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Kulturelle Sterneküche im Prinz.Regent-Quartier

Theater, Bar, Club, Begegnungsstätte und Institut für Popmusik

 

© Sebastian Becker/ecce

Bochum und Detroit haben auf den ersten Blick erstmal nichts gemeinsam. Bochum liegt an der Ruhr, Detroit kurz vor der kanadischen Grenze. Bochum ist bekannt für seine Currywurst und Detroit wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur bedeutendsten Stadt der Automobilindustrie, wodurch sie auch den Namen „Motor City“ erhielt. Dann überrollte sie der Strukturwandel der amerikanischen Automobilindustrie und große Konzerne ließen die Stadt und ihre BewohnerInnen fallen. Heute stehen dort 80.000 Gebäude leer, die Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch (10,2% Stand April 2015) wie der Landesdurchschnitt (4,9% Stand Juni 2016) und von der ehemaligen Motor City ist nur noch der Name geblieben. Jedoch lässt sich seit einigen Jahren eine Veränderung beobachten. Die Kreativbranche gedieh unter diesen schlechten Bedingungen und hat es geschafft, einen strukturellen Wandel anzustoßen. So gibt es viele junge Start-ups, die sich kreativ mit den Problemen ihrer Stadt auseinandersetzen, Buslinien gründen, bei denen die bezahlenden Gäste die finanzieren, die nicht zahlen können, oder Räumlichkeiten, die Menschen für kleines Geld zur Verfügung gestellt werden, die etwas für die Stadt tun. Dies sind neben einer weltweit bekannten Musikszene nur vereinzelte Beispiele, die aber dazu führten, dass auch die Politik sich der Kreativwirtschaft annahm und sie unterstützt.

 

 

 

Ein wichtiger Akteur dieser Szene ist Mike Huckaby. Als dieser das erste Mal aus Detroit ins Ruhrgebiet kam, fand er viel von seiner Heimat hier wieder. Er identifizierte viele gleiche Probleme mit ähnlichen Auslösern, aber auch viele positive Impulse. Zwar war es hier nicht die Autoindustrie die abwanderte, aber die der Kohle und des Stahls. Heute – fünf Jahre später – ist er wieder zu Besuch hier. Guy Dermosessian, das Gesicht hinter Kalakuta Soul Records, hat ihn zusammen mit dem PRINZREGENTTHEATER  und dem Institut für populäre Musik der Folkwang Universität der Künste  nach Bochum eingeladen, um Vorträge und Workshops im Rahmen der Kalakuta Soul Workshops  zu halten. Mike ist seit 20 Jahren DJ, Produzent, Labelbetreiber und sollte als einer der Motoren der Kreativszene einen interessanten Einblick in seine Arbeit geben. Doch neben seiner Expertise beeindruckte Guy vor allem eines: Das Erste, was Mike erzählte, als Guy diesen vom Flughafen abholte, war, dass die Stadtbibliothek Detroits nun Equipment für mehrere Tausend Euro kostenlos verleiht. Ein Umstand, der die Motivation des Veranstalters und DJs stärkt, den Kultursektor in Bochum weiter nach vorne zu bringen. „Dass wir einen Gast aus Detroit haben, Workshops, Künstlergespräche und Partys machen mit der Unterstützung eines Ministeriums, ist ein Zeichen dafür, dass wir nicht ganz vorne sind, aber auf dem Weg“, erzählt Guy euphorisch. Mit ihm am Tisch in den Räumlichkeiten von Roof Music  sitzen Romy Schmidt, die Theaterleiterin des PRINZREGENTTHEATERS, und Felix Nisblé, Master-Student und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Populäre Musik.

 

Romy Schmidt – In Bochum der Heimat wegen

Romy Schmidts Lebenslauf weist die klassischen Merkmale des Theaters auf: Viele verschiedene Inszenierungen in vielen verschiedenen Städten bedeuten viele Umzüge. Bregenz (AT), Bamberg, Neubrandenburg, Berlin, Stuttgart und eben Bochum. Angefangen in der Regie leitet sie dort nun seit einem Jahr das PRINZREGENTTHEATER. Mit Bochum fand sie eine Stadt, die ihr Arbeitsplatz und Heimat bietet. „Hier ist ein Ort, an dem ich arbeiten und leben kann. Das ist in meinem Beruf als Regisseurin quasi unmöglich.“ Auch umgekehrt zehrt die Stadt von Romys Kompetenzen. In ihrer ersten Spielzeit lockt die neue Chefin 40 % mehr Publikum und auch die Altersstruktur habe sich geändert. Viel mehr jüngeres Publikum komme nun zu den Vorstellungen, Künstlergesprächen und Partys. Der Ort hat sich durch sie gewandelt. Heute ist das PRINZREGENTTHEATER weniger ein klassisches Theater als Begegnungsstätte und Schauplatz des kreativen Austauschs. Auch beim Umbau der Prinzbar  lag Romys Fokus auf Dingen, die zunächst untypisch für ein Theater erscheinen: „Das Erste für mich, als die Prinzbar umgebaut wurde, war eine gute Anlage. Was nicht ganz einfach war, weil man immer einen Verwendungsnachweis ablegen muss und das Land dann fragt, wieso der so teuer sein muss.“ Doch wer Musiker einladen möchte, braucht eine gute Anlage. „Die Prinzbar kann und will mehr als reingehen, Sektchen trinken und weitergehen.“ So stand schon beim ersten Aufeinandertreffen bei der Eröffnung der Zeche 1  zwischen ihr und Hans Nieswandt - dem künstlerischen Leiter des Instituts für Populäre Musik - die Frage im Raum, wie beide Institutionen gemeinsam agieren können. Als Ergebnis finden beispielsweise die regelmäßigen Artist Talks des anliegenden Instituts in eben dieser Bar statt. Genau wie der des Kalakuta Soul Workshops mit Mike Huckaby, dessen Initiator Guy ist.

 

Guy Dermosessian – In Bochum der Chancen wegen

Guy Dermosessian kommt ursprünglich aus Beirut und lebt seit 12 Jahren in Deutschland, davon zehn in Bochum. Die Wahl, in welcher Stadt er leben möchte, wurde ihm damals nicht gelassen, allerdings ist er im Nachhinein froh, im Ruhrgebiet gelandet zu sein. In Beirut mangelte es ihm an Chancen. Mit Bochum hat er den einzigen Ort in Deutschland gefunden, der ihm den Nährboden bietet, den er braucht. Umso mehr erfreut er sich heute an einer Szene, an der er nicht nur teilnehmen sondern sie auch mitgestaltet kann: „Mir ist noch keine Stadt oder kein Zusammenhang begegnet, in dem so viel möglich ist. Das, was wir machen, wie wir es machen, die Räume, in denen wir es machen, die Netzwerke, die wir haben, und oben drauf die Unterstützung, die wir von Stadt und Institutionen bekommen, ist einmalig. Woanders hast du mal Raummangel, mal Ressourcenmangel oder Geldmangel. Ich will nicht sagen, dass das hier das Schlaraffenland ist, aber es gibt hier noch genug Türen, an die man klopfen kann. Das ist eine gute Basis für mich, das zu machen, was ich machen will.“

Er ist begeistert von dem alten Zechengelände. Ehemals einer der wichtigsten musikalischen Spots des Ruhrgebiets, ist es seit langer Zeit eher bekannt für Partys ab 30. Erst seit einigen Jahren erobern das Institut, das Theater, die neu eröffnete Zeche 1 und Roof Music das Viertel für sich zurück. Dies geschieht zum einen über gutes Programm, zum anderen aber auch über den direkten Kontakt. So bietet die Wohnküche  demnächst an drei Tagen Gerichte für jeden, der Hunger hat. Angefangen haben sie mit einem Tag in der Woche. Solche Initiativen schaffen den Kontakt zu Anwohnern und fördern den Austausch. Das hilft dabei, den Anwohnern Bochums die Projekte näher zu bringen, aber auch umgekehrt, wie Romy erzählt: „Ich mache Theater in einer Stadt für die Leute in dieser Stadt und dafür muss ich wissen: Wer sind diese Leute? Das heißt nicht, dass ich meine Arbeit künstlerisch anpasse. Ich mache schon das, was ich will, und offensichtlich kommt das auch ganz gut an – aber ich versuche auch die Leute mitzunehmen.“ Laut Romy, Felix und Guy sind die drei Geheimnisse des Erfolgs: „Nähe, Offenheit und Kommunikation.“ Für Guy funktioniert das im Viertel aber auch darüber hinaus: „Die Leute, die hier leben - und das sind nicht viele - haben diesen Ort für sich entdeckt, als Ort, an dem sie mit neuen Sachen konfrontiert werden können. Aber was gerade passiert, ist, dass mittlerweile Leute, die in den letzten zehn Jahren nicht wussten, dass hinter dem Schauspiel noch was kommt, für die Bochum dahinter einfach zu Ende war, mittlerweile wissen, dass es dort ein Quartier gibt, in dem etwas passiert. Keine Disco abseits der Stadt sondern einfach ein Ort, an dem sie Sachen erfahren, für die es keine andere Quelle in der Stadt und auch darüber hinaus gibt.“

So auch die Veranstaltung mit Mike Huckaby, die einen nennenswerten Erfolg verzeichnet. Die Workshops wurden gut angenommen und zwar von Menschen aus Bochum, aber auch aus Essen, Mülheim, Köln und Düsseldorf. „Die hatten auf einmal alle Platten dabei. Kamen alle an, gerade 20 und schon eine Platte herausgebracht“, erzählt Felix begeistert. Er hat auch das Seminar am Vortag geleitet, welches sich mit der Detroit-Techno-Szene auseinandersetzte. Eigentlich war der darauf aufbauende Workshop mit Mike nur auf zwei Stunden ausgelegt, jedoch waren die Besucher so im Thema, dass er von 14 Uhr bis 19 Uhr stattfand. „Hätte Mike nicht einen riesen Hunger gehabt, säßen wir heute noch da“, erzählt Guy grinsend. Als Abschluss der „Detroit–Techno-Woche“, wie sie das Institut nannte, gab es noch einen Artist Talk mit Mike Huckaby auf der Bühne des PRINZREGENTTHEATERs und eine anschließende Party.

Doch Veranstaltungen wie diese sind mehr als sie auf den ersten Blick scheinen. Sie sind interdisziplinäre Zusammenschlüsse, eine Aufwertung des kulturellen Bildes einer Region und ein wertvoller Schritt nach vorn. Felix drückt es so aus: „Es sind Motoren wie die beiden oder Hans Nieswandt, die eine Vision haben und ständig hinterher sind, die Sachen nach vorne zu bringen. Auch wenn mal keiner kommt, lassen sie sich davon nicht unterkriegen. Es ist ein beständiger Mut, an etwas zu glauben. Es dauert immer, ein Publikum aufzubauen und die Leute dafür zu sensibilisieren, was passiert.“ Das funktioniert nicht ohne „eine Mischung aus einem mutigen Publikum, einem Konzept, was man über die erste Spielzeit aufbaut, dass man 14 Stunden wie ein Wahnsinniger über das Theater spricht oder über eure Musik sowie viel Werbung und viel Öffentlichkeitsarbeit an der Basis“, ergänzt Romy. Jedoch kann die beste PR im Bereich Kultur nichts bewirken, wenn es an der Einstellung mangelt, schließt Guy ab: „Es ist außerdem wichtig, eine Haltung zu entwickeln, die zeigt, dass eine Institution für etwas steht.“ Dieser Mut und diese Haltung aber auch das Publikum sind es, die langfristig Dinge bewegen können. Sei es das Zusammenbringen von MusikerInnen oder aber die Ausrichtung der städtischen Infrastruktur nach den kulturellen Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger.

 

Text: Jan Kempinski