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„Hallenbad“ in Wanne – Die Stadt der tausend Feuer neu entfacht

Wanne ist ein Stadtteil von Herne, der überraschend viel zu bieten hat. Da es im Krieg weitestgehend verschont blieb, findet sich hier eine Vielzahlt an wunderschönen Gebäuden. Trotzdem ist die Innenstadt leer. Gründe dafür könnten sein, dass immer mehr junge Leute wegziehen und es keine Universität in der Stadt gibt. Doch die Einwohner von Wanne sträuben sich gegen diese Entwicklung. Sie versuchen ihr kulturell entgegen zu wirken. Einige Hoffnungen ruhen auf einem neuen Projekt: dem Hallenbad. Ein kleines Ladenlokal, welches Atelier, Büroraum und Gründerhilfe zugleich sein soll. Es könnte ein neuer Start zu einer kulturellen Identität werden.

 

Hallenbadschild "Hallenbad" in Wanne
Hallenbadschild über dem Eingang © Marcel Maffei/ecce

 

Vermutlich werden die meisten, die nicht in Herne wohnen, die Stadt vor allem durch die Cranger-Kirmes kennen. Noch weniger Bezug herrscht zu Wanne-Eickel. Früher mal ein kultureller Hotspot im Ruhrgebiet, ist die Stadt der tausend Feuer nahezu erloschen. Dabei hat Wanne viele überraschende Schätze zu bieten. So führt der Weg vom - zugeben nicht sonderlich schönen –Bahnhof in die Innenstadt durch einen umso schöneren Park, welcher sich entlang der Altbaufassaden zieht. Wenige Gehminuten trennt er Bahnhof und Innenstadt voneinander. Zwar ist hier viel Leerstand zu finden, doch können die leerstehenden Häuser durchaus als Blickfänge bezeichnet werden. Ein teils skurriler Mix der Jahrzehnte mit einem großen Anteil an Immobilien, für die Studenten anderer Orts morden würden. Barocke Fassaden, hohe Decken, verwinkelte Gassen prägen das Bild der Fußgängerzone. Die ehemals blühende Innenstadt ist mittlerweile jedoch fast durchgehend von Gastronomien und Spielhallen sowie einer neuen KIK Filiale belegt. Das typische letzte Zucken von sterbenden Einkaufspassagen. Doch die Einwohner von Wanne sind nicht bereit, ihr Zuhause so einfach aufzugeben. Um für sich selbst und andere diesen Ort lebenswerter zu machen, starteten sie 2013 das Projekt KHAUS, in dessen Verlauf ein altes Kaufhaus belebt werden sollte. KünstlerInnen verschiedener Fassons sollten hier einziehen, tätig sein und das Quartier beleben. Das Projekt scheiterte schließlich aus verschiedenen Gründen. Nun starten die KünstlerInnen, die Wirtschaftsförderung sowie das Quartiersmanagment nur wenige Meter vom KHAUS entfernt einen neuen Versuch: das Hallenbad. Ein kleines Ladenlokal, welches Atelier, Büroraum und Gründerhilfe zugleich sein soll. Das kleine Ladenlokal weckt viele neue Hoffnungen, viele Wünsche und Sehnsüchte, von vielen verschiedenen Menschen.

 

 

Stefanie Thomczyk ist Geschäftsführerin von Go Between, einer Full Service Agentur, und als Quartiersmanagerin für den Aufbau des Kreativ.Quartier Wanne mitzuständig. Sie ist eine quirlige Persönlichkeit, aber eine von der Sorte, die, sobald sie eine Idee hat, ihre ganze, nicht enden wollende Energie hineinsteckt. Bereits das KHAUS hat sie organisatorisch unterstützt und ist nun eine der Initiatorinnen des neuen Ladenlokals. Ein wenig trauert sie dem Großprojekt hinterher, hat aber auch kritische Schlüsse daraus gezogen: „Die Sache mit dem KHAUS war, dass wir es nicht geschafft haben, mit dem Vermieter Preise auszuhandeln, zu denen die Kreative hätten einziehen können. Dazu kommt, dass der neue Vermieter leider eine neue Ausrichtung hat. Da wir aber so viel Vorarbeit geleistet haben und die Fußstapfen quasi schon da waren, dachten wir, wir machen stattdessen ein dezentrales Konzept. Wir fangen mit einem kleinen Ladenlokal an und binden vor allem Wanner Künstler ein. Das ist uns ganz wichtig.“

Stefanie Thomczyk, Geschäftsführerin "Go Between"

 

Nun flattert über dem neuen Ladenlokal in der Heinestraße 1 ein Banner, auf ihm das Foto vom, aus LED-Röhren geformten, Hallenbad-Schriftzug. Ein Schild, das Stefanie gerne retten möchte, und das ausschlaggebend dafür ist, dass die neue Räumlichkeit nicht wie geplant H1 heißen soll, sondern Hallenbad. „Wir haben hier nicht unweit ein ganz tolles Hallenbad von 1954. Das war damals eines der modernsten Hallenbäder und das steht nun leer“, erzählt sie aufgeregt und ergänzt, „wir als Kreative haben natürlich ein starkes Interesse daran, ein neues Nutzungskonzept für das Hallenbad zu entwickeln, sodass es nicht für Wohnungsbebauung abgerissen wird. Wir finden, man sollte sich mit Kreativen und Stadtplanern zusammensetzen, um einen neuen Nucleus für Wanne zu finden.“ Das Schild wurde ihnen mittlerweile zugesichert, aber auch darüber hinaus beschreibt dieser Ansatz die Herangehensweise ans neue treffend. So will Stefanie zeigen, dass mit Ladenlokalen mehr anzufangen ist als Wettbüros und Pommesbuden. „Die sind zwar sehr beliebt und es ist gut, dass es sie gibt“, gibt sie zu bedenken, aber trotzdem müsse bei der Stadtentwicklung geguckt werden, was für Menschen hier wohnen. Daher ruht auch der Wunsch einen Treffpunkt für Kreative zu schaffen. Im zweiten Schritt geht es dann in die Entwicklung von Ideen, aber auch des liebgewonnenen Stadtteils. „Wir werden den KünstlerInnen Coachings von der Wirtschaftsförderung anbieten und versuchen ihre kreativen Ideen weiterzuentwickeln und schauen, was kann man realistisch damit machen. Außerdem geben wir den Raum als Bürofläche oder Atelierfläche frei, man kann hier also arbeiten, aber auch künstlerisch tätig werden. Wenn hier jemand eine Lesung machen möchte oder ein Konzert, dann soll er rein kommen und den Raum gerne ebenso nutzen.“ Das Angebot des Hallenbads soll dabei kostenlos bleiben – mit einer kleinen Bedingung: „Wenn es kostenlos ist, dann können die Leute uns vielleicht bei unseren Social Media Kanälen helfen oder mit uns kochen. So ein ehrenamtlicher Gemeinschaftsgedanke.“ Der Gemeinschaftsgedanke ist es auch den Stefanie für die Zukunft anstrebt, die vom Hallenbad und von Wanne selbst. „Ich wünsche mir hier ein gemeinsames Wir. Wir haben hier alles: Alt-Wanner, Neu-Wanner, Zugezogene aus aller Herren Länder und ich finde, wir müssen ein gemeinsames Wir hinkriegen und eine Wertschätzung. Darauf aufbauend möchte ich, dass wir gemeinsam feiern und leben, aber auch arbeiten. Dass wir diese Innenstadt gemeinsam beleben.“

 

 

Künstler Alexander Reisenberg

Alexander Reisenberg ist ein Herner Künstler, der auch Möbel anfertigt. Nicht selten nutzt er dafür altes Mobiliar, das er restauriert. Ebenso wie Steffi ist er involviert in die Organisation des Hallenbads und war Mieter des KHAUS. Dort hatte er seine Werkstatt, bis es schloss. Nun zieht er in eine Atelierswohnung nach Wanne-Eickel. Umso mehr setzt er auf das neue Projekt und verspricht sich vor allem neue Bekanntschaften und Inspiration davon. Die erste habe er schon bei der inoffiziellen Eröffnung geschlossen. „Ich würde gerne Messingskulpturen machen und habe mit dem Matthias gesprochen, der Skulpturen aus Wachs macht. Mit dem würde ich mich noch mal auseinandersetzen, weil man die Wachsskulpturen auch gießen lassen kann.“ Das Hallenbad soll aus seiner Sicht dazu führen, dass im Viertel mehr leerstehende Ladenlokale bespielt werden können, um ein Gesamtbild, eine Kunstecke zu etablieren. Es soll jedermann einladen, Kunst näher kennenzulernen oder selbst auszuüben. Alle von acht bis achtzig. „Allerdings war meine Oma auch schon da und die ist über achtzig.“

Gudrun Tierhoff ist die Kulturdezernentin in Herne und beruflich nah am Projekt Hallenbad. Sie ist vertraut mit der Schnittstelle zwischen KünstlerInnen und Wirtschaftsförderung sowie der Entwicklung des Viertels. Auch sie hat aus den Fehlern, die beim KHAUS gemacht wurden, Lehren gezogen. „Das Hallenbad schließt nicht am KHAUS an, sondern ist ein neuer Versuch. Das KHAUS hatte den Ansatz viele Künstler und Künstlerinnen verschiedener Bereiche unter einem Dach zu haben. Der neue Ansatz ist anders und führt niedrigschwelliger zu dem Ergebnis, dass sich hier Leute vernetzen können und weiterentwickeln können, aber auch Menschen, die hier leben, einen anderen Zugang zu Kreativität bekommen. Vielleicht gibt es darauf aufbauend auch noch kleine Satelliten. Es gibt genug Leerstand, den man noch weiter entwickeln kann. „Das hier ist vielleicht der richtige Weg. Hier zu starten, auf einer Ebene, die alle gemeinsam stemmen können. Ich kann mir vorstellen, dass das hier ein Fels wird, an dem man sich trifft. Es könnte eine Art Präsentationsfläche werden für Künstlerinnen und Künstler, so wie es jetzt auch schon passiert.“

Herner Kulturdezernentin Gudrun Tierhoff

 

 

 

 

Frank Dudda, Bürgermeister von Herne

Bürgermeister Frank Dudda hat berufsbedingt einen abwägenden Blick auf die Stadt, aber auch er freut sich sehr über das Projekt und erhofft sich längerfristig eine Art Schneeballeffekt durch den neuen Raum. Er soll Menschen zusammenbringen, die gemeinsam neue Ideen ausarbeiten und umsetzen. „Ich finde es ein schönes Projekt, weil es lässige entspannte Atmosphäre in die Stadt bringt und das kreative Potenzial sichtbar wird. Sodass es nicht mehr ein Potenzial ist, was im Verborgenen schlummert, sondern für den Bürger sichtbar ist und damit Hemmschwellen senkt.“ Er war es auch, der letztendlich dem neuen Hallenbad zum Schild des alten Hallenbads verholfen hat. „Das Hallenbadschild ist natürlich eine spannende Idee. Man könnte denken, hier geht jemand baden, aber das ist natürlich nicht der Gedanke. Im Grunde genommen wird hier gesagt, wir wollen mit dem Element Wasser nach vorne schwimmen und das ist eine schöne Idee.“

Ulrich Syberg ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Ausschusses für Planung und Stadtentwicklung der Stadt Herne. In seiner Tätigkeit im Bereich der Stadtentwicklung sieht er vieles, was in Herne und auch speziell in Wanne passiert. Wenn er durch die Straßen läuft, scheint es so, als ob er zu jedem Bewohner und zu jedem Haus eine Geschichte erzählen könnte. Das Wanner Urgestein wohnt selbst in nächster Nähe zum neuen Hallenbad, daher sieht er das neue Projekt umso positiver. „Gerade in den Innenstädten ist pulsierendes Leben. Wir brauchen keine neue Quartiere außerhalb der Stadtgrenzen erfinden, sondern in den Städten, da wo die Menschen wohnen und wohnen bleiben wollen“, merkt der SPD Politiker an und erinnert sich an den Glanz vergangener Tage.

Ulrich Syberg, ehrenamtlicher Vorsitzender Ausschuss für Planund und Stadtentwicklung Herne

 

„Wir sind ein alter Zechenstandort, früher hieß das die Stadt der tausend Feuer. Hier war immer pulsierendes Leben, aber durch den Wegfall des Bergbaus ist auch das weniger geworden. Jetzt ist die Frage, wie kann man das wieder beleben. Wir sind nun im Generationenwechsel, hier besteht die Chance in Wanne wieder etwas zu machen, für mehr Urbanität, mehr Leben, mehr für junge Menschen. Gerade in Herne sind wir nicht weit von vier Universitäten: Recklinghausen, Bochum, Gelsenkirchen und Duisburg. Sodass die Szene Wanne-Eickel für sich entdecken kann. Wir brauchen einfach so Kleinode wie das Hallenbad für den Anfang. Wir haben so viel Geld in den Stadtteil gesteckt, haben Fassaden erneuert und Hinterhöfe saniert, aber der Effekt blieb aus.“ Doch nicht nur für Kreative und junge Menschen aus umliegenden Städten sieht er die Chance im neuen Projekt, auch die Integration ist ihm wichtig. Für ihn ist das Hallenbad der erste Schritt für ein gutes Miteinander. „Der Zuzug von Migranten und Flüchtlingen führt zum Wechsel der Bewohnerschaft. Wir können sehr viel für die Integration machen und das ist der Vorteil im Ruhrgebiet. Wir sind das gewohnt. Seit hundert Jahren sind wir gewohnt, zu integrieren und können das Vorzeigen. Das sollten wir uns nicht nehmen lassen. Das sind junge Menschen, die einfach leben und ihre Probleme hinter sich lassen wollen. Sie wollen hier ihre Ideen verwirklichen und ich glaube, genau das brauchen wir hier.“

 

 

 

 

Text: Jan Kempinski