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Autorschafft in Ruhrort – Vom Kasteel zum Hörspielfestival

Wie viele Städte im Ruhrgebiet hat Ruhrort eine nennenswerte Geschichte hinter sich. Denn Ruhrort ist nicht nur die Heimat von Schimanski, sondern war außerdem einst einer der wichtigsten logistischen Umschlagplätze Deutschlands. Der Hafen der Stadt am Rhein war weltbekannt. Heute erinnern vor allem Bootstouren und das Museum der Deutschen Binnenschifffahrt an die glorreiche Historie. Heiner Heseding und Wolfgang van Ackeren wagten mit autorschafft vom 16. bis zum 24. September den Versuch, den in Vergessenheit geratenen Ort durch Musik, Literatur und Theater mit zukunftsorientierte Kultur-Akzenten zu versehen.

© Sebastian Becker/ecce

Es ist der 23. September, nach dem Regen der letzten Tage scheint die Sonne über Ruhrort. Am Anleger in der Nähe des Binnenschifffahrtsmuseums liegt das Fahrgastschiff Rheinfels, auf dessen Deck sich Interessierte heute eine besondere Hafenrundfahrt zu Gemüte führen. 16 Uhr 30, kurz nach dem Ablegen richtet Heiner Heseding, einer der Organisatoren des Projekts autorschafft, sein Wort an die Gäste und leitet zum offiziellen Programm. Am vorletzten Tag des umfangreichen einwöchigen Programms begeben sich die BesucherInnen nicht nur in das Fahrwasser des Rheins, sondern auch auf die Spuren eines WDR-Doku-Features. Die Aktion steht im Zeichen des 300. Geburtstages des Duisburger Hafens und erkundet mit Hilfe eines Hörspiels dessen Geschichte. 

Bereits 2016 im Zuge des "Ruhrort 300+"-Projekts überlegte eine Gruppe Kreativer im Quartier, welche Strukturen und Veranstaltungen die Entwicklung des Quartiers vorantreiben könnten. "Ein Projekt im Jahr 2017 sollte die Kernkompetenzen des Quartiers stärken und sichtbarer werden lassen. Wir orteten Literatur und Musik sowie Radiokunst als die dafür am geeignetsten Bereiche. So war die Idee eines Hörspielfestes der Ausgangspunkt, von dem eine Drei-Jahres-Strategie entwickelt wurde, zu der autorschafft der Auftakt war", erzählt Heiner über die Entstehung der Veranstaltungsreihe. Die Ambitionen der OrganisatorInnen sind groß. Ihr Ziel ist es, in den nächsten Jahren ein Hörspielfestival auf die Beine zu stellen, welches nicht nur für das Ruhrgebiet bedeutend ist. "Wir trauen es uns zu, im Jahr 2019 ein bundesweit bedeutendes Hörfestspiel aufzustellen. Dazu sind realisierbare Entwicklungsschritte definiert worden. Nach dem Auftakt mit autorschafft soll im nächsten Jahr ein Hörspielwochenende die Erprobungsphase konkretisieren und die Erfahrungen für das Hörfestspiel im Jahr 2019 skalieren", berichtet der Organisator weiter. 

Doch vorerst fährt die MS Rheinfels an den Ufern Ruhrorts vorbei. Steuerborad liegt die Stadt und der Hafen, backbord erhebt sich das meterhohe Abbild vom Kopf des Poseidons, eine der vielen Skulpturen entlang des Flusses. Die Tour führt hin zu den historischen Teilen des Hafens, die trotz der vielen Umbauten erhalten geblieben sind. Zu Kaffee und Kuchen, zu Bier und Kartoffelsalat schrebbeln Sätze aus den Lautsprechern des Schiffs: "In London und Paris war Ruhrort ein Begriff. Daher kam die Kohle, daher kam die Energie" und "Schiff löschen oder Schiff laden, dat war für uns Alltag." Wortlaute echter Originale, wie sie heute genannt werden, und die letzten Echos einer geschichtsträchtigen Vergangenheit.

Dabei wird autorschafft nicht nur von DuisburgerInnen besucht, die ihre Geschichte erforschen wollen und sich am aufstrebenden kulturellen Programm erfreuen, auch viele Menschen von außerhalb haben den Weg nach Ruhrort gefunden. Für Heiner ist das keine Überraschung: "Ruhrort ist ein Ort mit Historie und war in den vergangenen Jahrhunderten schon Ausflugsziel für die Region. Wir sind uns dessen bewusst und haben daher die Werbung für autorschafft weit gestreut. Sogar in die Grenzregionen der Niederlande." Dieser Umstand ist sicherlich Grund zur Freude, jedoch nicht das ausgeschriebene Ziel der OrganisatorInnen. Es geht ihnen ebenso darum, Ruhrort für die Bewohner und Bewohnerinnen attraktiver zu gestalten und ihm ein wenig des alten Glanzes wiederzugeben. "Es fällt uns derzeit offensichtlich leichter, Besucher aus dem Umland Duisburgs zu gewinnen, als aus der eigenen Stadt. Bedingt durch die derzeit meist schwierige Verkehrslage (Brückensperrungen) entscheiden sich Bewohner der südlichen Stadtteile selten für einen Besuch in Ruhrort. Wir versuchen dem durch attraktive Angebote, wie z.B. den Konzerten im Ophardt-Auditorium, entgegen zu wirken. Die Presse spielt da zum Glück häufig mit, indem Artikel nicht nur in der Bordausgabe der Zeitungen, sondern im Duisburger Lokalteil platziert werden, die in allen Stadtteilen gelesen werden." 

"Das ist die Blaue Grotte. Die kennst du bestimmt von Schimanski", erzählt Fritz, einer der Gäste an Board. Würde nicht das WDR-Hörspiel im Hintergrund laufen, könnte er aus dem Stehgreif die Hafenführung übernehmen. "Ich habe früher selbst Schiffsmotoren repariert", ergänzt er. Fritz ist ein gutes Beispiel für die Mentalität der Ruhrorter und der Menschen, die sich hier verbunden fühlen. Sie sind allesamt sehr offen und freuen sich über ein Bier bei einer sonnigen Hafenrundfahrt ebenso wie über ehrliches Interesse gegenüber der Historie. Sie alle haben hier ihre Geschichten, sie alle haben ihren ganz eigenen Bezug dazu und owllen diesen ihren Ort bewahren. Walter, ein weiterer Fahrgast, berichtet von den vielen Skulpturen im Hafen und der neuen Logistikhalle der Duisport AG, die auf der gegenüberliegenden Mercatorinsel nun die schöne Aussicht verdecken soll. Ein Anliegen, für das sich zahlreiche BürgerInnen organisiert haben, um dagegen vorzugehen. 

Vor allem AnwohnerInnen über 40 scheinen sich für Anliegen wie diese zu interessieren und das Angebot von autorschafft anzunehmen. Die Veranstaltungsreihe ergibt ein interessantes Bild, da auch die bis auf den letzten Platz besuchten Termine fast ausschließlich von einem älteren Publikum dominiert werden. Interessant ist es deswegen, da sich viele der Projekte der Kreativ.Quartiere an die junge und alternative Szene richten und dort einen Großteil ihrer Zielgruppe finden. Eine Situation, der sich Heiner bewusst ist. Der Organisator versucht mit verschiedenen Aktionen die demographische Durchmischung voranzubringen: "Mit den Ruhrorter Hafenkids, dem Parkourteam Zarrio und den beiden Schulen ist das kreative Jugendpotential in Ruhrort sicherlich noch lange nicht ausgeschöpft. Unser Manko ist vermutlich, dass es bisher keine Clubszene im Quartier gibt und die gastronomischen Player für die Altersgruppe rar gesät sind. Unser Publikum ist im Kern zwischen 35 und 70 Jahren alt. Mit den caritativen und bildenden Organisationen arbeiten wir jedoch in der Initiative FaiR (Familie in Ruhrort) eng an Veranstaltungen und Angeboten für das jüngere Quartierspublikum."

So langsam nähert sich die MS Rheinfels mit gut gelaunten und angeschickerten Fahrgästen wieder dem Anleger. Vorbei ist der Tag für die meisten von ihnen noch nicht. Für sie geht es weiter ins Lokal Harmonie, einem alten Eisenwarenladen, der nun zu einem Kulturort mit industriellem Charme umfunktioniert wurde. Hier findet um 19 Uhr das Live-Hörspiel "Rose" von Martin Sherman und Olaf Reifegerste statt. Vor fast vollkommen besetzten Reihen spielt Esther Krause-Paulus die Jüdin Rose, die ihre Kindheit unter dem Naziregime verbrachte und auch nach dieser Zeit einen durchzogenen Lebensweg bestritt. Begleitet wird sie von Ute Völker am Akkordeon, die die Stimmung mit Melodien und Geräuschen untermauert. Mit viel schwarzem Humor, Feingeist und pointiertem Drama führt das Stück auf bewegende Weise durch das Leben der Hauptfigur. Die Inszenierung ist eine Aussicht auf das Hörspielfestival. Sie balanciert gekonnt zwischen Humor und Tragik und bewegt die kleine Bühne im ehemaligen Eisenwarenladen auf ein Niveau, das wohl kaum jemand im Ruhrgebiet oder gar in Ruhrort erwarten würde.