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FAUST - ein Quartiersspektakel

„Salzburg hat den Jedermann und Witten hat den Faust“, scherzt Martin Kreidt von der Projektfabrik. Er hat in den letzten Monaten gemeinsam mit Elrauda Mohamed – kurz Elly -, Berit Schürmann sowie einem Kinderchor, einem Gitarren- und Mandolinenorchester und einem Quartiersensemble, bestehend aus Menschen mit Fluchterfahrung und Wittener Bürgern unter der Leitung von Karin Juraschka von der Projektfabrik, daran gearbeitet, am 01. Oktober im Knuts beziehungsweise dem anliegenden ROXI das Theaterstück Faust zu inszenieren. Ein untypischer Ort für diese Art von Theaterstück, der letztendlich mit einem integrativen Ensemble und viel Unterstützung der Anwohner/Innen im Viertel zur optimalen Heimat wurde.

© Sebastian Becker/ecce

Es ist ein lauer Herbstabend, vielleicht der letzte in diesem Jahr. Vor dem Eingang des Wittener Knuts tummelt sich eine Menschentraube. Während im Inneren der Gastrokneipe der allabendliche Betrieb läuft, holen die vor der Tür Stehenden ihre reservierten Karten ab. Heute wird in den Räumen des Knuts und der Quartiersbühne, ROXI , sowie dem gemeinsamen Innenhof Faust aufgeführt. Inszeniert wird das Stück von der Projektfabrik  in Zusammenarbeit mit einem Gitarren- und Mandolinenorchester und den Ruhrpottspatzen , einem Kinderchor aus Witten. "Kolossal, lebendig, spannend. Über 40 Darsteller (jeden Alters, vieler Nationen, aller Schuhgrößen – aber aus Witten!) schlagen in der Faust-Rezeption ein neues Kapitel auf", heißt es auf der Webseite der gemeinnützigen GmbH und die Erwartungen sind scheinbar auch beim Publikum hoch. So ist die heutige Uraufführung ausverkauft und obwohl selbst die Generalprobe spontan öffentlich vorgeführt wurde, stehen heute einige vor der Tür des Knuts, die leider keine Karte mehr bekommen haben. Der Rest wartet gespannt in den Räumen der Bar auf den ersten Akt. Wenige Minuten sind vergangen, seit die letzten Proben im Innenhof abgeschlossen sind. Einige neugierige Gesichter haben bei einem Bier oder einem Glas Wein durch die Fenster des Knuts  dabei zugesehen und auf den offiziellen Beginn gewartet.

Es ist kurz nach 20 Uhr. Das Stück startet mit kleiner Verspätung. Dr. Heinrich Faust betritt das Knuts. Ein junger Mann, gut gekleidet, steht auf einem Stuhl und unterhält sich mit seinem eigenen Ich, einer jungen Frau. Ein belebtes Streitgespräch läutet das Stück ein, welches zum zweiten Akt in den Innenhof bittet. Dort befinden sich gerade Gott und Gegenspieler Mephisto inmitten einer Diskussion. Das Team von rost:licht setzt mit dramatisch-schöner Beleuchtung die beiden Kontrahenten gekonnt in Szene, während sie eine Wette abschließen – der Preis: die Seele von Faust.

Alle der 50 Darsteller sind Laien, teilweise erst wenige Monate in Deutschland, die trotz oder gerade aufgrund ihrer Sprachbarriere der Geschichte, welche nicht wenigen Abiturienten die Nächte geraubt haben wird, neues Leben einhauchen. Die Projektfabrik beziehungsweise das FREDERICK Ensemble der Projektfabrik ist ein Projekt für junge orientierungslose Menschen unter 30, gefördert von der Kurt Maria Dohle Stiftung und besetzt aus gutem Grund ausschließlich Laien, frei nach den Worten des deutschen Künstlers, Kunsttheoretikers und Professors Joseph Beuys: "Jeder Mensch ist ein Künstler." Doch geht es den Initiatoren um mehr als die Kreativität. Für den künstlerischen Leiter, Martin Kreidt, stellt es eine Möglichkeit dar, "es geht darum eine gewisse Öffentlichkeit herzustellen. Die Gruppe ist ein Format, wo man mit jungen Menschen, die multiple Vermittlungshemmnisse oder eine nichtgradlinige Berufsbiografie haben (lacht), einen Raum zu geben, um etwas Sinnvolles machen zu können. Als Erstes haben wir ein mobiles Kinderstück gemacht. Die Leuten sollte Erfolgserlebnisse bekommen und die Idee war, dass wir das mit dem Medium Theater machen. Dann war nach dem Kinderstück die Frage: Was machen wir jetzt? Etwas Größeres? Literarisches? Wir haben in der Projektfabrik ein Impulsthema. Das ist „Goethe und Schiller“ und da bietet sich der Faust natürlich an." Doch so sperrig viele Faust in Erinnerung haben werden, ist das Stück nicht. Es bietet viele Potenziale – gerade in Anbetracht der örtlichen Voraussetzungen. So erzählt Martin weiter, "Faust ist ein großer Stoff, ein offener Stoff. Kein lineares Drama, sondern ein Drama, was viele verschiedene Stationen durchläuft. Wir haben auf die zur Verfügung stehenden Räume zugegriffen. Der Raum hat natürlich Einschränken wie zum Beispiel seine Größe, aber ich finde das spannend, denn das Theater ist eigentlich ein armes Medium und es richtet sich immer nach Gegebenheiten."

 

 

"Als Regisseur versucht man darauf zu reagieren, auf den Ort, an dem man ist, und mit wem man arbeitet. Das ist immer eine kreative Herausforderung und das macht Spaß und setzt auch immer etwas frei. Das ist so ein Urtheaterding für mich."

Gott und Mephisto sprechen immer noch darüber, ob Faust seine Seele an den Abgesandten der Hölle verkauft, wenn der Preis hoch genug ist. Während Mephisto großartig von Liesel Graf, einer älteren Dame, verkörpert wird, die sich aufgrund einer Zeitungsannonce auf die Rolle beworben hat, wird Gott gleich von einer ganzen Gruppe gespielt. Teils stehen sie im Hof, teils auf dem Balkon des Wohnhauses. Das Stück bringt die Bewohner des Wiesenviertel wieder ein Stück enger zusammen. Das sei auch die zweite Idee der Initiatoren gewesen. Ein Quartiersprojekt, bei dem möglichst viele Wittener Gruppen zusammenkommen. Für Elly, die bereits ihre Ausbildung zur Sozialkünstlerin bei der Projektfabrik absolviert hat, ein besonderer Aspekt des Vorhabens.

 

 

„Für die Umsetzung musst du die Leute schon aktivieren. Dafür brauchst du viel Kommunikation, aber die Anwohner fanden es alle klasse, dass die Balkone bespielt und beleuchtet werden. Und auch die Cafés fanden die Idee gut, dass alles belebt wird und die künstlerische Arbeit auch durch einen anderen Blick gesehen wird.“

Elly war selbst überrascht, wie offen die Menschen die Theatergruppe empfangen haben. So habe ihr schon bei dem ersten Gespräch eine Partei sofort einen Schlüssel für die Wohnung ausgehändigt. Sie gibt zu, "anfangs hatten wir selbst keine Idee, wie das aussehen kann und was das für eine Herausforderung wird, aber es wurde alles gut gemeistert." Etwas, was laut ihrer Aussage nicht ohne die Hilfe von den AnwohnerInnen möglich gewesen. Aber auch viele SozialkünstlerInnen wie Elly waren daran beteiligt. Sie werden seit 2014 in Witten und Berlin von der Projektfabrik ausgebildet und bilden eine Schnittstelle zwischen Kreativität und Sozialpädagogik. So halfen sie beispielsweise die Sprachbarriere zu überwinden, indem sie die Sprache mit Musik und Körperarbeit trainiert haben.

 

 

 

Die Wette ist besiegelt und das Theaterstück zieht weiter in die Quartiersbühne, das ROXI. Hier reiht sich das Publikum entlang der Wand auf, während der Rest des Raums von den Schauspielern eingenommen wird. Zu viert sinniert Faust über den Sinn und Unsinn seines Lebens. Viel habe er studiert, doch wisse er von nichts. Aus Not und Langeweile beschwört er in einer Zeremonie einen Geist. Doch auch dieser vermag es nicht, seine rastlose Suche zu beenden. Irgendwann begegnet ihm ein Hund, ein schwarzer Pudel, den er in sein Heim lässt. Dieser verwandelt sich nach einigen Minuten in einen Bestandteil von Mephisto, ebenfalls gespielt von einem Geflüchteten, welcher Faust in die Enge drängt. Kurz darauf erscheint auch der zweite Teil von Mephisto, gespielt von Liesel Graf, die in hellem Trenchcoat und mit Stock auf ruhige und angsteinflößende Weise den Raum betritt. Vollends in ihrer Rolle aufgehend verspricht sie als Mephisto Faust, die Leiden seiner Langeweile zu beenden, im Gegenzug dazu will er nichts weiter als seine Seele. Dieser willigt ein und nimmt einen Trank zu sich, der ihn verjüngt. Daraufhin wechselt das Ensemble erneut in den Hof.

"Das war schon bei den Proben so, als wir alles weggenommen haben. Dann wurde das alles eins. Das verbindet total", erzählt Elly begeistert von der Arbeit an der Inszenierung und auch an diesem Abend verschwimmen Grenzen zwischen Gastronomie, Innenhof und Wohnhaus. Alles wird zu einer bespielbaren Fläche und öffnet sich. Nicht nur von den Lokalitäten, sondern auch zwischenmenschlich. Einige der Anwohner seien auch im Publikum zu sehen gewesen.

 

 

 "Unterschiedliche Menschen ins Quartier zu holen, um in einen gemeinsamen künstlerischen Prozess zu gehen, darum ging es bei diesem Projekt. Besonders Menschen, die hier nicht jeden Tag zu sehen sind, aber das wird sich jetzt vielleicht ändern. So etwas stärkt die Quartiersarbeit."

An diesem Abend und den zwei weiteren, an denen das Stück aufgeführt ist, ist es egal, wer die Schauspieler sind, woher sie kommen oder welches Leben sie bislang geführt haben. Die Barrieren verschwinden und auf diesem Weg langfristig auch Vorurteile.

Zurück im Hof geht das Stück rasant auf das Ende zu. Der junge Faust schaut dabei zu, wie eine Gruppe von Menschen gemeinsam feiert und erblickt ein junges Mädchen, welches sofort sein Interesse weckt. Der Rest ist Geschichte. Die Teile, in denen die junge Frau ein Kind bekommt und verrückt wird, werden ausgelassen. Stattdessen singen und tanzen alle Schauspieler gemeinsam und kurz bevor der Vorhang sprichwörtlich fällt, kommen vier Kinder von den Ruhrpottspatzen als Faust auf die Bühne und beenden das Stück.

90 Minuten ging die Rezeption eines der großen deutschen Literaturwerke. An einigen Stellen verkürzt, zwischenzeitlich sogar ein wenig lustig und nach ein paar Minuten auch nicht mehr zu groß für Witten. "Faust ist immer eine Messlatte und ein Quartier ist disparat. Aber wenn du so eine Messlatte reinsetzt, dann bündelt das. Ich habe das als sehr positiv erlebt. Wir hätten auch lustige Geschichten aus dem Wiesenviertel hier zeigen können, aber das wäre etwas anderes gewesen. So ist es hier der Wittener Faust. Ich habe immer gesagt: Salzburg hat den Jedermann und Witten hat den Faust. Den gewissen Größenwahn – und der ist es natürlich - finde ich ganz spannend. Einfach mit so einer Setzung da reinzugehen und zu sagen: Hier gibt es am 01.10. den Faust. Das ist auch etwas Theatrales. Denn das Theater ist nur Behauptung und davon lebt das Theater. Ich finde das ganz schön", erklärt Martin das Projekt abschließend.

Am Ende des Abends wurde die Behauptung ein Stück weit Realität, denn für Witten, die Anwohner und alle Beteiligten war es wichtig und besonders. Projekte wie diese überwinden Mauern und errichten Brücken. Für die beiden war Faust ein Startschuss für weitaus mehr. Nun beginnt die Arbeit im Quartier erst. Die ersten Ideen für einen Wiesenviertelspaziergang – eine theatrale Führung durchs Quartier – seien bereits entstanden und das nächste Sommerspektakel gibt es bestimmt auch.

Für heute Abend ist die Uraufführung zur Freude aller erstmal gelungen. Mehr ist zu diesem Zeitpunkt nicht relevant. Während die Gäste langsam den Heimweg antreten, können Initiatoren und Ensemble noch dabei beobachtet werden, wie sie gemeinsam ausgelassen ihren Erfolg feiern. Der stille Zuhörer ist gegenüber Momenten wie diesen geneigt, zu sagen: "Verweile doch, du bist so schön."

 

 

Text: Jan Kempinski