ecce - european centre for creative economy

Doris Rothauer

Doris Rothauer ist Wirtschaftswissen-schaftlerin, Kulturmanagerin, Autorin und ausgebildete systemische Beraterin. Nach 15 Jahren in leitenden Funktionen im Kulturbereich gründete sie 2006 das BÜRO FÜR TRANSFER. Ihr Fokus liegt auf Strategieberatung und Coaching in Kunst und Kreativwirtschaft sowie auf Vermittlungs- und Kooperationsprojekten. In ihrem Buch „Kreativität. Der Schlüssel für eine neue Wirtschaft und Gesellschaft“ (facultas, Wien, 2016) geht sie der Frage nach, wie Kreativität Lösungen für Struktur- und Systemkrise bereitstellen kann.  

"Wir Wissen GAR NICHT, WAS KREATIVITÄT BEDEUTET"

Warum ist Kreativität zurzeit in aller Munde? Was macht den Reiz an diesem Rohstoff gerade heute aus?

Wir erleben tatsächlich so etwas wie einen Kreativitätshype, speziell in der Wirtschaft: Alles muss kreativ sein, von einzelnen MitarbeiterInnen über das Produkt und dessen Vermarktung bis hin zu ganzen Organisationen, Städten, Regionen. Das kommt einerseits aus dem Bewusstsein, dass business as usual nicht mehr funktioniert, wie uns die täglich neuen Krisen lehren. Unsere Welt ist so komplex und unvorhersehbar geworden, dass bisherige Strukturen und Systeme zunehmend versagen. Gefragt sind neues Denken und Handeln – das erfordert viel Kreativität. Andererseits hat sicherlich das Konzept der Kreativwirtschaft vor allem wirtschaftspolitisch seinen Beitrag zum Hype geleistet.

Kreativität als Allheilmittel für gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen – das ist eine Essenz der heutigen Debatte. Während unserer Konferenz Forum d’Avignon Ruhr kam zum Ausdruck, dass das die Diskussion vereinfache, Kreativität dürfe nicht nur instrumentalisiert werden. Wie gehen Sie damit in Ihrem Buch um?

Wir wissen gar nicht, was Kreativität bedeutet. Deswegen ist sie nach wie vor in der Kunst, dem Schöpferischen, dem Unerklärlichen beheimatet. Wir assoziieren sie mit allem Unstrukturierten, Chaotischen, Idealistischen – mit einem „Anderssein“, das sich gesellschaftlichen Konventionen entzieht. Wir brauchen aber einen Paradigmenwechsel, um zukunftsfähig zu bleiben. Damit bekäme Kreativität einen neuen Stellenwert. Denn die Fähigkeit zur Veränderung und Weiterentwicklung ist bereits eine Form von Kreativität. Sie ist eine Gestaltungs- und Problemlösungskompetenz. Wenn wir ihr Potenzial richtig erkennen und nutzen wollen, müssen wir uns sehr ernsthaft damit auseinandersetzen, was Kreativität wirklich bedeutet, und wie sie funktioniert. In meinem Buch spanne ich den Bogen daher sehr weit auf, gehe in die Entwicklungsgeschichte des Kreativitätskonzeptes, in die Neurologie und Psychologie, in die Ausbildung – und in die Denk- und Handlungsweisen von KünstlerInnen und Kreativschaffenden. Was können wir von ihnen lernen im Umgang mit und dem Einsatz von Kreativität?

Im Selbstverständnis von KünstlerInnen ist Kreativität häufig etwas anderes als in der Denkweise  von Politik oder Wirtschaft. Wie können und müssen diese Perspektiven vereint werden?

Kreativität ist eine Frage der Haltung. Ich kann mein Denken einengen oder öffnen, in jeder Hinsicht, in jeder Situation. Wenn ich es öffne, gehe ich mit anderen Augen durch die Welt, kann Dinge und Menschen um mich herum anders sehen und wertschätzen, kann andere, neuartige Zusammenhänge herstellen, auf ganz andere Ideen kommen. KünstlerInnen und Kreativschaffende leben uns das vor. Ihr Denken und Handeln ist von Werten geleitet, die es ihnen ermöglichen, ihre ganze Kreativität zu entfalten. Eine Kreativität, die nicht nur aus einer ästhetisch-gestalterischen Kompetenz besteht. KünstlerInnen und Kreativschaffende beschäftigen sich heute mit den brennendsten Themen und Problemen unserer Gesellschaft und entwickeln zukunftsfähige Antworten darauf, die allerdings zunächst ungewöhnlich erscheinen. Deswegen beachten wir sie zu wenig. Wenn wir diese Form der Kreativität in allen Bereichen der Gesellschaft stärker entwickeln und wertschätzen würden, könnten wir neue Formen des Wirtschaftens, neue Formen von Zusammenarbeit, neue Formen von Organisationen entwickeln. Wofür es ja auch schon eine Reihe von Beispielen gibt ...

Was sind für Sie wichtige Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Weichenstellungen, damit Kreativität sich entfalten kann?

Zunächst einmal die Schulausbildung. Dort beginnt es ja, dass Kreativität – in diesem Falle als divergentes Denken – nicht gleich wertgeschätzt wird wie analoges Denken und repetitives Wissen. Warum haben künstlerische und musische Fächer im Stundenplan nicht den gleichen Stellenwert wie etwa Mathematik? Warum wird nur das auswendig gelernte Wissen gut benotet und nicht auch quer Gedachtes? Zu den gesellschaftlichen Weichenstellungen gehört aber auch der Paradigmenwechsel weg von der Ressourcenausbeutung hin zur Potenzialentfaltung. Und das beginnt beim Umgang der Menschen miteinander und mit sich selbst: Wir brauchen Mut statt Angst, Vertrauen statt Misstrauen, Wertschätzung statt Geringschätzung, Wirksamkeit und Sinnstiftung statt Effizienz und Produktivitätsdruck. Wichtig sind eine Kultur des Scheiterns und eine Kultur der Experimente, ein ganzheitliches Denken. Und als aller Oberstes: Visionen.

Was sind Ihre Forderungen an Politik und Wirtschaft? Und haben Sie auch Forderungen an KünstlerInnen und Kreative?

An die Politik und Wirtschaft: tatsächlich wieder Visionen zu entwickeln. Raus aus dem Hamsterrad! Die eigenen Strukturen und Systeme mutig und ehrlich hinterfragen, Erfolg nicht nur an sich selbst messen, sondern daran, welchen Beitrag man zum Gesellschaftswandel leistet. Und natürlich KünstlerInnen und Kreative auf Augenhöhe betrachten, Synergien suchen, sie als Teil des Ganzen sehen, ihre Gestaltungskompetenz jenseits von Unterhaltung nutzen. An die KünstlerInnen und Kreativen: Auch da müssen einige veraltete Strukturen und Systeme aufgebrochen werden, vor allem im institutionalisierten Kunstbetrieb. Abgrenzungen nach außen ebenso wie feindliche Rollenbilder (die „böse“ Wirtschaft) müssen aufgegeben werden. Gestaltungskompetenz muss sich zu einer Gestaltungswirkung entfalten können – das geht nur im Miteinander.

Interview: Susanne Pahl, ecce GmbH / Doris Rothauer
Foto © Doris Rothauer