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INTERVIEW: Prof. Dr. Dirk Baecker, Lehrstuhlinhaber für Kulturtheorie und Management, Universität Witten/Herdecke, #FER17 Referent

Vom Verlust vernunft-basierter Gewissheiten hin zu Interaktionen mit intelligenten Maschinen und gesellschaftsoffenen Handlungsstrategien bei post-genialen KünstlerInnen: In einer komplexen Welt muss Kultur neu betrachtet werden.

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ecce – Die Kulturkonferenz #FER17 befasst sich mit dem Thema „Kultur 360°“. Wozu Kultur? Darüber kann man Bücher schreiben, und das haben Sie. Kann Kultur heute alles? Was kann Kultur für Sie? Und etwas normativer: Was sollte Kultur alles können?


In der Tat muss man weit ausholen und findet trotzdem keine eindeutige Antwort. Kultur kann alles und Kultur kann nichts. Je nachdem, was man unter Kultur versteht. Ich glaube, es wäre sinnvoll für unser Gespräch zu sagen: Unter Kultur versteht man jede Art von Verständigung auf Lebensverhältnisse, in bestimmten Regionen und in der Auseinandersetzung mit anderen Regionen. Denn Kultur heißt immer auch Kulturvergleich: Was war früher, was bringt die Zukunft? Was machen die anderen anders, was macht man selbst besser? Dieser Vergleich kann politische, wirtschaftliche und auch ästhetische Dimensionen haben. Deswegen hat Kultur etwas mit Kunst zu tun, ohne mit ihr identisch zu sein. In der Kunst überprüft der Mensch sein sensomotorisches Verhältnis zur Welt. Und dies wiederum ist ein Produkt seiner Lebensverhältnisse. Im einfachsten Fall feiert die Kunst diese Verhältnisse, im schon schwierigeren Fall kritisiert sie diese. Im Theater erleben wir, was wir mit unseren Körpern und Stimmen machen. Im Museum überprüfen wir, was man mit Formen und Farben machen kann, die wir so im Alltag nicht kennen. In der Literatur erleben wir Geschichten, deren Verlauf man fast mit dem verwechseln kann, was wir aus unserem Leben auch kennen. Minimale Verschiebungen gegenüber dem Selbstverständlichen: So werden wir unserer Kultur gewahr, ohne dies notwendigerweise auch denken, das heißt verstehen zu müssen. Vor dem Hintergrund dieses ebenso ethnologischen wie ästhetischen Kulturbegriffs besteht die Wirksamkeit einer Kultur darin, sich wundern zu können, Skepsis zu mobilisieren, nicht nur Ja, sondern auch Nein zu den vertrauten Lebensverhältnissen sagen zu können. Das gilt ja nicht zuletzt im Ruhrgebiet, dass wir es aus historischen Gründen, aus Gründen der Ökologisierung, der Globalisierung und der Digitalisierung mit einer Kultur zu tun haben, zu der wir Ja und Nein zugleich sagen. Die jeweils neueste Technologie verspricht, uns aus dieser Ambivalenz zu befreien. Die Kunst hält diese Ambivalenz für einen guten, manchmal sogar schönen Moment fest.

 
ecce – Eine Ruhrgebietskultur in diesem Sinne bliebe noch zu erforschen. Jedenfalls sind die Erwartungen an Kultur hoch – im Ruhrgebiet oder aber in anderen europäischen Regionen. Und daher wäre die Frage, ob man sich nicht übernimmt, wenn man eine 360°-Wirkung von Kultur erwartet; sei es in wirtschaftlicher Hinsicht oder in ideeller, identitätsstiftender, Standort-faktorieller Hinsicht.


Die Kultur ist sicherlich kein Hebel mit dem man alles andere, Politik und Wirtschaft und Erziehung und Wissenschaft und Recht und Tourismus, in Bewegung setzen könnte. Aber die Kultur ist eine Art Indikator, eine Art Sensor, an dem man erkennen kann, wie zufrieden eine Region mit sich ist und wie beweglich die Leute sind, die Kultur machen. Ich glaube es ist fast interessanter, dass es jemand wie Kay Voges in Dortmund gibt, der eine andere Art von Theater veranstaltet, als unbedingt zu wissen, was er da bewirkt. Wenn man von der Ruhrgebietskultur spricht (und ich wüsste auch nicht worin sie besteht), dann sagt man: Schaut mal. Da gibt es Leute, die sich in dieser dynamischen Bewegung befinden. Mit Themen, die sowohl etwas mit Zukunft, Gegenwart oder Industrie wie auch mit Lebensverhältnissen zu tun haben.

ecce – Sie beschäftigen sich mit dem Phänomen der Digitalisierung. Wie verändert sich Kultur im digitalen Zeitalter?


Die Antwort auf Ihre Frage hängt primär davon ab, welchen Begriff man von Phänomenen der Digitalisierung hat. In den Sozial- und Kulturwissenschaften gibt es eine Tendenz im Anschluss an Marshall McLuhan, die Digitalisierung mit dem Ende der Gutenberg-Galaxis gleichzusetzen. Dann gibt es eine Kultur der modernen Buchdruckgesellschaft, eine Kultur der Aufklärung, der Vernunft, des autonomen Individuums, aber auch der Revolutionen, Katastrophen und historischen Unfälle. Und man fragt sich, ob diese Kultur, die bestimmte Konsequenzen der Erfindung des Buchdrucks aufgefangen hat – jeder hat gelesen, jeder kann jeden kritisieren –, auch die Kultur der Turing-Galaxis – der Computergesellschaft sein kann. Was taugen die Aufklärung, die Vernunft, das autonome Individuum in Zeiten einer Vernetzung in Lichtgeschwindigkeit, enormer Datenspeicher und in ihren Operationen unverständlichen Algorithmen? Soziologen haben den Eindruck, dass die zum Beispiel von Max Weber und Niklas Luhmann beschriebene funktionale Differenzierung der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft, Recht und Religion, Kunst und Wissenschaft obsolet und hybride Netzwerke an ihre Stelle treten. Soziologen haben auch den Eindruck, dass die Kultur der Autonomie einer Kultur der Komplexität weicht, in der alles – Organismus, Gehirn, Bewusstsein, Kommunikation – auf undurchschaubare Weise von anderem abhängig ist und nicht etwa trotzdem, sondern deswegen funktioniert. Das autonome Individuum kauft sich eine Apple Watch – und entdeckt körperliche Funktionen und Stimmungen auf der einen Seite und registrierende, protokollierende Rechner auf der anderen Seite, zwischen denen es nur mit Mühe noch die Kraft aufbringt, "Ich" zu sagen und zu wissen, wer damit gemeint ist. Man kann das sehr gut im Theater beobachten. Hier dominiert nicht mehr das sprechende, in die Knoten seines Schicksals mehr oder minder ohnmächtig verstrickte Individuum, sondern, denkt man an die Performance-Kunst, der seiner selbst nicht mächtige Körper, die in analogen und digitalen Medien nur noch verteilt aufzufindende Kreativität eines Willens, eines Verstehens, einer Entscheidung. An die Stelle der Auseinandersetzung unter Menschen tritt die Auseinandersetzung mit Maschinen, mit digitalen Oberflächen, mit Spiegelungen, von denen man nicht weiß, wer welche Spiegel aufgestellt hat. Das Individuum fängt an zu stottern, zu stammeln, weil es nicht mehr weiß, was ihm und was den Sensoren seiner Umgebung zuzurechnen ist. Die Kultur der Digitalisierung ist eine Kultur, in der wir nicht nur eine eigensinnige, künstlich intelligente Technologie, sondern auch ein komplexes Gehirn, einen komplexen Organismus und komplexe Lebensverhältnisse entdecken, die uns staunen lassen, weil sie funktionieren, ohne dass wir sie verstehen. Das konnte man sich in der Moderne noch nicht vorstellen. Aufklärung hieß, irgendwann alles verstehen zu können. Das hat zwar schon die Romantik nicht mehr geglaubt, aber erst wir wissen, dass es unmöglich ist, alles zu verstehen. Und wir fangen an, uns genau damit einzurichten.

ecce – Kann man gleichzeitig Digitalisierung als die neue Verdichtungsform fassen?


Ja, wenn "Verdichtung" heißt, dass man an Ideen arbeitet, die das Vielfältige, das Komplexe zusammenfassen, so wie die Ideen der Vernunft die Moderne zusammengefasst haben, dann ist Digitalisierung selbst eine Form der Kultur. Aber ich wäre da vorsichtig. Ich habe den Eindruck, mit dem Stichwort der Digitalisierung wird sowohl das Gefühl der Bedrohung durch Technologie als auch die Hoffnung darauf, dass die Technologie es schon richten wird, kontinuiert. Das würde mir nicht genügen. Es geht um einen neuen Typ von Maschinen, um sogenannte nicht-triviale Maschinen, die weder unausweichlich noch rettend sind, sondern von uns gestaltet werden müssen, während sie längst angefangen haben, uns zu gestalten. Das Stichwort der Digitalisierung formuliert die Herausforderung, auf die "Komplexität" die Antwort ist. Und "Komplexität" heißt, dass wir es uns nicht mehr leisten können, daran zu glauben, dass Technik, Natur, Leben, Geist und Gesellschaft vernünftig, rational getrennte Bereiche sind, sondern anfangen müssen, zu begreifen, dass sie auf unerfindliche Weise verwoben sind. Das hat nichts mit Mystik zu tun. Es ist ein neues Verständnis bislang übersehener Funktionalitäten zwischen diesen Bereichen. Und das ist keine Einsicht von heute. Die Lebensphilosophie von Nietzsche und Simmel hatte ähnliche Vorstellungen. Und die Kybernetik der 1940er Jahre begann damit, die scharfe Trennung zwischen Geist und Natur aufzuheben und jene Artefakte in den Blickpunkt zu rücken, mit denen wir unsere eigene Welt gestalten, uns also von uns selbst abhängig machen.

ecce — es ist fast paradox. Denn ausgerechnet im Zuge der Digitalisierung zeichnet sich eine leichtere, zugänglichere und geradezu spielerische Kultur aus. Gleichzeitig erfordert dieses Phänomen eine viel komplexere Kulturanalyse.


Ja, genau. Dort, wo die größten Erleichterungen locken, gilt es, ganz genau hinzuschauen.

ecce – Sie schreiben über post-heroisches Management. Gibt es, analog dazu, so etwas wie post-geniales Künstlertum?


Ja, sicher, der post-geniale Künstler ist derjenige Künstler, der nicht mehr an die Kraft der einzigartigen Expression – von innen heraus – glaubt, sondern an findige Irritationen der Wirklichkeit, die in der Wirklichkeit selber stecken und nur darauf warten, herausgearbeitet zu werden. Man könnte fast sagen, der post-geniale Künstler ist ein Diener der Verhältnisse, allerdings ein Diener dieser Verhältnisse gegen die Verhältnisse. Es geht nicht mehr um die Mimesis des Schönen oder die Affirmation des Guten, sondern um den Wirbel, die minimale Störung, die fast unmerkliche Verrückung. Genial ist die Wirklichkeit, nicht der Künstler.

ecce – Was erwartet uns bei Ihrem Beitrag auf der diesjährigen Kulturkonferenz Forum Europe Ruhr?


Ich würde gerne den kürzlich verstorbenen Literaturwissenschaftler und Philosophen Werner Hamacher zitieren, der gesagt hat: "It is always the other who has culture – if indeed culture can be had." Ich weiß noch nicht, ob ich daran anknüpfen kann. Aber vom anderen her zu denken, finde ich wichtig. Kultur ist daher ein Unternehmen der Herstellung und Veränderung unserer Lebensverhältnisse, eine Frage unserer Verantwortung.

 

 

Die Fragen stellte Aude Bertrand-Höttcke

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