgebiet und Europa. Welche Rolle spielt denn Europa bei diesem Projekt und im Bereich Forschung?

NH: Das ist in der Hinsicht wichtig, gerade in dem Forschungs- und Evaluationsbereich, weil man nur so die Inputs von außerhalb bekommt. England und die Niederlande sind sehr wichtige Akteure, die neue Forschungsmodelle entwickeln, die innovativ sind und sehr viel arbeiten. Über diese Zusammenarbeit bekommt man sehr viel Inspiration: Neue Studien, aktuelle Case Studies... Auf der anderen Seite möchte man nicht einfach vor sich hin forschen. Analog zum Austausch zwischen regionalen Institutionen kann es sehr hilfreich sein, mit europäischen Institutionen zu lernen. Etwa: Wo sind Potenziale? Was ist übertragbar auf andere Länder? In den letzten 2-3 Jahren haben wir in dieser europäischen Forschungswolke gelebt und das hat wahnsinnig viel gebracht. Jetzt muss man das in die Region ziehen und sich fragen, was für Vorteile man aus diesem Netzwerk rausziehen kann und wie ist das für das Ruhrgebiet verwendbar.

 

ecce – Das heißt, diese langjährige Kooperation trägt jetzt Früchte, auch konkret beim Dortmunder U?

NH: Absolut! Wir haben letztes Jahr vier Fallstudien erforschen lassen in Europa. Das ist wichtig und interessant, aber noch spannender ist zu schauen: Ist es auch anwendbar auf andere Kultureinrichtungen und Projekte?

JV: Interessant ist vor allem: Wie kann man das Erlernte auf die eigene Logik anwenden? Am Ende soll das in kulturelle Institutionen übertragbar sein. Das kann man am besten machen, wenn diese Nähe da ist. Denn so lernt man direkt voneinander, auch in Sachen Personaldecke. Eine solche Evaluation muss ja schließlich irgendwer durchführen: Einer muss bei jeder Veranstaltung Fragebögen verteilen, einer muss die wiederum einsammeln. Das sind ganz viele Schritte, die einfacher gelernt werden, wenn es eine gewisse räumliche Nähe gibt.

 

ecce – Das eine ist das Organisatorische: Wie bekommt man das innerhalb der eigenen Struktur gestemmt? Das andere betrifft die Logik im Sinne von Mind-Set. Besteht da nicht die Gefahr der Evaluationsfixiertheit, möglicherweise sogar mit Konsequenzen auf die Programmausrichtung?

JV: Da muss man unterscheiden zwischen Evaluation und Evaluation. Bei deutschen Kultureinrichtungen geht es immer noch nach Besucherzahlen. Es geht also nicht um konkrete Effekte und es wird meist auch nicht zwischen wichtigeren und weniger wichtigen Faktoren unterschieden. Rein theoretisch kann ein Workshop auf der kulturellen Bildungsetage wichtiger sein als eine große Sonderausstellung zum Thema Impressionismus, die vielleicht hunderttausend Besucher zieht, die am Ende aber nichts getan hat, weil nur Touristen gekommen sind, die vielleicht die Wirtschaft punktuell angekurbelt, aber keinen nachhaltigen Effekt auf die Stadt hatten. Diese Aspekte sind schon lange in der Diskussion, werden aber selten übertragen auf ein konkretes Evaluierungsmodell.

 

ecce – Bietet die Anwendung gut durchdachter Evaluationsstrategien die Chance, über die Besucherzahlenlogik hinaus zu kommen und nachhaltig, langfristig zu handeln?

JV: Ja. Wichtig ist die Berücksichtigung der Eigenlogik und Ziele. Das finde ich ganz entscheidend: Jede Stadt tickt anders, auch im Ruhrgebiet – Dortmund ist anders als Essen. Beim Sommer am U haben wir uns hingesetzt und gefragt: Was ist für Dortmund relevant, spezifisch bei diesem Festival.

NH: Dem stimme ich absolut zu. Besucherzahlen kann man als Indikatoren verwenden. Das Problem bei Indikatoren ist, dass man aufpassen muss, dass man nicht nur Kontrollmechanismen schafft. Indikatoren sollen bei Entscheidungen und Argumentationen helfen. Und zwar aus Sicht der Einrichtungen und der Projekte. Was bringt es mir, wenn ich sage: Diese fünf Indikatoren muss ich jetzt immer erfüllen? Das macht nicht unbedingt Sinn. Es geht vor allen Dingen viel um das interne Reflektieren darüber, was man macht. Wenn man nur mit Besucherzahlen arbeitet, ohne die Zahlen zu hinterfragen, kann das kontraproduktiv sein. Was bringt es mir, wenn ich 100.000 Besucher habe – das aber nicht die Besucher sind, die ich erreichen möchte?

JV: Plus, Evaluationen sind nicht nur am Ende, sondern auch während des Prozesses wichtig. Und da sind wir wieder beim Strategischen. Was häufig fehlt, ist eine langfristige Evaluationsstrategie, wo ich angemessen zu den Themen und den Zielen, die ich erreichen möchte, das richtige Format auswähle.

 

ecce – Das ist ein interessanter Ansatz, denn bei Evaluationen denken viele an Besucher- oder Auslastungszahlen. Und der quantitative Erfolgsdruck hat wiederum die unschöne Nebenwirkung, dass eine Homogenisierung des Kulturangebots vonstattengeht, etwa mit Blockbuster-Formaten.

JV: Das ist ein Problem in der eigenen Strategie. Wenn ich mich davon leiten lasse, bin ich strategisch falsch festgelegt. Und das ist mein Appell an die Museen: Sie müssen Akteure sein und sollten solche Zahlen nicht als Messlatte zum Vergleich mit anderen Institutionen nehmen. Und das ist eigentlich eine Aufgabe für den Deutschen Museumsbund. Schauen wir uns die Stellen für Besucherforschung an: Die Stiftung Preußische Kultursammlung hat eine, ansonsten sieht’s da mau aus. Nur wenige fragen sich: Ist das, was wir machen, relevant? Zu Evaluation gehört die Bereitschaft, sich selbst in Frage zu stellen.