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Florian Walter – Musik ohne Genre, denken ohne Konventionen

Florian Walter ist Saxophonist und Klarinettist. Für ihn bedeutet die Individuelle KünstlerInnenförderung Freiheit. Freiheit zu recherchieren, zu reisen, sich mit seinem Instrument auseinanderzusetzen, mit neuen Ensembles und an neuen Projekten zu arbeiten, aber auch von Rückschlägen zu erholen und mit neuem Wissen aus ihnen hervorzugehen.

© André Symann

Als Florian Walters langjähriges Ensemble sich aufgrund von persönlichen Streitigkeiten auflöste, versetzte den Musiker das in eine Situation, von der er sich nach eigener Aussage nicht so schnell erholt hätte. Doch die Individuelle KünstlerInnenförderung (IKF)  gab ihm - mehr durch zufälliges, aber gutes Timing - die Möglichkeit in der Krise durchzuatmen, sich neu zu fokussieren: „Weil ich diesen Puffer habe, kann ich es von außen betrachten. Ich hätte alles in Frage gestellt, da das eine Band ist, mit der wir viele Jahre gespielt haben, wo viel Energie und Geld reingeflossen ist und mit der gerade eine Platte fertig ist, die aus meiner Sicht wirklich gut ist und mit der man hätte spielen können. Es hätte mich komplett aus der Bahn geworfen oder ich hätte es verdrängt. So konnte ich aber analysieren, woran es gescheitert ist und was ich daraus lernen kann.“ Dabei nutzt Florian den zwölfmonatigen Förderzeitraum vor allem zur Recherche, der Auseinandersetzung mit seinem Instrument und der Ensemblearbeit.

Florian Walter ist ein bekanntes Gesicht in Essen, so grüßen ihn regelmäßig die Leute im Vorbeigehen, während er seinen Tee in der Zweibar auf der Rüttenscheider Straße trinkt. Ursprünglich kommt der heute 30-jährige aus Hamm und sein Werdegang wäre beinahe sehr konventionell verlaufen. Offiziell beginnt seine musikalische Laufbahn erst 2006, doch wurden die Weichen dorthin viel früher gestellt. Mit 11 Jahren lernte er widerwillig Saxophon, spielte es aus Pflicht. Die Musik war für ihn damals ein Muss, sein Wunsch jedoch im Büro zu arbeiten – etwas, was heute schwer vorstellbar ist und ihm durch ein Praktikum beim Bürgeramt in Hamm ausgetrieben wurde. Seine Leidenschaft für Musik wurde erst geweckt, als sein damaliger Lehrer ihm mit 17 Jahren ein Video von Kenny Garrett, einem eher poppigen Saxophonisten, zeigte. Von dessen Auftritt inspiriert, hat sich Florian drei Jahre zum Üben eingeschlossen. „So eine Phase habe ich seitdem nicht mehr gehabt.“ Erst mit 20 – verhältnismäßig spät – stieß er dann zum Landesjugendorchester und mit 24 zum Bundesjazzorchester, BujazzO. Rückblickend erzählt er, „bis dahin fand ich Mainstream cool, aber da habe ich festgestellt, dass mich dieses sehr akademische und athletische nicht so flasht. In dem Zuge habe ich dann Leute kennengelernt, die improvisierende Konzepte ausprobieren und gemerkt, dass das etwas ist, was mich mehr fordert und wo ich mich anders ausdrücken kann.“

 

 

 

Heute hat der umtriebige Kopf seine Finger in unzähligen Ensembles und Projekten - das lokal wohl bekannteste ist dabei die Trinkhallen Tour , bei der er, im Trio mit zwei weiteren Musikern und verschiedenen Gästen, an die Buden im Ruhrgebiet zieht, um dort Musik zu improvisieren. Rund 100 Konzerte spielte der Wahl-Essener bereits unter im ersten Moment denkbar ungünstigen Bedingungen. „Es ist akustisch schwierig, das Publikum unterzubringen ist schwierig. Doch dadurch, dass die Bedingungen für alle gleich ungewöhnlich sind und keiner weiß, was passiert – wir auch nicht – hast du eine große Offenheit in der Hörerwartung. Die Leute kommen da sehr offen hin und geben der Sache eine Chance. Ein paar gehen danach weg aber auch das ist okay. […] Die Hauptsache ist, dass die Leute eine gute Zeit haben. Keiner hat Bock, betroffen aus einem Konzert zu gehen. Das heißt aber nicht, dass der Inhalt nicht auch komplex oder konfrontierend sein kann. Ich glaube, dass du diesen Moment, in dem du die Leute mit etwas konfrontierst, was sie nicht kennen oder sie auch überfordert. Wenn du das in eine Form bringst, durch die sie trotzdem Spaß dabei haben, dann hast du es geschafft.“ Als ob dieses Vorhaben nicht schon ambitioniert genug klingt, spielt Florian Walter Musik, die nach seiner Aussage in kein Genre passt und ergänzt: „Aber Im Grunde kannst du durch die fehlenden Grenzen deinen eigenen Weg noch finden. Etwas, was du beim reinen Jazz nicht mehr kannst.“ Für das ungeschulte Ohr klingt das Ergebnis vermutlich im ersten Moment oft nach unzusammenhängenden Klängen, die erst mit der Zeit ihren Kontext erkennen lassen. Doch darum geht es nicht, in erster Linie ist es sein Ziel, an einem besonderen Ort eine Art von Musik Menschen näher zu bringen, die sonst nicht in Berührung mit ihr gekommen wären – jenseits der vermeintlichen Eliten. „Egal, ob du in ein Museum gehst oder ein Konzert besuchst, ein wenig Elitismus ist immer dabei. Das aufzubrechen, finde ich spannend.“ So ist Florian bemüht, die Barriere zwischen Band und Publikum zu überwinden und hat mit der Trinkhallen Tour einen Kontext gefunden, der zwar ungewöhnlich ist, aber dadurch umso besser funktioniert. Diese Rituale, wie Florian sie nennt, sind ein Thema, welchem er sich auch während des Stipendiums näher gewidmet hat.

 

Das Publikum als Teil des Stücks

„Es geht mir um die Frage, wie man es schafft, als Künstler auf der Bühne den Bruch zum Publikum so weit zu überschreiten, dass die Leute am Ende anders rausgehen, als sie reingekommen sind. Nicht im Sinne von glücklich, sondern einer tieferen Ebene der Kommunikation mit dem Publikum.“ Einen weiteren Versuch, die Mauer zwischen Musiker und Publikum einzureißen, startete er Anfang 2017, als er ein Konzert arrangierte, bei dem rund um das Konzert verschiedene Rauminstallationen stattfanden und das Publikum in Rettungsfolie gekleidet wurde. Durch die Folie reflektierte jeder Gast das Licht, wurde somit Teil der Installation, und erzeugte Geräusche bei jeder Bewegung, wodurch die Stücke beeinflusst wurden. So brach das Konzept mit der Konvention der absoluten Stille auf Konzerten und somit auch einer Hürde. Sein nächstes Projekt wird das Kabinet «» Adapter – Reihe für Irritation  im Raum im KUBIG400  in Essen sein. Hier wird er gemeinsam mit einem Schlagzeuger / Performance Künstler, einer Tänzerin, einer Physical Theatre-Schauspielerin und einem Klangkünstler vom 04. bis 08. Oktober Einblick in den Schaffungsprozess, angefangen beim Skizzenbuch, geben. „Mich hat es interessiert, eine mehrtägige Installation und Performance zu bauen, die den ganzen Tag geöffnet ist und Leute reinkommen können, die dann am Entstehungsprozess teilhaben können. Die Konzeptionsphase ist also offen. Ritual ist das Thema, aber sonst gibt es keine Vorgaben.“ Der Veranstaltungsort unterstützt dabei die Barrierefreiheit der Idee. Da die Außenwände des Raums alle samt aus Glas sind, kann jede/r Vorbeilaufende einen Blick hineinwerfen. Das Ziel des Ganzen ist der Idee der Individuellen KünstlerInnenförderung sehr nahe. Es ähnelt einer offenen Demophase. Alle KünstlerInnen arbeiten gemeinsam daran, etwas zu schaffen, doch ist der Weg dorthin wichtiger, als das, was dabei herauskommt. Im Idealfall können alle gemeinsam nach der Veranstaltung mit dem Ergebnis arbeiten und Geld verdienen, wenn nicht haben jedoch alle etwas gelernt und ihren künstlerischen Horizont erweitert.

 

Der Weg zu neuen Arbeitsumfeldern

Doch für Florian Walter war auch ein anderer Aspekt wichtig. Er hat sich während des Stipendiums und auch durch den Zerfall des Ensembles Gedanken über seine Art zu arbeiten gemacht. So bevorzugt er offene Konzepte, wie das des "Kabinet «» Adapters", gegenüber dem stillen Kämmerlein. „Ich versuche mir Arbeitsumgebungen zu suchen, in denen ich mich wohlfühle. Es gibt keine Arbeitsstrukturen, also musst du sie erfinden. Da erfinde ich lieber etwas, wo ich mich wohlfühle.“ Doch nicht nur auf die Arbeitsumgebung haben sich die letzten Monate ausgewirkt, auch auf die Menschen, mit denen er arbeiten möchte, so erzählt er, dass er dabei sei ein neues Quintett aufzubauen und die gewonnenen Kenntnisse zu nutzen: „Ich orientiere mich beim Konzept nicht daran, mit Freunden arbeiten zu können, sondern überlege, wer passt von seiner Funktion in die Band. Dadurch gibt es eine gewisse Flexibilität. Wenn ich nach einem halben Jahr zum Beispiel merke, dass jemand nicht in das Projekt passt, habe ich notfalls einen Ersatz – das heißt nicht, dass ich nicht zu hundert Prozent mit der Person arbeite.“

Die Recherchen von Florian beziehen sich allerdings nicht nur auf die Arbeitsumgebung in Deutschland, so war er mit seiner Band für ein Konzert in Dublin und hat dann alleine noch einige Tage dran gehängt, um die Szene vor Ort kennenzulernen. Dort traf er einen E-Bassisten, der ihn einlud mit ihm ein Konzert in einer Kneipe zu spielen. „Das ist etwas, was ich hier vermisse. Diese Art von experimenteller Musik können sie im Pub spielen und der ist proppenvoll mit jungen Leuten. Das hat aber vielleicht auch etwas damit zu tun, dass sie es in einem Pub machen und nicht in einem Punkkeller.“ Mitte November tritt der Saxophonist und Klarinettist eine vierwöchige Reise nach Japan an, um dort zu musizieren, Menschen kennenzulernen und vielleicht den ein oder anderen Kontakt für die Zukunft zu bekommen.

Ein Ziel im klassischen Sinne hatte Florian Walter für den Förderungszeitraum nicht, kein Produkt, welches am Ende präsentiert werden soll, aber eine Vision wie er die finanzielle Unabhängigkeit nutzen kann. Sei es mit Reisen oder Projekten wie dem "Kabinet «» Adapter". Ähnlich wie beim Letzteren wird sich auch bei der Förderung erst im Nachgang zeigen, wohin ihn das Jahr geführt hat und wohin es ihn noch führen wird.

 

 

Text: Jan Kempinski