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"Jeder Mensch ist ein Künstler" - Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Ullrich

Mitte der 1960er Jahre prägte der Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner und Professor an der Kunstakademie Düsseldorf Joseph Beuys einen Satz, der die Künstlerriege und viele andere noch Jahrzehnte beschäftigen sollte: "Jeder Mensch ist ein Künstler." Im Laufe der Jahrzehnte wurde dieser Satz – der in seinem Kern Hierarchien abbauen und Menschen dabei helfen sollte, sich zu emanzipieren – auseinandergenommen, neu zusammengebaut, seines Zwecks entfremdet und ins Gegenteil verkehrt. Zur selben Zeit in der dieses Zitat entstanden ist, wurde auch Prof. Dr. Wolfgang Ullrich geboren. Er ist Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler sowie Gastprofessor an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg. Der Autor einer Vielzahl kunsthistorischer Bücher wurde im Rahmen von "Emerging Artists – Das Festival für zeitgenössische Kunst aus Dortmund" eingeladen, um im Dortmunder Veranstaltungsraum "Space – the black frame" nach einem halben Jahrhundert Bilanz zu ziehen.

© Zimmermann & Zeitheim

Am 25. Oktober 2017 befasste sich Prof. Dr. Wolfgang Ullrich während seines Vortrags im Zuge des Festivals Emerging Artists Dortmund mit der Diskussion um Beuys' wohl berühmtesten Satz "Jeder Mensch ist ein Künstler". Rund 30 BesucherInnen fanden sich dazu im Veranstaltungsraum "Space – the black frame", welcher bis auf den letzten Platz belegt war, ein. Aufmerksam lauschte das Publikum, welches sich aus StudentInnen ebenso zusammensetzte, wie aus KünstlerInnen und Interessierten jeden Alters, dem einstündigen Vortrag. Vielleicht war es diese heterogene Mischung, die den anschließenden Diskurs befeuerte.

Dass jeder Mensch ein Künstler sei, ist eine schöne wie romantische Vorstellung. Geprägt wurde sie durch Joseph Beuys, welcher in den 1960er Jahren diesen berühmten Satz in die Welt hinausstieß. Was jedoch auf Beuys' Satz folgte, war vermutlich nicht in seinem Sinne: Der Künstler wollte Hierarchien zwischen dem arbeitenden Volk und den KünstlerInnen bekämpfen. Seine Intention war es, dass Menschen sich emanzipieren und zwar nicht nur im eigenen Umfeld, sondern auch von Gott. Denn bislang haben sich KünstlerInnen eher als Gefäße des Herren definiert, als Gnadenempfänger, die ihre Kreativität von Gott speisten und eher als Werkzeug dienten. Doch für Beuys war der Mensch ein Ebenbild Gottes und damit kein Empfänger, sondern selbst Schöpfer, oder genauer: Kreator. Daher entwickelte er folgende Gleichung: "Kunst = Mensch = Kreativität = Freiheit". Seine Intention war es demnach, Menschen zu ermutigen, selbst zu erschaffen und das im vollen Bewusstsein ihrer selbst. Ihm ging es dabei allerdings nicht um klassisch definierte Kunst; nach seiner Definition ist ein Gemälde anzufertigen ebenso kreativ wie eine Kartoffel zu schälen. Im Laufe der folgenden fünf Jahrzehnte musste sich jedoch die Frage gestellt werden, was die Folge dieser Ideologie war. Eine Frage, die bis heute eine anhaltende Kontroverse antreibt.

Um die Diskussion um Beuys' These von allen Seiten zu beleuchten, zitierte Prof. Dr. Wolfang Ullrich aus verschiedenen Büchern der letzten fünf Jahrzehnte. Als Einstieg nannter er den ersten Satz aus Andreas Reckwitz Buch "Die Erfindung der Kreativität – Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung": "Wenn es einen Wunsch gibt, der innerhalb der Gegenwartskultur die Grenzen des Verstehbaren sprengt, dann wäre es der, nicht kreativ sein zu wollen. Das gilt für Individuen ebenso wie für Institutionen." Ullrich schlüsselte weiter auf, dass Kreativität erstens etwas sei, "was jeder hat, zweitens was jeder haben sollte, drittens, etwas wovon man nicht genug haben kann" und viertens etwas, was man durch Training steigern könne. Damit leitete er zielgerichtet zum Thema der Ökonomisierung der Kunst und dem daraus resultierenden sozialen Druck über. Dadurch, dass Beuys den Begriff der Kunst bewusst weit gefasst hat, eröffnete er laut vieler Kritiker der Wirtschaft Tür und Tor. Die Folge seien in Ullrichs Beispiel Tees und Parfüms, die die Inspiration fördern, aber auch die Kreativwirtschaft, deren Begrifflichkeit den sprichwörtlichen Nagel bereits auf den Kopf trifft. Kreativität gelte als Reflex auf eine ökonomische Notwendigkeit – selbst die stupidesten Berufe würden mit einer kreativen Herausforderung umschrieben und ließen somit die Kreativität zur Ressource werden. Der Wunsch nach Kunst und Kreativität steige soweit an, dass sich KonsumentInnen von Kunst durch den Kauf eine Inspiration für sich selbst versprächen. Die Folge sei nicht nur ein prosperierender Kunstmarkt, sondern die absurde Vorstellung, dass KünstlerInnen Dienstleister sind.

Prof. Dr. Ullrich brachte seine Thesen und die anderer Kunsthistoriker – auch für Laien verständlich – auf den Punkt und nach einer guten Stunde konnten wohl alle BesucherInnen etwas aus dem Vortrag mitnehmen. Die darauffolgende Diskussion brauchte zwar ein paar Minuten, um in Gang zu kommen, doch einmal losgelöst, brach eine Debatte aus, die zwischenzeitlich an Lautstärke gewann. Nicht nur über Beuys' These, sondern auch deren Folgen und die vermeintliche Notwendigkeit des Kunstbetriebs – schon wieder so ein Wort, welches Kunst und Ökonomie vereint – wurden angeregt diskutiert. Jedoch stand weniger das Finden einer Antwort im Fokus – sofern es eine solche überhaupt gibt – als vielmehr der Zugewinn neuer Aspekte dieser doch sehr großen Frage.

Zwar trat Joseph Beuys vor seinem Tod offiziell aus der Kunst aus, aber eine derartige Diskussion, wie sie an diesem Abend geführt wurde, wäre vermutlich nach seinem Geschmack gewesen.

Text: Jan Kempinski