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Blick zurück nach vorn: 5 Jahre Kreativ.Quartiere Ruhr beim 11. Netzwerktreffen

Mehr Freiräume für Kultur in der Stadtentwicklung wagen: Das 11. Netzwerktreffen der Kreativ.Quartiere Ruhr versammelte über 80 AkteurInnen aus Kunst- und Kreativszene, Politik und Verwaltung in der Bochumer Rotunde.

 

© Sebastian Becker/ecce

Neubelebte Nachbarschaften, soziale Stadtentwicklung, urbaner Individualtourismus, neue Experimentier- und Veranstaltungsräume wie die Rotunde: Das sind einige aktuelle Entwicklungen in 15 Kreativ.Quartieren im Ruhrgebiet, die durch Kultur angestoßen wurden. Diese wurden auf dem 11. Netzwerktreffen des Landesprogramms Kreativ.Quartiere Ruhr präsentiert und diskutiert.

Seit 2012 ist es beinahe zur Tradition geworden: Zweimal jährlich lädt ecce die AkteurInnen, VeranstalterInnen und KünstlerInnen aus den Kreativ.Quartieren Ruhr zu einem großen Netzwerktreffen ein. Die Besonderheit: Die Treffen finden immer mitten in einem Quartier statt - und bieten so direkte Einblicke in Geschehen und Weiterentwicklungen der Initiativen vor Ort.

Auch beim 11. Netzwerktreffen war allein der Ort die Reise wert: Diesmal ging es nach Bochum zur Rotunde, dem ehemaligen und künftigen Herzstück des Viktoria.Quartiers, welches nach 2-jähriger Pause im Juni wieder für die Kunst- und Kulturszene die Türen öffnen wird.

 

Umbruchstimmung im wortwörtlichen Sinne - Besucher trafen sich mitten auf der Baustelle

Ein überraschendes Setting für ein Netzwerktreffen: Gemeinsam mit Sven Nowoczyn, dem neuen Betreiber der Rotunde, konnte der legendäre Kulturort trotz jetzigem Baustellenzustand als einladende Location eingerichtet werden. Ein exklusiver Einblick, denn die Neueröffnung des ehemaligen Bahnhofs Bochum ist erst in der Nacht vom 14. auf den 15. Juni 2017 geplant.

 

Zukunftsfähigkeit mit und durch Kultur: Fünf Jahre Kreativ.Quartiere Ruhr

Frau Dr. Hildegard Kaluza, Abteilungsleiterin Kultur im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW, sprach über den Stand des Förderprogramms und resümierte: "In fünf Jahren sind 2.257.280 Euro in die Projekte der Kreativ.Quartiere eingeflossen." "Eine gute Investition". Besonders beachtlich sei, dass die Zahl der Kreativ.Quartiere sich mehr als verdoppelt hat: Waren es 2012 sieben Kreativ.Quartiere, so sind es heute fünfzehn. Und noch einige in der Mache (Siehe Infografik unten).

 

 

Anzahl der Kreativ.Quartiere, die seit 2012 an dem Landesprogramm teilgenommen haben: 15 (Grün) Anzahl der Kreativ.Quartiere in Planung: 5 (Orange)

Stand: Mai 2017

 

Prof. Dieter Gorny, Geschäftsführer der ecce GmbH, vergegenwärtigte einige der seit 2012 im gesamten Ruhrgebiet erfolgten Veränderungen. Auch die im Viktoria.Quartier entfachte Dynamik sei besonders sichtbar, mit der wichtigen Achse zwischen Anneliese-Brost-Musikforum und Rotunde Bochum. „Zukunftsfähigkeit ist nur mit und durch Kultur möglich. Wir müssen mehr Kultur wagen, mehr Kunst wagen! Wir brauchen mehr davon“, plädierte Gorny. Denn was von außen gerne als Modell und Selbstläufer betrachtet wird, kostet viel Energie und Ausdauer. Seit der Programmgründung 2012 werden die Quartiere keineswegs „von oben“ getragen, sondern leben durch die vielen Initiativen vor Ort. Durch ecce wird der Dialog auf Augenhöhe zwischen hiesigen AkteurInnen, Stadtplanern, Wirtschafts- und Kulturförderern unterstützt – ein Novum im Vergleich mit anderen Regionen, so Gastredner Prof. Dr. Schmidt von der Hochschule Anhalt. Ein offener und integrativer Lernprozess, eine alternative Stadtentwicklung, ganz passend zu Schmidts inspirierendem Konzept der „Stadt als Campus“.

Stefanie Rogg, Projektmanagerin Kreativ.Quartiere Ruhr, verdeutlichte am Beispiel des Bochumer Quartiers Prinz.Regent, dass die Rückeroberung und Belebung von Leerständen durch Künstler nicht immer geradlinig verläuft. „Es sind dynamische Prozesse, daran sind viele Akteure beteiligt. Und diese Akteure verfolgen nicht immer dieselben Interessen. Hat man die passende Location gefunden und macht der Immobilienbesitzer nicht mit, müssen Pläne verworfen und Alternativen gefunden werden.“

Die Gründung und Belebung der Quartiere schaffen AkteurInnen vor Ort auf eigene Faust. Eine große Verantwortung, und zwar nicht nur mit ideellen sondern meist auch mit eigenen finanziellen Ressourcen. Höchste Zeit also, dass man die individuellen Lebens- und Arbeitsbedingungen von KünstlerInnen und Kreative in den Fokus rückt.

 

Näher an den Bedürfnissen vor Ort

Nachdem so viel Privatinitiative in den Stadtraum gesteckt wurde, ist es nur konsequent, dass man sich im Umkehrschluss fragt: Was kann nun – in Kreativ.Quartieren, aber nicht nur dort – individuell für KünstlerInnen und Kreative gemacht werden? Der nächste, konsequente Schritt: Ganz nah an den Bedürfnissen von Selbständigen und InitiatorInnen vor Ort handeln. Hier kommt die 2016 gestartete Initiative des Landes NRW ins Spiel: Die Individuelle Förderung von KünstlerInnen und Kreativen, kurz IKF, wird von ecce im Ruhrgebiet pilotiert und kann z.B. in Atelierräume und Materialkosten, Barstipendien und Produktionskosten für KünstlerInnen fließen. Der Bedarf ist jedenfalls groß: Das zeigen die ersten Ergebnisse von September 2016 bis heute. In der Sparte „Individuelle Künstlerische Entwicklung“, einer Art Stipendium, die den KünstlerInnen mehr Freiraum fernab themen- und zweckgebundener „Projektitis“ bieten soll, gingen im Zeitraum September 2016 bis April 2017 180 Anträge ein; davon konnten nach Entscheidung einer unabhängigen Jury immerhin 13 mit einem Antragsvolumen in Höhe von 150.310 EUR zur Förderung empfohlen werden (Stand 19.04.2017).

 

 

Mehr Selbstbeteiligung und Transparenz

Dass IKF noch ein Pilot ist, bietet Vorteile: So können kurze Antrags- und Genehmigungswege oder neue Jury-Verfahren getestet werden. Ganz im Sinne der im ministerialen Kulturförderplan festgehaltenen Leitlinie für mehr Transparenz werden alle Jury-Mitglieder, alle Fristen und alle geförderten Projekte auf der von ecce betriebenen Web- und Social-Media-Plattform veröffentlicht. Auch Mitbestimmung ist gefragt: Grundlage für die IKF-Entwicklung waren die Anforderungen und Anregungen der hiesigen AkteurInnen selber (die Ergebnisse wurden in einer Prognos-Studie festgehalten, die 2015 im Auftrag des Ministeriums für Familien, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW realisiert wurde). Noch im Prozess können sie weiterhin eingreifen, etwa durch Feedbackrunden und Roundtables. Für jeden der drei Förderbereiche von IKF wurde außerdem eine Fachjury berufen, die sich aus KünstlerInnen verschiedenen Sparten und VertreterInnen von Institutionen einerseits und städtischen Kulturverwaltungen andererseits zusammensetzt. ecce ermöglicht zudem kurzfristige und persönliche Beratungen vor Antragstellung und bemüht sich um Vereinfachungen der Antragsprozeduren. Und auch die Bezirksregierungen und das Ministerium leisten ihren Beitrag für die Beschleunigung von Genehmigungen; im Klartext: weniger Papierarbeit und schnelle Förderungen für AntragstellerInnen.

 

Der Dortmunder Norden leuchtet auf: neues Kreativ.Quartier in Entstehung

Ein beliebtes Klischee: Wer kennt sie nicht, die „Problemviertel im Norden“. So auch in der Dortmunder Nordstadt!? Wer sie etwas besser kennt, weiß: Hier ist eine beachtenswerte Altbausubstanz; es leben nicht nur viele MigrantInnen hier, sondern vor allem viele junge Menschen; und es wartet jede Menge Energie, die freigesetzt werden will. Initiativen wie Machbarschaft Borsig 11 e.V. oder KulturMeileNordstadt haben sich nun zusammengeschlossen und arbeiten derzeit fleißig an der Entstehung des Kreativ.Quartiers Echt.Nordstadt – vom Borsigplatz bis zum Hafen. Das ermöglicht finanzielle Verstärkungen durch das Landesprogramm Kreativ.Quartiere: Das ist auch eine wohlverdiente Anerkennung für jahrelange, oft ehrenamtliche Arbeit, aber vor allem eine Resource für neue künstlerische Impulse in der Nordstadt Dortmund: Noch ein Problemviertel ? Oder schon ein Künstlerviertel?

 

 

Like a local: Szenetourismus als neue Form des Städtetourismus?

Ob auf lange Sicht in den Quartieren Coolness sichtbarer wird – und am Ende der „Wertschöpfungskette“ mehr Touristen ins Ruhrgebiet kommen? Das vermag auch Städtetourismus-Experte Jan-Paul Laarmann nicht vorauszuplanen. Denn das angestrengte Bestreben, um jeden Preis Authentizität zu vermitteln, sei genauso dem Scheitern verurteilt, wie das Verlangen danach, in einer Liga mit Ausflugszielen wie Berlin oder New York mithalten zu wollen. Vielversprechender sei es, die umtriebigen kreativen Milieus in der Metropolregion an Rhein und Ruhr selber sprechen zu lassen. Polyzentrisch, exzentrisch: Überraschend ist auf jeden Fall das neue von ihm betreute Städtetourismusprojekt #urbanana. Die diffuse „Bananenrepublik“ im westlichen Nordrhein-Westfalen will fernab großer Shoppingmeilen und allbekannter Sehenswürdigkeiten à la Zollverein die vielen kleinen Juwelen des urbanen Individualtourismus in Szene setzen. Individuell, nonkonform: Die vielen noch zu entdeckenden Initiativen in den Kreativ.Quartieren sind jedenfalls eine Goldgrube für das Zukunftsmilieu der Urbanana-Szenetouristen.

 
Hinweis: Die Rotunde Bochum eröffnet am Mittwoch 14. Juni 2017 um 23 Uhr! Zur Neueröffnung lädt der legendäre Kulturort und ehemalige Bahnhof Bochum eine Woche lang zum Feiern ein – mit Underground-Techno, Vinyl-DJ-Sets, erstklassigem Humor, Partys und gastronomischem Angebot. www.rotunde-bochum.de