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Recherchereise nach Wanne-Eickel – Kreative Stadtplanung zum Anfassen

Das Ruhrgebiet lockt auch BesucherInnen aus dem Ausland: Am 16. und 17.09. war eine Gruppe von Master-StudentInnen der Universität Utrecht auf kreativer Erkundungstour durch die Stadt der Städte.

© Arne Pöhnert

 

Eine Sightseeing-Bus-Tour durch Herne, um genauer zu sein durch Wanne, ist vermutlich nicht unbedingt der Verkaufsschlager in den Tourismusbüros dieser Welt. Dennoch vermittelte ecce eine Gruppe von StudentInnen im Bereich urban und economic geopraphy an die Initiatorinnen des Kreativprojekts "Hallenbad", allen voran Dr. Evelyn Stober von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft und Projektmanagerin Stefanie Thomczyk, und somit auch nach Herne. Die Bus-Tour bot 20 von ihnen einen anderen und teilweise überraschenden Einblick in eine mögliche praktische Übersetzung ihres Studiums. Insgesamt erforschten vier solcher studentischen Reisegruppe aus Utrecht das Ruhrgebiet und besuchten neben Herne, noch Gelsenkirchen Ückendorf, Bochum sowie Essen.

Wo könnten StudenteInnen lebensnäher an die Thematik der Stadtentwicklung geführt werden als im Ruhrgebiet? Kaum eine Region hat so viele verschiedene Bedürfnisse und Problematiken sowie Lösungsansätze auf so einem derart geballten Raum zu bieten, wie die Ruhrregion.. Aus diesem Anlass fanden sich am regnerischen 15. September circa 80 StudentInnen aus Utrecht am Bergbau Museum Bochum ein. Nachdem sie gemeinsam im ZAK einem Vortrag beiwohnten, sollte von hier aus die Tour mit/in vier Gruppen durchs Ruhrgebiet starten - eine von ihnen nach Herne. Um 14 Uhr setzte sich der Tross mit dem Bus in Bewegung und erreichte nach einigen Minuten, in denen sich Recherchereiseleiterin Stefanie Thomczyk vorstellte und mit genügend Lokalkolorit die Eckdaten der Veranstaltung den StudentInnen erläuterte, den ersten Halt: die Weltbaustelle Herne. Sie ist einer von 16 Standorten im Ruhrgebiet, die sich auf künstlerische Art und Weise mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) der Vereinten Nationen auseinandersetzen. Je ein/e KünstlerIn aus dem "globalen Norden" und ein/e aus dem Süden gestalten an einer Hausfassade gemeinsam ein Mural zu diesem Thema. Im Fall von Herne sind das Ursula Meyer (Deutschland / Argentinien) und Machela Liefeldt (Südafrika), welche mit ihrem, in zwei Farben gehaltenen Bild auf die Diversität der Kulturen hinweisen und einen Diskurs über eine nachhaltige Entwicklung anregen wollen. Am Tag der Tour befindet sich das Kunstwerk noch in der Entstehung und während die beiden Künstlerinnen vom meterhohen Gerüst klettern, um sich den Fragen der neugierigen BesucherInnen zu stellen, erklärt Markus Heißler, Promoter des "Eine Welt Netz NRW", das Konzept. So erzählt er zum Beispiel, dass einer der Mieter des Hauses die Suche nach einer geeigneten Immobilie für das Kunstprojekt mitbekommen hat und daraufhin den Besitzer von der Idee überzeugen konnte. So wurde der Grundstein für das Wandbild gelegt, welches mittlerweile fertiggestellt in der Bielefelder Straße 176 bewundert werden kann.

 

 

 

Der Mond von Wanne-Eickel

Nach einem kurzen Halt ging es dann schon für die StudentInnen - mit teilweise internationalem Hintergrund - weiter in Richtung des Bahnhofs Wanne-Eickel und zu (einem) Mond von Wanne-Eickel. Unter der Kunstinstallation nahmen die Reisenden den gleichnamigen Likör zu sich und hörten das ebenfalls gleichnamige Lied von Friedel Hensch, was nicht nur zu einer gelösteren Stimmung führte, sondern auch zum Aufklaren des Himmels. "Nichts ist so schön, wie der Mond von Wanne-Eickel, die ganze Luft ist erfüllt von ewigem Mai…," tönt es aus den Boxen, während die StudentInnen bei Sonnenschein durch den Park in Richtung Innenstadt und somit zum nächsten Halt schlenderten. In der Christus Kirche Herne empfing der ehemalige Pastor Hans-Jürgen Jaworski die StundenInnen und erläuterte an diesem eher ungewöhnlichen Ort der Kultur, wie aus einer Kirche eine Ausstellungsfläche für Kunst und ein Kulturort werden kann. Er selbst sei ebenfalls Künstler und bemerkte im Laufe der Jahre wie die BesucherInnen seiner Kirche immer weniger wurden.

Gemeinden wurden zusammengelegt und das allgemeine Interesse an Gottesdiensten wurde vermutlich auch kleiner. Also überlegte er, wie er dem alten Gebäude wieder neues Leben einhauchen könnte und sei zu dem Schluss gekommen, dass sowohl Kunst als auch Religion im Kern eine gemeinsame Aufgabe hätten. Beide sollen Menschen zusammen bringen, Gespräche und vielleicht sogar Diskussionen anregen. Auch an diesem Tag. Nach dem Vortrag des ehemaligen Pastors entstand ein angeregtes Gespräch über die Transformation einer Kirche, die Schwierigkeiten und die Chancen. So sei es nach Hans-Jürgen Jaworski anfangs eine Umstellung gewesen, doch erfreuten sich nun viele verschiedene Menschen jeglicher Religionen an der Kirche und reagieren eher neugierig bis interessiert als negativ auf die Neuausrichtung.

 

Hallenbad – Wiege der Kreativität

Eine Neuausrichtung bot auch der nächste Halt nur wenige Meter von der Kirche entfernt. Das noch recht junge Projekt "Hallenbad" in der Heinestraße 1 belebt seit dem Sommer einen Leerstand und soll Brutstätte für kreative Prozesse in Wanne werden. Evelyn Stober von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Herne mbH erläutert in gemütlicher Runde bei Getränken und Snacks, welche Ziele das neue Headquarter des Kreativ.Quartiers Wanne verfolge, gibt aber auch eine realistische Einschätzung über die Lage in Wanne. Sie merkt an, dass der kulturelle und kreative Prozess an diesem Standort noch ganz am Anfang stehe, die AkteurInnen jedoch langfristig an einer Belebung arbeiten. Umso passender gestaltet sich der darauffolgende Stopp. Das KHAUS, welches mehr oder minder ein Vorgänger des Hallenbads ist. Dort sollten mehrere KünstlerInnen dauerhaft ein Heim in einem alten Kaufhaus bekommen. Das Projekt scheiterte, weil die Immobilie verkauft wurde und einer weiteren kreativen Ausgestaltung entzogen wurde. Nun beheimatet es lediglich ein Schuhgeschäft, eine Art Boutique und ein kleines Tattoo-Studio und steht nun symbolisch für die Schlüsse, die aus dem Konzept gezogen wurden. Auf dem Weg zum Bus brach daraufhin ein lebendiges Gespräch unter den StudentenInnen und den OrganisatorInnen darüber aus, in wie weit ein kreativer und kultureller Fokus bei der Stadtentwicklung einen Stadtteil positiv beeinflussen kann und auch darüber, wie die Kulturszene im Ruhrgebiet aussieht. Zu einer eindeutigen Antwort kamen sie nicht, aber zumindest auf die eine oder andere Idee.

 

Künstlerzeche Unser Fritz 2/3

Recht überraschte Gesichter konnten dann beim letzten Stopp beobachtet werden. Die Künstlerzeche Unser Fritz 2/3 stand früher für die ruhrgebietsweite Kohleindustrie und hält heute Arbeits- und Ausstellungsräume für lokale KünstlerInnen vor. Die Zeche ist somit eines der anschaulichsten Beispiele für den Strukturwandel der Region. Unser Fritz 2/3 begeisterte durch Architektur und Geschichte, aber auch die aktuelle Ausstellung "Ausschwitz – Ein Tag im Lager", die nach dem Vortrag besichtigt werden konnte. Darüber hinaus öffneten im Anschluss die in der Zeche werkenden KünstlerInnen ihre Ateliers zur Begehung und für einen geselligen Ausklang.

Alles in allem schien die Tour durch Herne für alle Beteiligten einige Überraschungen bereit zu halten. Gerade die unterschiedlichen Orte, die die vier Gruppen besuchten, gaben einen angemessenen Querschnitt und viel Gesprächsstoff im Nachhinein. So berichtete Dr. Leo Paul von der Universiteit Utrecht: "We got a lot of positive feedback: the students were very excited about your tour in Wanne. Thanks again", und auch Martjin Smith, der dem Ausflug beiwohnte, bekam schon währenddessen das Feedback der StudentInnen, dass es allen gut gefallen habe und sie solch lebendige Touren nicht gewohnt seien. Neues Leben in altem Stadtraum – bleiben wir dran.

 

Text: Jan Kempinski