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Kreative Köpfe: Die Initiative "Wir sind Nachbarn" im VierViertel

Neue Kreative Köpfe im Essener Norden: "Wir sind Nachbarn" – Sophie Gnest & Maren Precht

Sophie (links) & Maren (rechts) © ecce

Sophie Gnest & Maren Precht haben im Essener Norden das VierViertel mitgegründet. Für ihr Projekt "Wir sind Nachbarn" erhielten die beiden jungen Designerinnen eine Landesförderung im Rahmen des Pilotprogramms "Individuelle KünstlerInnen-Förderung" (IKF).

ecce – Wie ist die Initiative "Wir sind Nachbarn" zustande gekommen?

Maren: Ganz am Anfang ging es uns darum, Arbeitsräume und eine Ateliersituation zu schaffen, und zwar in dem Stadtteil an dem wir nah sind. Sophie und ich haben uns gemeinsam darüber ausgetaucht. Und dann sind wir ganz schnell zu dem Punkt gekommen, dass wir mit Nachbarn gemeinsam etwas gestalten wollen. Es fing also mit Designobjekten an, beispielsweise Leuchten. So ist das Projekt entstanden.
Sophie: Wir arbeiten sehr prozessorientiert und haben schnell festgestellt, dass es viel spannender ist, wenn die Nachbarn zu uns kommen, und wir schauen: Was interessiert die Nachbarn, was interessiert uns, wo gibt es da Gemeinsamkeiten und Schnittstellen. Dabei ist es völlig egal wo die Person herkommt, etwa welches Alter. Es ist unglaublich interessant zu erfahren, was die Menschen bewegt, die sich vielleicht nicht so intensiv mit Kunst oder Design auseinandersetzen und trotzdem sehr kreativ in ihrem Leben sind – obwohl sie es gar nicht so wahrnehmen. Dieses „eigentlich bin ich nicht kreativ“ brechen wir auf, indem wir mit den Menschen zusammen ein Projekt erarbeiten. Und es danach für die anderen Nachbarn sichtbar machen.

 

ecce – Ihr kommt Beide aus dem Bereich Design. Was ist Euer Schwerpunkt?

Maren: Wir haben beide einen Studienabschluss in Design: Sophie in Mediendesign, ich in Produktdesign. Und wir sind beide sehr interessiert an der teilhabenden Gestaltung. Das heißt, dass man nicht für eine Zielgruppe, sondern mit einer Zielgruppe gestaltet. Und das ist ein sehr neuer Bereich. Was es da für Unterschiede gibt, wie man sie vereinbaren kann und wie diese Gestaltungsform zu einer nachhaltigen Gesellschaft beitragen kann, das interessiert uns.

 

ecce – Eure Initiative geht weit über das klassische Produktdesign hinaus: Es sind ja soziale Prozesse, die mitbegleitet und -gestaltet werden?

Sophie: Genau. Wir verfahren unabhängig von der Disziplin und schauen, was die Person mitbringt. Wenn wir einen Bereich nicht so gut beherrschen, holen wir jemanden ins Boot. Deswegen ist uns die Arbeit im Netzwerk wichtig. Einerseits mit den Nachbarn, aber andererseits mit Künstlern, Kreativen, Sozialarbeitern, Soziologen oder Tänzern, die dann im Viertel tätig werden. Maren: So schaffen wir Situationen, in denen sehr unterschiedliche Menschen einander begegnen. Um trotzdem festzustellen: Diese Menschen haben irgendwie Gemeinsamkeiten. Darauf bauen wir auf. Wir sehen uns als diejenigen, die an der Basis arbeiten, also den Zugang zu den Nachbarn haben, und sie wiederum vernetzen können – beispielsweise mit Institutionen, Unternehmen oder Kreativschaffenden.

 

ecce – Wie hat sich das Vorhaben seit den Anfängen als Studentenprojekt weiterentwickelt?

Sophie: Wir sind immer noch ein Heterotopia-Programm von der Folkwang Universität der Künste. Letztes Semester haben wir einen Folkwang-Lab initiiert und einen Studierendenkurs bei uns im vierviertel stattfinden lassen. Das hat sich jetzt so weiter entwickelt, dass wir nach weiteren Formaten suchen. Wie können wir finanziell auf die Beine kommen, mit wem können wir kooperieren, an welche Institutionen könnte man andocken… Da sind wir gerade in der Findungsphase.

Maren: Gleichzeitig wollen wir unserer Verantwortung gegenüber der Nachbarschaft nachkommen. Weil wir merken: Dadurch, Dass sich viele Nachbarn ernst genommen fühlen, haben sie ein stärkeres Selbstbewusstsein und trauen sich mehr zu. So bewirbt sich einer bei einem Literaturwettbewerb, obwohl er gar keine Erfahrung in dem Bereich hat und auch nicht in dieser Richtung studiert hat, bzw. kein Abitur hat. Dadurch, dass sie bei unseren Veranstaltungen mitgemacht haben, identifizieren sich die Menschen mit unserem Projekt. Gestern bekam ich eine Rückmeldung von einer Folkwang-Studentin, die bei unserem Kurs war. Jetzt überträgt sie das auf ihre Nachbarschaft; begeistert berichtete sie: „ich kann etwas in meiner Nachbarschaft machen und ein Wir-Gefühl entstehen lassen“. Nun überlegen sie gemeinsam mit den Anwohnern, ob sie nicht eine Art Maskottchen brauchen – vielleicht das Haustier vom Nachbarn. Daraus könnte ein Logo entstehen, als Kommunikationsstart für ungezwungene Unterhaltung.

 

ecce – Wie bringt und hält man die Menschen zusammen, wie wichtig ist das für Euch?

Sophie: Es ist wichtig, dass man sich wieder mehr mit seiner Umgebung identifiziert. In Dorfgemeinschaften ist es so, dass man sich untereinander kennt, dass ein gewisses Vertrauen ist oder man die lokalen Händler unterstützt zum Beispiel. In der Stadt ist es immer schwieriger geworden, überhaupt seine Nachbarn zu kennen und das auch wertzuschätzen, dass da eine Gemeinschaft wieder entsteht. Und auch Orte zu schaffen, wo gemeinschaftliches stattfinden kann. Es gibt immer mehr Orte, da kann man sich nicht mehr treffen oder da treffen sich nur bestimmte Menschen…

Maren: …die immer zur gleichen Zeit kommen und den gleichen Rhythmus haben. Und das wollen wir durchbrechen. Mit dem Vierviertel wollen wir einen Ort für die Gemeinschaft etablieren.

 

ecce – In der Essener Nordstadt blühen kreative Initiativen auf. Für Euch bestimmt von Vorteil?

Maren: Wir sind leider so ein bisschen außerhalb vom Kreativ.Quartier Essen.City-Nord. Das ist direkt daneben. Das Elting-Viertel ist fast ein eigener Stadtteil. Aber wir sind dabei zu schauen, wo es Schnittpunkte gibt und wo wir von anderen Initiativen lernen können.

 

ecce – Wie geht’s für Euch weiter – auch im Hinblick auf Berufsperspektiven nach dem Studienabschluss?

Sophie: Das ist gerade tatsächlich das große Thema. Weil wir gesehen haben: Da wir so viele Schnittmengen haben, werden wir entweder als Gestalter oder als Sozialarbeiter gesehen. Wir versuchen uns so auszurichten, dass wir unsere Kompetenzen als ein neues Berufsprofil darstellen. So würden wir langfristig vielleicht an bestehende Institutionen andocken.

 

ecce – Sind das also Berufsprofile die es noch nicht gibt, etwa die des Social Designers?

Maren: Es gibt inzwischen Studiengänge in diesem Bereich. Aber es ist noch nicht klar, wie die Ausrichtung ist. Die Überlegung: wie kann man nachhaltiger gestalten, ist öfters auf Ökologie bezogen. Wir sehen das als einen sehr ganzheitlichen Prozess. Wenn die Menschen sich untereinander besser verstehen und eine Gemeinschaft entsteht, ist das schon nachhaltig.

Sophie: Unsere Überzeugung dabei ist: Neue globale Herausforderungen erfordern neue lokale Lösungen.