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Meine Wunschdomain – Orakel als Performance

Julia Nietzsche und Knut Schultz erkunden im Zuge ihres Performance-Kollektives „Meine Wunschdomain“ die Zukunft der Mutigen, der Neugierigen und der Interessierten mit Hilfe verschiedener Orakel-Techniken.

© Sebastian Becker/ecce

Der Blick in die Zukunft stellt seit jeher eines der großen Begehren der Menschheit dar. Was früher eher spiritueller Natur war, wird heute anhand komplexer Algorithmen zu errechnen versucht. Doch bis heute bleibt die Vision eine Frage der Deutung. Julia Nietzsche und Knut Schultz erkunden im Zuge ihres Performance-Kollektives „Meine Wunschdomain“ die Zukunft der Mutigen, der Neugierigen und der Interessierten mit Hilfe verschiedener Orakel-Techniken. Dabei bedienen sie sich weniger alter Jahrmarktsklischees als wohlüberlegter Techniken und Ideen des Theaters – Wahrsagen als Performance.

Hinter den Künstlernamen Julia Nietzsche und Knut Schultz verbergen sich Julia Nitschke und Ruth Schultz, die sich beide auf ihre ganz eigene Art mit dem Theater beschäftigen: Julia Nietzsche widmet sich den Phänomenen und Mythen des Internets in Form von Katzen und stellt so in ihren Lecture Performances wichtige Fragen über die Welt und entwickelt unterschiedliche Workshop-Formate, um sich gemeinsam den Begriff der Liebe wieder anzueignen und über solidarische Daseinsformen nachzudenken, während Knut Schultz freie Theatermacherin ist und als Regisseurin, Choreographin und Autorin arbeitet. Kennengelernt haben sie sich im Master-Studium „Szenische Forschung“ an der Ruhr Universität Bochum. Gemeinsam gründeten sie ihre Agentur für angewandte Performance-Kunst. „Es geht um Aufmerksamkeitsökonomie. Wir haben gemerkt, dass wir in einer Welt leben, in der fokussierte Aufmerksamkeit ein rares Gut ist. Unser Ziel ist, einerseits mit der Aufmerksamkeitsökonomie zu experimentieren und andererseits Aufmerksamkeit zur Verfügung zu stellen. Das ist der revolutionäre Anspruch den wir haben“, erläutert Knut den Gedanken hinter dem Konzept. Entstanden sei es, als die Künstlerinnen im Jahr 2013 eine Einladung zur Zukunftsakademie – wie passend – in Bochum erhielten. „Wir haben uns überlegt, dort etwas zum Thema Zukunft zu machen. Im Probenprozess hat sich dann herausgestellt, dass wir Orakelfähigkeiten haben und als Medium arbeiten können“, erzählt sie weiter. Doch was im ersten Moment klingt, als würden die beiden Kaffeesatz lesen oder Tierknochen deuten, ist weitaus durchdachter. Vielmehr verwenden sie Elemente des Theaters. So erzählt Julia: „Die Orakelfähigkeiten basieren auch auf den Gedanken des Upcyclings. Bei sehr vielen KünstlerInnen ist es so, dass sie 1000 Ideen haben, die jedoch nicht immer umgesetzt werden und dann schnell vergessen sind. Wir haben uns für das erste gemeinsame Projekt überlegt, wir arbeiten nur mit Dingen, die wir schon mal benutzt haben. Unsere Arbeit basiert auf eigenen künstlerischen Strategien oder auf Methoden von KünstlerInnen, die wir kennen. Ich habe dann mit Katzengifs orakelt und Ruth mit dem Buch ‚Amerika gibt es nicht‘ von Daniele Benati, über das sie auch schon eine Magisterarbeit geschrieben hat“, oder nun im Falle des Berufungsorakels mit Hilfe der Soundarbeit von Kai Niggemann.

 

 

 

Am Anfang steht die Frage

Seit 2013 haben die beiden ihre Ideen stets weiterentwickelt, wodurch zwei feste Bestandteile ihres Angebots entstanden sind: Das Berufs- und das Berufungsorakel. Die Berufsberatung sei laut Aussage der beiden sehr nachvollziehbar für die Gäste. So stellen die BesucherInnen des Orakels anfangs eine Frage, sei es die nach einem Ferrari, einer Beförderung oder dem Traumjob. Auf dieser Frage oder dem Wunsch aufbauend, erarbeiten Knut und Julia gemeinsam mit der/m BesucherIn zu dritt in einer geheimen Orakelsitzung eine Antwort, oder mindestens einen Weg dorthin. Im Gegensatz dazu ist das Berufungsorakel weitaus mysteriöser. Unter anderem konnten an ihrer Zukunft Interessierte es in der Lutherkirche in Bochum besuchen. Dort wurden die beiden im Rahmen des „Lutherlabs“ in die leerstehende Kirche eingeladen, um einen Tag Einzelsessions anzubieten. So fand sich in dem epochalen Gebäude ein kleines Zelt, beleuchtet von durch ein rundes Kirchenfenster eintretendem Licht; dort empfingen Knut und Julia ihre BesucherInnen. Was sich hinter den Wänden dieses Zeltes daraufhin abspielte, bleibt jedoch SessionsteilnehmerInnen vorbehalten, die den Schritt durch den Eingang wagen. „Meistens geht es darum, jemandem dabei zu helfen, die aktuelle dringende Frage, die ihn oder sie umtreibt, zu finden“, erzählt Julia. „Mein persönliches Ziel dabei ist jedoch, dass alle eine gute Zeit haben. Das ist das Tolle am Theater, dass Leute sich entscheiden, das Haus zu verlassen, um mit jemand anderem Zeit zu verbringen.“ Doch auch wenn beide versuchen niedrigschwellig zu arbeiten, birgt die Vorstellung, ein kleines Zelt oder einen kleinen Wohnwagen mit zwei Fremden zu betreten, für viele eine gewisse Überwindung. Daher sind die Performancekünstlerinnen stets bemüht durch verschiedene Tricks und Techniken es dem Gast so angenehm wie möglich zu gestalten. „Manchmal werden so intime Formate, wo man alleine in einen Raum geht, in dem zwei KünstlerInnen sitzen, unangenehm, aber wir geben uns sehr viel Mühe, dass wir uns auf unser Gegenüber einlassen und nichts machen, um unseren Gast vorzuführen – im Gegenteil. Aber ich habe auch das Gefühl, es gehört Mut dazu, bei uns eine Orakelsession zu machen. Man muss sich fragen, ob man überhaupt etwas über die Zukunft wissen will“, ergänzt Julia.

Beide sind sich sicher, dass mit dem Wissen über die Zukunft auch eine Verantwortung einhergeht – sowohl beim Gast als auch beim Orakel selbst. Zwar geben die beiden – und so viel darf gesagt werden – am Ende des Berufungsorakels keine klare – sondern die genau richtige Antwort: eine Deutung, einen möglichen Weg, eine Interpretationsgrundlage. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, feilen beide an den Konzepten, der Vorgehensweise und bilden sich fort. So merkt Knut an, dass sie Anfang des Jahres eine Fortbildung in „Deep Listening“ gemacht haben, eine an die buddhistische Idee von Achtsamkeit angelehnte Praxis aus der Sterbebegleitung, „... wo wir uns haben zeigen lassen, wie man in intensiven Zuhörsituationen professionell mit Aufmerksamkeit umgehen kann.. Da konnten wir sehr viel rausziehen, weil das Zuhören intensiver, aber gleichzeitig auch entspannter geworden ist. Wir haben gelernt, dem Gegenüber den Fokus zu geben, ohne etwas machen zu müssen.“ Aufmerksamkeit und Zufall sind für beide ausschlaggebende Elemente in ihren Sessionen. So sei eines der wichtigsten Werkzeuge die strukturelle Improvisation, die auf den Reaktionen des Gastes beruht. Der Fokus liegt deutlich auf dem Gast und die beiden Künstlerinnen reagieren auf ihn und assistieren ihm dabei, zu seiner persönlichen Nachricht aus der Zukunft zu gelangen.

 

Der Blick in die Zukunft

Wie zwei Künstlerinnen aus dem Theater zu dieser Form der Zukunftsdeutung kommen, erscheint im ersten Moment nicht nachvollziehbar. Dabei ist die Schnittmenge laut Knut groß: „Das Theater kommt aus dem Ritus, hat sich daraus entwickelt, daher sehen wir uns da in einer sehr alten Tradition. Wir kommen aus dem Theater und würden auch sagen, dass das, was wir machen, von der Grundanlage her Theater ist. Uns gefällt es aber auch, den Medienkunstaspekt möglichst groß zu machen, weil wir Menschen als Medien betrachten, aber auch neue Medien nutzen.“ Aber hat das Theater die Möglichkeit wildfremden Menschen die Zukunft zu deuten? Auch das ist für Knut keine Frage: „Das ist, was Theater macht.“ Unabhängig von der Form ist genau das die Aufgabe von Theater, so abstrahiert und undurchsichtig das auch manchmal erscheinen mag - denn „... damit etwas passieren kann, was wirklich magisch ist, braucht man gutes Handwerkszeug, lange intensive Proben und einen unbedingten Glauben daran, dass es funktioniert“, fügt die Performancekünstlerin hinzu.

Auch über ihre eigene Zukunft denken Julia und Knut nach. So planen sie gerade ein neues Projekt: „out of body experience (with cats)“. Viel verraten wird bislang noch nicht. Die Performance wird in einem Wohnwagen oder einem Wohnzimmer stattfinden und es werden Katzen daran beteiligt sein, um den Stress vor der außerkörperlichen Erfahrung auszugleichen. Außerdem ist ein großes Wunschziel die Zusammenarbeit mit Einrichtungen wie dem Arbeitsamt. Dort wollen sie jungen Menschen mit einem Berufsorakel dabei helfen, ihre Zukunft besser wahrnehmen zu können. „Generell setzen wir große Hoffnung in diese Vermischung aus Kunst und der sozialen Anwendung. Wir wollen unsere Aufmerksamkeit gerne weiter da zur Verfügung stellen, wo es notwendig ist und wo Wunderbares passieren kann, wenn man es tut“, erläutert Knut und stellt klar, dass die Ambitionen der beiden weit über ein erst verkopft erscheinendes Performancekonzept hinaus gehen und die Zielsetzung des Orakels durchaus ernst gemeint ist. Sie sind beispielsweise auch vom NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste e.V. gebeten worden, Workshops auszurichten, um den disparaten Zusammenschluss von Off-KünstlerInnen aus dem darstellenden Bereich ins Gespräch kommen zu lassen oder in ihren Worten: „Um eine solidarische, liebevolle Gemeinschaft zu fördern.“ Auch dort dient ihre Aktion einer kreativen Arbeit an einem sozialen Thema. Für weniger Gegeneinander und mehr Miteinander. Dazu haben sie mit verschiedenen KünstlerInnen wie dem Gründer von Kalakuta Soul Records Guy Dermosessian, der Autorin Johanna Montanari und Schauspielerin sowie Lifecoachin Julie Stearns zusammengearbeitet. Im zweiten Teil des Workshops werden sie verschiedene Strategien der gegenseitigen Wertschätzung erarbeiten und gemeinsam mit den Teilnehmenden das Fanzine „Freie Szene“ gestalten. Im Mittelpunkt soll laut Julia das politische Potenzial von radikaler Liebe stehen. „Es geht nicht darum, romantisch rumzuhängen – wobei das auch gut wäre – sondern dass man aufeinander achtet, sich wahrnimmt, sieht und liebevoll miteinander umgeht“, und Knut und Julia geben abschließend noch einen Rat für die Zukunft von jedem: „Romantisches Rumhängen ist auch eine unserer Strategien. Wir machen das auch sehr viel und ganz bewusst, um unsere Kunst aufzubauen und zu pflegen. Daher ist unsere Empfehlung: Hängt romantisch miteinander rum.“

Im Rahmen von IKF hatte die Wunschdomain die Möglichkeit, professionell romantisch zu sein: „Die Förderung hat es uns ermöglicht unsere künstlerischen und moralischen Ansprüche für das Jahr 2017 zu finden und umzusetzen.“ Die Stipendiatin Julia Nitschke konnte das Stipendium solidarisch nicht nur für sich, sondern für das Kollektiv und die Agentur für angewandte Performance Kunst einsetzen. Die Vision der Wunschdomain von Menschen als reisende Medien hat sich erfüllt: „Es gab Raum und Zeit, neue Formate auszuprobieren und alte Formate zu hinterfragen oder neu zu interpretieren. Es sind unglaubliche Kontakte im Rahmen dieser Förderung entstanden, die jetzt schon für Programm und Veranstaltungen im Folgejahr verantwortlich sind. Wir haben viel von, mit und über unser Publikum gelernt, was unglaublich toll ist.“

 

Text: Jan Kempinski