| News, Kreativ.Quartiere Ruhr, Hamm

PicnicArt convention ruhr – Kunst zum Quadrat

Ein Picknick inmitten der Innenstadt? Rasen inmitten von Beton und Pflastersteinen? Kunst inmitten von Schaufenstern und Ladenlokalen? All das gab es zum Spätsommer an zwei Wochenenden in Hamm.

© juicy-pictures.com / Jenny Kiwosky

KünstlerInnen und Kreativschaffende aus den Kreativ.Quartieren des ganzen Ruhrgebietes kamen zur 1. PicnicArt convention Ruhr in die City, um gemeinsam zu zeigen, was geht – ein Projekt, das durch das Landesprogramm Kreativ.Quartiere Ruhr möglich gemacht wurde. Unter dem Motto "fifteen points – fifteen greens" standen rund um den Pavillon der Galerie der Disziplinen  15 Grünflächen zur Verfügung, auf denen kollektiv an einer "kreativen Bepflanzung" des Stadtraums gearbeitet wurde. Der Begriff des Kunstrasens bekam somit eine neue, aber doch ganz wortwörtliche, Interpretation.

"Eine gesunde Grasnarbe ist die Voraussetzung für eine üppige blühende Wiese“, bringt der Projektinitiator Oliver Kahl die Idee hinter der 1. PicnicArt convention ruhr auf den Punkt. „Hamm hat mehr zu bieten als Zechennostalgie und Zugteilung. Hamm ist aufstrebender Bildungsstandort mit rund 4.000 Studierenden und Keimzelle innovativer Kunstkonzepte." Um den AnwohnerInnen und Menschen von außerhalb von Hamm zu zeigen, was zwischen all den Herausforderungen verborgen liegt, haben die OrganisatorInnen Künstler und Künstlerinnen der verschiedenen Kreativ.Quartiere im Ruhrgebiet mobilisiert, um an zwei Wochenenden ihre Projekte zu bündeln und verschiedene Einflüsse in eine Wechselwirkung zu bringen. "Wir haben 500 Leute angesprochen", erzählt der Organisator weiter und viele haben laut seiner Aussage mitgeholfen, Sei es mit Netzwerken, Verteilern, Kontakten, Räumen, Bestuhlung oder mit ihrer Kunst. Am Ende dieser Vorbereitungen fanden sich am vorletzten Septemberwochenende erstmals 15 vier mal vier Meter große Kunstrasenflächen – so genannte "Greens". Angefangen an der Galerie der Disziplinen schlängelten sie sich durch die Hammenser Innenstadt, entlang der Geschäfte, Kneipen, Shishabars, Cafés und leeren Ladenlokale. Jedes einzelne Green beheimatete dabei einen Künstler oder eine Künstlerin aus einer Stadt im Ruhrgebiet sowie einen kreativen Paten aus Hamm. Jedes Duo bespielte den Kunstrasen dabei auf eine ganz eigene Art und Weise. So wurden beispielsweise Malerei, Objektgestaltung, eine Aktion für Kinder, Bodypainting und Musik präsentiert und als kleine „Störer“ im öffentlichen Raum genutzt.

Und da es hier um Zukunftsperspektiven und –welten ging, konnten sich Neugierige im Kultur-Pavillon, unweit des Hauptbahnhofs, mit neuen Technologien vertraut machen: in Kooperation mit dem 3D-Druckzentrum Ruhr  warteten 3D-Druck Workshops auf begeisterte MitmacherInnen. Die Verantwortlichen der Stadt Hamm sind ebenfalls vom Potenzial dieser Veranstaltung überzeugt und haben der Realisierung weitreichend zugearbeitet. Im Vorfeld unterstützten diese die Antragstellung im Rahmen das Landesprogramms Kreativ.Quartiere Ruhr, sodass eine Finanzierung sichergestellt wurde. In gemeinsamer Abstimmung mit den Kreativen wurde zudem an dem Rahmen gefeilt. Ein eigens organisierter Street Food Markt und der verkaufsoffene Sonntag sorgten beim Auftakt für optimale Bedingungen, die "Jung und Alt" förmlich in die Innenstadt sogen.

 

 

 

Das Gedränge und das Interesse waren groß. Egal ob es sich dabei um die Entschlüsselung von Kuriositäten ging, wie z.B. bei dem Hertener Urgestein und Trash-Künstler Christian "Punky" Bahr, der mit Frau und seinem Kunst-Boot, der PANKA MARIA, vor Ort war oder eben um reinen Informationsaustausch. Überraschend und herausfordernd auch für den Künstler Andreas Friedhelm Arnold (Kooperative K), der eigens aus dem Kreativ.Quartier Hagen Wehringhausen  angereist war. Weil ihn immer wieder Gäste ansprachen, schaffte er es selber nicht einmal eine Mittagspause einzulegen. Erfreulicherweise erkannte eine Besucherin sein Leid und erlöste ihn mit einem Schnitzelbrötchen.

Diese Stimmung sagte auch Beata Nagy von der Projektfabrik  aus Wittener Wiesenviertel zu: "Wir suchen den Kontakt, die Interaktion mit den Menschen. Wir wollen nicht etwas darstellen, sondern wir suchen das Zwischenmenschliche und den Zwischenraum. Diesen magischen Raum, der im Sozialen entstehen kann." Ihr Teppich bot Raum für philosophische Gespräche und Theaterimprovisationen und ließ die Magie der Zwischenmomente, die auch das bereits mehrfach ausgezeichnete kreative Bildungsprogramm JobAct  der Projektfabrik kennzeichnet, aufblitzen.

Nur wenige Meter von Beatas Stand entfernt, stellten Mechthild Pötter vom Verein "neonweisz e.V. art konzept raum" und die Künstlerin Melina Struwe aus Dortmund gemeinsam ihre Arbeit vor. Melinas Projekt "Kunst und Kultur" erinnert an die Fluxuskünstlerin Alison Knowles : "make something in the streets and give it away." Sich etwas zu trauen, das war und ist die Verbindung der beiden Künstlerinnen. Und so freuten sie sich über jeden Gast, der an ihrem "Traumbaum" Hand anlegte. Für besonders Eifrige hatten sie sogenannte Papertreats vorbereitet, oder gemäß Melinas Worten: kleine Provokationen. "Da steht dann zum Beispiel: Was würden Sie heute tun, wenn sie keine Angst hätten? Ich möchte damit erreichen, dass die Leute über das Alltägliche stolpern."

Wer vom Green der beiden weiter durch die Innenstadt spazierte, kam zwangsläufig an der Filiale von Kaufhof vorbei, in dessen Schaufenster sich Ungewohntes abspielte. Sabine Krbecek aus Mülheim besprühte eine junge Frau von oben bis unten mit Airbrush-Farbe, während die Fotografin Kathrin Bennemann aus Hamm das Ganze mit ihrer Kamera begleitete. Sie hat vor allem positive Eindrücke während des Festivals gewinnen können: "Man lernt viele Leute kennen und bekommt Einflüsse von außerhalb. Ich finde es eine super Sache." Dem konnte Kaufhof-Filialleiter Frederik Horstmann, welcher das Schaufenster für die Kunstaktion zur Verfügung stellte, nur zustimmen. Für ihn war es eine gelungene Brücke zwischen Kunst im öffentlichen Raum und dem ansässigen Einzelhandel: "Das PicnicArt ist eine spannende neue Facette für Hamm. Es bringt Farbe und eine ganz andere Sichtweise. Man bekommt Sachen zu sehen, die man vorher noch nie gesehen hat." Daher kann sich der Filialleiter vorstellen, auch zukünftig solche künstlerische Aktionen zu unterstützen: Weitere Ideen liegen schon in der Pipeline. Gerade seien sie im Gespräch einen eigens für Hamm gebrauten Kaffee in das Sortiment aufzunehmen. Die in Berlin geröstete Bohne heißt "Wake Up Hamm" und unterstreicht auf köstliche Art die Botschaft eines kreativen Aufbruchs.

In Hörweite des Kaufhof-Schaufensters befand sich die wohl musikalischste und gemütlichste Grünfläche. Roman und Sebastian, beide aus Hamm, hatten ein kleines Wohnzimmer auf den Rasen und damit ein sehr einladende improvisierte Laube in der Hammenser Fußgängerzone installiert. Neben der gemütlichen Atmosphäre, bot das Green improvisierte Musik der beiden Jungs. Immer wieder gesellten sich Passanten hinzu, um sich zu unterhalten oder auch musikalisch zu beteiligen. Beide scherzten, dass, wenn es mit der Musik nicht klappe, sie vielleicht über urbane Architektur nachdenken sollten. Die Fläche war so gut besucht, dass sich Roman wunderte: "Hamm ist heute ungewohnt belebt." Für ihn fehlten nur noch die jungen StudentInnen, die in Hamm beheimatet sind aber wohl "nichts von der Aktion mitbekommen" haben.

Die junge Zielgruppe zu erreichen, könnte indessen eines der Ziele für das nächste Mal sein. Denn für die Verantwortlichen ist eines klar: die PicnicArt convention ruhr ist erst gestartet und HammenserInnen sowie BesucherInnen dürfen gespannt sein, was die nächsten Jahre dort noch an kreativen Ideen folgt. Sicher ist, dass die erste Ausgabe ein Erfolg war und allen Beteiligten gezeigt hat, dass Kunst und Kreativität in Hamm eine Zukunft haben kann.

 

Text: Jan Kempinski