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Angstfreie Meinungsäußerung als Kunstinstrument: Reinhard Wiesemann lanciert den ersten Streitkultur-Award

Vor einigen Jahren gründete Reinhard Wiesemann das Unperfekthaus, Anlaufstätte des Kreativ.Quartiers City.Nord Essen. Nun geht der Kreativunternehmer einen Schritt weiter. Dieses Jahr ruft er den ersten Streitkultur-Award ins Leben. Wir trafen ihn im Café Konsumreform. Und sprachen mit ihm darüber, welche Bedeutung dieser Award für Kreativität hat, aber auch welche Rolle Kreativität und vor allem KünstlerInnen in unserer Gesellschaft spielen.

© ecce
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ecce – Herr Wiesemann, Sie starten dieses jahr den Streitkultur-Award. Keine übliche Auszeichnung, vor allem wenn man an Kreativwirtschaft und an Kreativ.Quartiere denkt.

Also ich denke, Streitkultur und das was dahinter steckt, nämlich das angstfreie Äußern der eigenen Meinung, hat sehr viel mit den Kreativ.Quartieren zu tun: Das ist die Basis für Kreativität. Wenn man Angst hat, eine ungewöhnliche Meinung zu äußern oder irgendein Projekt zu verfolgen was nicht gerade Mainstream ist, dann kann nichts mehr Neues entstehen. Insofern ist der Streitkultur-Award eine Art Instrument für die Kreativwirtschaft. Wenn dieses Instrument nicht mehr da ist, dann gibt es keine Kreativwirtschaft mehr. Gleichzeitig ist es ja auch sehr, sehr angebracht in unserer heutigen Gesellschaft. Ich hätte niemals gedacht dass man in Deutschland jemals Angst haben muss seine Meinung zu äußern. Das ist aber heute teilweise schon so. Und – das darf nicht sein.

 
ecce – Gab es konkrete Anlässe wo Sie bemerkt haben, dass ihr Freiheitsraum eingeschränkt wird?

Ja, gab es. Wir hatten vor anderthalb Jahren das erste Mal im Unperfekthaus ein richtig unangenehmes Erlebnis. Da wollten sich 10 Personen aus einer 200-Personen-starken Bürgerwehr-Gruppe zu einer internen Besprechung im Unperfekthaus treffen. Ich persönlich habe diese Leute nie kennengelernt. Aber ich wurde gewarnt, unter diesen 200 Leuten seien bestimmt fünf rechtsextrem denkende Menschen. Also Nazis, mit Schlagstöcken und so weiter. Dann hab ich Kontakt mit der Polizei aufgenommen, ich habe in diesem Bereich jetzt nicht so die Erfahrung. Und nachdem sie mich beraten haben, hab ich gesagt: ok, also, ich schmeiß die nicht raus. Ich hatte aber keinen Kontakt zu denen. In einem Rundschreiben habe ich gesagt, sie könnten sich treffen, aber unter gewissen Bedingungen. Alle Bedingungen wollten sie erfüllen – also alles gut. Nur bestimmte linke Gruppen haben ein riesen Theater gemacht. Mit Bedrohungen und Demonstrationen. Auf Facebook waren richtig heftige Austausche. Diskussionen kann man so etwas nicht nennen. Es waren einfach nur böse Äußerungen. Das hat mich schwer beeindruckt diese Sache.

 

ecce – War das für Sie der Auslöser?

Das war ein sehr eindrucksvolles Erlebnis. Da hab ich zum ersten Mal auch gemerkt, wie das Klima manchmal ist, wie bestimmte Gruppen miteinander umgehen. Und dass in keiner Weise die Menschlichkeit bewahrt bleibt, dass da nur noch Hass regiert. Und naja fast ein Jahr lang hab ich darüber nachgedacht, wie verhalte ich mich dazu… Das Problem bei der Sache ist: Ich hatte zu so etwas überhaupt gar keine Lust! Ich bin es gewohnt, in einem Land zu leben, wo man alles sagen kann. Auch – dumme Leute dürfen ihre Meinung äußern. Also, man darf nicht zu Gewalt aufrufen, es gibt bestimmte Grenzen. Aber wenn man diese Grenzen einhält, dann darf man eigentlich denken was man will in Deutschland. Und so ist das gut, so muss es auch bleiben. Und... dass man jemals dafür aktiv werden muss, hätte ich nicht gedacht.

 
ecce – Und so kamen Sie auf den Streitkultur-Award?

Es hat mich nicht losgelassen. So habe ich mir überlegt: Welche Aktion wäre die Beste? Was ist das dahinter liegende Problem? Da bin ich auf die Streitkultur gekommen. Früher galt: „don’t ask don’t tell“. Das gilt heute immer weniger. Früher haben die gleichen Menschen in Deutschland gelebt; nur, man kannte die Meinung der Leute nicht. Mit Facebook weiß man plötzlich wie die Leute denken. Da müssen wir uns andere Methoden als das Schweigen ausdenken und zusehen, wie man miteinander klarkommt. Wir werden ab sofort immer damit leben müssen, dass wir wissen wie die anderen denken. Da kann man nicht mehr sagen: ok, dann sind wir trotzdem alle lieb miteinander. Das alleine ist nicht die Lösung. Wir werden diskutieren müssen. Wenn man einer abweichenden Meinung ist, wenn man wirklich starke Gefühle hat und anders denkt, dann wird man darüber diskutieren. Da kommt man einfach nicht daran vorbei.

 

ecce – Was erwartet uns mit dem Streitkultur-Award?

Also, ich will dem Award nicht vorweggreifen. Der Aufruf läuft noch bis Ende November und ich hab schon ganz tolle Ideen, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Da muss man gucken, was dabei zusammen kommt. Ich kann nur von mir persönlich sagen, was mich beeindruckt: Dunja Hayali – eine ZDF-Reporterin, die mit allen möglichen Leuten redet und sich nicht zu fein ist, auch mit völlig Andersdenkenden zu reden… Oder da gibt es eine Initiative im Internet: ich bin hier. Sie weisen sich gegenseitig auf Hasskampagnen und Hassreden im Internet hin, und gehen dann da rein, bleiben total friedlich und sachlich, und holen das runter. Oder dann gibt es den Ali Can: einen jungen Flüchtling, der aber schon seit 10-15 Jahren hier ist. Der geht als 23-jähriger Flüchtling zu PEGIDA-Demonstrationen hin, nimmt das Mikrofon und macht Interviews. Das führt zu interessanten Ergebnissen. Ich finde, so muss man das machen. Es gibt viele Beispiele.

 

ecce – Man schreibt KünstlerInnen und Kreativen eine Vorreiterrolle zu. Welche Rolle können sie hierbei spielen?

Also, Künstler und Kreative sind von dem Streitkultur-Award doppelt betroffen: Der Streitkultur-Award kämpft ja für ihr wichtigstes Instrument. Wenn es so eine Gesellschaft in der man auch querdenken darf, wenn es sie nicht mehr gibt, dann können die Künstler im Grunde auch einpacken. Auf der anderen Seite können sich Künstler Projekte oder Werke ausdenken, die Streitkultur zum Thema haben. Also nicht nur als Instrument, sondern das auch mal thematisieren. Auch da gibt es viele Beispiele.

 

ecce – besteht nicht die Gefahr, dass man gewisse Positionen legitimiert, indem man ihnen überhaupt einen Raum gibt?

Also ich sprech mich dafür aus, dass man heftig diskutieren sollte.
Ich spreche mich nicht dafür aus, dass man Zeitungen oder Sonderseiten kostenlos an die AfD gibt, damit sie endlich mal ihre Meinung unverfälscht präsentieren können. Das wäre Raum geben. Bei mir geht es darum, dass man dem Disput Raum gibt. Nicht der einen Meinung sondern dem Austausch. Das hat also mit Raum geben für die Einen oder die Anderen nichts zu tun.

 

 
ecce – Wie läuft die Auswahl konkret: Gibt es eine Jury? Und wer kann sich bewerben, welche Reichweite hat der Award – lokal, regional?

Der Preis ist deutschlandweit, und bewerben kann sich jede Privatperson, jede gemeinnützige Organisation, jede Firma. Auch jede Vereinigung von Leuten, denn es gibt auch viele formlose Gruppen oder Communities die auf Facebook existieren. Sie können sich selbst bewerben oder können vorgeschlagen werden.
Ja, und die Jury: Da bin ich gerade bei, sie zusammenzustellen. Höchstwahrscheinlich wird sie auch sehr gemischt. Ich mach genau das, was ich beim Streit-Award selbst fördern möchte. Meines Erachtens wäre das für diesen Preis angemessen.

 

ecce – Das verspricht spannende Jury-Sitzungen zu werden!

Das glaub ich auch. Aber das Interessante ist: Ich selbst praktiziere das auch. Wenn ich jetzt keine Angst haben muss, dass ich verletzt werde, dann rede ich auch mit jedem. Und ich habe noch nie, noch nie, schlechte Erfahrungen damit gehabt. Es gab mal Situationen wo ich gesagt habe: Es hat jetzt keinen Sinn, ich gehe jetzt. Wenn irgendwie Plattitüden immer wiedergeholt werden, da kann man aufstehen und gehen. Aber 99% der Gespräche sind wirklich gut.

 

ecce – Sie sind bekannt als der Macher des Unperfekthauses: ein offener Raum, aber ein a-politischer Raum…

…Kann man so nicht sagen, das ist ein vielfältiger Raum.

 

… aber verspüren Sie nicht die Tendenz einer Repolitisierung innerhalb der Kunst- und Kreativsphäre?

Ja, auf jeden Fall. Das Unperfekthaus als Ort ist neutral. Aber man muss trennen zwischen dem Haus als solchem und dem was da passiert. Die Projekte, die da stattfinden, waren immer schon politisch. Wir haben alle Gruppen da und das geht nur deshalb weil das Haus neutral ist. Ich unterscheide auch zwischen mir und dem Unperfekthaus. Das Unperfekthaus selbst hat keine Meinung. Außer: Das angstfreie Verkünden von diversen Meinungen. Toleranz, Friedlichkeit, das ist die Meinung des Unperfekthauses und die vertrete ich auch. Darüber gibt es keinerlei Positionierung.

Und ich glaub schon, das was Sie gerade gefragt haben, dass das gerade passiert: Also eine größere Politisierung wieder stattfindet. Und ich glaube auch, dass das eigentlich der Bereich ist, in dem heute die Kreativität am meisten gefordert ist. Der nächste westliche Wert für den wir kämpfen müssen, ist die angstfreie Meinungsäußerung und Toleranz innerhalb der Gesellschaft. Da sind jetzt kreative Lösungen gefragt. Wir müssen uns heute etwas einfallen lassen. Früher mussten wir Computer und Autos erfinden. Heute müssen wir gesellschaftliche Dinge erfinden. Das ist mindestens genauso schwer. Das sind andere Konzepte in anderen Bereichen: je nachdem in welcher Zeit wir gerade leben.

 

ecce – Da sind wir von Kreativität über Wirtschaftlichkeit zu neuen Wirtschaftsmodellen übergegangen sozusagen. Gibt es so etwas wie eine Kulturalisierung, eine kulturelle Rollenzuschreibung innerhalb des Unternehmens?

Es wächst alles zusammen. Ich glaube, diese Trennung von Kultur und Geschäftsmodell ist schon längst weg. Das haben wir nur nicht bemerkt. Die wirklich großen Erfolge der letzten 20 Jahren, das sind alles kulturelle Unternehmen. Facebook ist ein kulturelles Unternehmen, das ist kein technologisches Unternehmen. Die Technik von Facebook die kann jeder, alle können Facebook programmieren. Das ist wirklich nichts Besonderes. Aber das kulturelle was dahinter steht, diese Freiheit, dieser Austausch und diese Angstfreiheit, das sind kulturelle Werte des Westens.

 

ecce – Wenn Kultur nun von Unternehmen getragen wird, welche Rolle können Künstler noch spielen?

Mein Kunstbegriff ist ja sowieso etwas ausgeweitet. Für mich ist alles Kunst, was jemand von sich heraus tut, ohne vorher eine Marktforschung gemacht zu haben. Und, im engeren Sinne... vielleicht sind Künstler im kulturellen Bereich das, was Erfinder im technischen Bereich sind. Und genauso wie wir im technischen Bereich immer Erfinder brauchen und gebraucht haben, jetzt wo es in Richtung Kultur geht, brauchen wir Erfinder für die Kultur – und das sind Künstler.

 

Der Streitkultur-Award 2017 ist mit 20.000 Eur dotiert. Einsendeschluss ist der 31. November 2017.
Zum Streitkultur-Award.

 

 
Interview: Aude Bertrand-Höttcke