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DIGITALISIERUNG DER KÜNSTE #1: INTERVIEW MIT KAY VOGES

Wie verändert Digitalisierung künstlerische und kreative Ausdrucksmittel?

Zum Auftakt unserer neuen Reihe fragten wir Kay Voges vom Schauspiel Dortmund.

4.48 Psychose © Edi Szekely

Kay Voges hat seit 2010 das Schauspiel Dortmund geradezu revolutioniert und zu einer der führenden und innovativsten Bühnen deutschlandweit gemacht. Anfang Mai war er mit Die Borderline Prozession zu Gast bei den Berliner Festspielen. Seit 23. April ist seine Inszenierung des Musikstücks Einstein on the Beach von Philip Glass an der Dortmunder Oper zu erleben.

Herr Voges, wie verändert sich die Theaterwelt heute?

Das Theater ist die Kunst der Gegenwart, sie findet live in einem Moment statt, wo Zuschauer und Akteure sich einen Raum teilen; somit muss das Theater mit den Mitteln der Gegenwart umgehen. Die Digitalisierung und die Globalisierung ziehen dadurch thematisch und ästhetisch in die Theaterwelt ein.

 

 

Die Generation der digital Natives ist permanent via Smartphones unterwegs. Aber immer weniger Jugendliche gehen ins Theater. Welchen Beitrag kann Theater in der heutigen und künftigen Gesellschaft leisten?

Wir betrachten die Digitalisierung nicht als Gefahr für den Fortbestand des Theaters, sondern sehen in ihr neue Möglichkeiten des Erzählens und – des Weltverstehens.

 

 

Was bedeutet Digitalisierung für die Zukunft des Theaters?

Die Digitalisierung kam nicht über die Menschheit wie eine Krankheit, sondern die Digitalisierung ist ein Möglichkeitsraum, der gestaltet werden muss. Die Theater stehen meines Erachtens für seine Gestaltung mit in der Verantwortung.

 

 

Ändert Digitalisierung auch Ihren Alltag oder die Art wie Sie arbeiten? Ändert sich hierdurch der Beruf im Theater?

Die Digitalisierung fordert von den Theatern neue Kompetenzen. Programmierer, Social-Media-Mitarbeiter, Netzwerker und medienkompetente Künstler werden in Zukunft immer mehr Teil des Theaterensembles werden müssen. Auch finanziell ist die Entwicklung zu einem gegenwärtigen Theater mit großen Kosten verbunden für Hardware, Forschung und Weiterbildung. Universitäten und Firmen haben die Umstrukturierung für das digitale Zeitalter längst vollzogen, die Bühnen des Landes liegen meist noch um Jahrzehnte zurück. Hier muss die Kulturförderung neu denken und das Theater endgültig nicht mehr nur als Bretterbühne des letzten Jahrhunderts begreifen.

 

 

Sie inszenieren das Opernstück Einstein on the Beach von Philip Glass, Gründungsväter der Minimal Music, der bis heute einen erheblichen Einfluss auf Elektromusik hat. Digitale Technik war schon damals Teil künstlerischer Arbeit. Aber was ist heute neu an der Digitalisierung und welche zusätzlichen Ausdrucksmöglichkeiten bieten digitale Technologien?

In der Produktion Einstein on The Beach habe ich mit drei Medienkünstlern und einem Netzwerker zusammen gearbeitet. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Musik von Philip Glass als Taktgeber und Steuerungseinheit zu benutzen für Licht, Video, Kostüme und Bühne. Es wurden Algorithmen geschrieben und Netzwerke programmiert, so dass die Musik sichtbar und fühlbar werden konnte. Dass Mathematik in Musik und Schönheit umgewandelt werden kann, wissen wir seit hunderten von Jahren. Dass Musik in Algorithmen und daraufhin in Schönheit und Bilder verwandelt werden kann, ist heute möglich dank hoher Rechenleistungen moderner Computer. Ich denke, mit einer Arbeit wie Einstein und the Beach stehen wir erst am Anfang von vielen weiteren Erlebnissen im Theater des digitalen Zeitalters.

 

 

Für "4.48 Psychose" übermittelte Kay Voges zum ersten Mal physische Daten in technische: Die Körperdaten der Schauspieler wurden umgewandelt und auf Leinwänden sichtbar gemacht.
Als Vorstufe von "Die Borderline Prozession" überraschte bereits "Das goldene Zeitalter" als neuartiges Theaterformat, eine Art Regie-DJeing und Schauspiel-Sampling auf Endlosschleife mit Live-Remix-Musik, Live-Dramaturgie, Live-Regie.
Reality-TV ad absurdum: "Die Show".
"Das Fest" transportierte Filmgenre DOGMA ins Theater erhielt den Publikumspreis 2013.
Mit dem Einsatz von live-Cams thematisiert "Hamlet" gegenwärtige Themen wie staatliche Überwachung.

 

 

 

 

 

 

The Memories of Borderline (Trailer)

Courtesy Schauspiel Dortmund